Lyrik

Lyrische Sequenzen von Arnold Illhardt

 

 

Bilder

Wir sind Augenmenschen und brauchen Bilder

Brauchen sie, um die Welt zu begreifen

Bilder sind Bildung, wenn wir nur wollen

Als Vorbild oder Denkvorlage und

Um uns bestenfalls selbst ein Bild zu machen

Sie können sichtbar machen und gleichzeitig verbergen

Sie können beweisen und gleichzeitig lügen

Bilder faszinieren und schockieren zugleich

Sie regen an und regen auf

Sie inspirieren und steigern die Lust

Manche Bilder drängen sich dem Sehen auf

Während sich andere der Oberflächlichkeit entziehn.

Und immer ist es das Auge, das Bilder macht

Wir haben uns gewöhnt an magische Vielfalt

Merken nicht, wenn dann und wann etwas fehlt

Erst an den Rändern, dann immer mehr

Verfremdet, in den falschen Kontext gestellt

Denn nicht allen ist es recht, dass wir alles sehen

Darum trau deinen Augen und nicht all den Bildern

Sonst schaust du nicht das, was du möchtest

Sondern das, was du sollst.

Quarantäne

 

Wir leben in einer Box

Mit liebevoll bemalten Wänden

Gelebtes Leben in jedem Winkel

Regale und Schränke mit Gefühlen gefüllt

Gedanken fläzen sich auf Sofas und Sesseln

 

Wir leben frei von Macht und Gewalt

Antikapitalistisch und von Gesetzen verschont

Manchmal schauen Nin und Goldmann vorbei

Hesse und Bakunin besuchen uns auf einen Tee

Wir leben fleischlos und frönen dem Genuss

Häufig trunken von Leidenschaft und Lust

 

Und dann und wann verlassen wir unsere Box

Unser kleines Paradies von Bougainvillea umrankt

Schwimmen eine Weile mit im Strom

Begegnen all dem, was uns widerlich erscheint

Schon bald sind sie da, all die Zeichen

Einer leeren Zeit, gefühlskalt und öd

Alsbald flüchten wir zurück in unsere Box

Fast einer selbst gewählten Quarantäne gleich.

 

 

Einmalig

 

Ach Mensch

Ich vergaß, wie farbenfroh und fantastisch die Natur sein kann

Es war schon so selbstverständlich geworden

So dass es sich meinem Bewusstsein entzog

Ich übersah den romantischen Schein des Mondes

Schien er doch fast jede Nacht

Ich beachtete nicht mein Gesicht im Spiegel

War es doch so alltäglich geworden

Doch dann lernte ich, mit deinen Augen zu sehen

Alles gewann an Bedeutung

Und wurde

Einmalig.

holen wir uns die dunkelheit zurück

 

wir ließen uns die dunkelheit nehmen

weil es produktiver sei

die nacht zum tag zu machen

das allgegenwärtige licht

blendete unsere träume aus

all die verrücktheiten

das unmögliche

widerspenstige

und verruchte

in der nacht war man frei von den regeln

des tages und der vernunft

 

holen wir uns die dunkelheit zurück

 

Die Norm

Auf dem Speiseplan

Steht wie immer laffe Normativität

Lieblos dekoriert

Einfallslos garniert

Längst ist sie dir zuwider

Das geschmacklos gewürzte Gericht

Längst fehlt es ihm an Frische

Längst hat es deine Gesundheit ruiniert

Doch du verschlingst es

Mit Kritik, versteht sich.

Doch so änderst du nichts

Spuck es aus!

 

FLEISCH

 

FLEISCH IST

NATÜRLICH NORMAL UND NOTWENDIG 

 DIE ABSTRAKTION GELINGT

DIE EURE KINDER GLAUBEN MACHT

FLEISCH WACHSE AN DEN BÄUMEN

UND NIE WÄRE BLUT GEFLOSSEN

UND NIE HÄTTEN KÄLBER GESCHRIEN

UM EURE EDLEN GRILLE

MIT BILLIGFLEISCH ZU FÜLLN

EURE LEFZEN SPEICHELN

BEIM ANBLICK EINES LAMMS AUF THYMIAN

GARNIERT MIT GLEICHGÜLTIGKEIT

WAS SCHLACHTEN WAS STREICHELN

MAN IST WAS MAN ISST

 

Vergebliche Suche

 

Was hab´ ich gesucht

Gewühlt und gegraben

Die Tücher gewendet

Den Staub weggewischt

 

Was hab ich gelesen

Recherchiert und geblättert

Von hinten nach vorne

Und gegen den Strich

 

Was hab ich gedacht

Überlegt und gegrübelt

Mein Hirn durchforstet

Geschaut und gefragt

 

Doch was ich fand

War Leere

Und kein bisschen

Menschenverstand

 

Hoffnung

 

Wenn alles zerfällt, in Stücke zerbricht,

Leuchtet am Ende ein blassblaues Licht.

Es heißt Hoffnung, und stirbt, bevor sich der Rest zersetzt

...zuletzt.

 

Natürlich ist sie, die Hoffnung, verliebt ins Gelingen;

Liebte sie das Scheitern, so würd´ sie nichts bringen.

Andererseits verlängert sie, aber hätt´man sonst eine Wahl?

…Die menschliche Qual.

 

Glaubt man Nietzsche, so kommt man ins Grübeln,

Ist sie das Übelste von fast allen Übeln.

Sie ist Ohnmacht der Seele, lässt Vernunft vermissen.

…Eben: Defizitäres Wissen.

 

Doch egal wie man´s dreht, so bleibt doch am Ende

zuvorderst der Wunsch nach ´ner glücklichen Wende.

Drum ist Hoffen Gold und Verzweifeln viel schlimmer.

…Da lob ich mir doch

den Hoffnungsschimmer.

 

 

Frühling auf dem alten Nordfriedhof München

 

Ein unwirklicher Ort inmitten einer lauten Welt

In Schatten betagter Bäume, ein altes Gräberfeld.

Efeuumrankte Male, verwittert von der Zeit

Und dennoch unübersehbar Leben und Lebendigkeit.

Kinder spielen Fangen im Frühlingssonnenlicht

Sie hörten vom Tod, doch erwägen ihn nicht.

Drei alte Damen durchqueren scherzend den Park

Was sie an diesem Ort wohl so belustigen mag?

Jungen Frauen joggen mit anmut´ger Figur

Zwischen den Gräbern, hier ist ihr Parcours.

Vorbei an Menschen in Büchern versunken

In sich gekehrt und von Ruhe ganz trunken.

Auf einer Decke ein Paar, ganz vertieft in ihr Sein

Unendliche Liebe steht nebenan auf dem Stein.

Ach, machte man doch eine Ausnahme mir

Würd ich bald sterben, so begrabt mich gern hier.

Schaut ich nach oben, so wär es hier eben

Lebendiger als in manch wirklichem Leben.

 

Es ist Liebe

 

Die Poesie der Addition, Vorahnung einer Sensation

Beginnend mit einem Bild, beinah fragil, unendlich zart

Ein Anfang, Begegnung, Zukunft bald schon offenbart.

 

Die Mathematik des Seins, des Meins und des Deins

Die Summe von Eins und Eins ist mehr als nur Zwei

Differenzen vereinigt, fast schon einerlei.

 

Miteinander, Solidarität statt Rivalität

Immer wieder Neu statt sicheres Alt

Leben im Jetzt, statt immer nur bald.

 

Zeitloser Kommunismus, fast schon Anachronismus

Klarsicht vernebelt, gegen Vernunft resistent

profitlos, unkalkulierbares Element

 

Gesellschaftliche Essenz, mit steter Präsens

Störfaktor im kapitalistischen Getriebe

Wovon ich spreche, ist einfach nur Liebe.

 

 

 

Abendgebet

 

Habe ich ihn heute schon lobpriesen, DEINEN Namen, oh WACHSTUM?

Bist DU doch die sinnstiftende Instanz unser aller Leben.

Die Macht, die uns Brot gibt und unserem Sein ein irdenes Korsett.

Ohne DICH würden wir in Höhlen hausen,

Zu Fuß gehen und nur Rüben fressen.

Doch DU, gesegnet sei DEIN Antlitz, ermöglichst es uns

In Doppelhaushälften zu wohnen und Großraumwagen zu fahren.

DIR verdanken wir´s, zwischen Farfalle und Cannelonni wählen zu können.

Gegrüßest seist DU, WACHSTUM , unter all den menschlichen Errungenschaften,

Egal, welche Prozentzahl DEINES Fortschreitens die Ökonomen errechnen.

Was zählt ist, dass es stetig vorangeht,

Größer, Weiter, mehr, das ist die Devise.

Stillstand bedeutet Tod.

Wer DICH bekämpft, liebt den Menschen nicht.

DEIN Reich komme, wie im Himmel, so vor allem auf Erden.

Gebenedeit sei DEIN Name für alle Zeit.

Wir knien vor DIR nieder, oh DU goldenes Kalb,

Machen gerne uns DIR zum Untertan.

Denn DEIN Geleit auf allen unseren Wegen

Ist uns des Glückes Unterpfand.

DEIN verlässliches Gesetz des Mehr, der Grenzenlosigkeit,

zeigt uns stets Ziel und Richtung an.

 

Doch seit ein paar Tagen komm´n mir Zweifel

Meine Gesundheit zwingt mich stillzustehn.

Ich nehm die rosa Brille von den Augen

Um DICH, WACHSTUM, anzusehn.

Und da wird mir klar, ich bin DIR auf den Leim gegangen

Und noch was, sehe ich nun klar,

Dass auch des Menschen Dummheit oder ist es Blindheit?

Ohne Ende ist.

 

 

Liebessturm

 

Die Liebe, blinzelt trunken, verschmitzt

Aus zerwühlten Kissen, noch leicht erhitzt

Kam sie doch nächtens daher

Wie ein Gewitter am Meer.

 

Ich küsse deine Schulter, so warm, so weich

Federleicht und sinnenreich,

Der nicht enden wollende Moment streift sanft mein Gesicht

Wie ein Säuseln, zaghaft im Morgenlicht.

 

Weißt du noch, wir suchten die Liebe, ersehnten sie an Horizonten, viel zu fern.

Doch anstatt sie zu finden, fand sie uns und ich glaub, sie tat´s gern.

Und nun liegt sie da, selig lächelnd zwischen dir und mir

Allgegenwärtig und lebendig im Hier.

 

Die Zukunft verwandelt in jetzige Zeit

Illusionen verzaubert in Wirklichkeit.

Ich kann’s manchmal nicht glauben, so gewaltig, so nah

Utopie und Sehnsucht, was gestern war.

 

 

 

Nachts am Fluss

 

Wenn es Nacht wird und im Park gegenüber die Laternen aufglimmen

 

Wenn die letzten harten Jungs ihren Platz der runtergelassenen Scheiben mit durchdrehenden Reifen verlassen

 

Wenn die Kneipe um die Ecke die letzten lallenden Gäste ausspuckt

 

Wenn die Fledermäuse lautlos ihre Bahnen über unseren Köpfen ziehen und du dich immer fürchtest, sie verhedderten sich in deinem Haar

 

Wenn im Uferdickicht die Ratten emsig werden und sich die Fische an der Wasseroberfläche was glucksen, dann ist er da, der Moment der Momente.

 

Eine Zeit, voller Stille und Tiefe, eine Zeit, in der unsere Köpfe leuchten, Gedanken, die durch ihre Farben das Dunkle zum Singen bringen.

 

Während manche Ideen unter dem Haselnuss noch reifen, explodieren andere über der schlafenden Welt.

 

Giftgetränktes Umsturzsinniertes kriecht den Bösen unter die Decke, während sich die Guten vom Läuten der Freiheitsglocken traumtrunken die Augen reiben.

 

Komm, Liebchen, gieß noch mal zu, heut ist die Nacht der Nächte, heut schaffen wir den Morgen danach.

  

 

 

Manchmal möcht ich...

 

(..neulich nach der Lektüre der Tageszeitung)

 

Manchmal möcht ich brüllen, zündeln,

Revolutionäre Kräfte bündeln.

Möchte Leute an den Kragen packen,

Schütteln, bis die Knochen knacken.

Manchmal könnt ich wüten, stechen,

Eine Lanze für die Armen brechen.

Möchte schreiend um mich schlagen,

Ganz spontan den Aufstand wagen.

Manchmal möcht ich Bomben legen,

An dem Thron der Mächt´gen sägen.

Möchte kämpfen für die Sache,

Teils aus Wut und teils aus Rache.

Manchmal möcht ich kratzen, beißen,

demolieren, niederreißen.

Möchte kämpfen, Zähne zeigen,

Und den Reichen mal was geigen.

Manchmal möcht ich,

Doch dann denk ich.

Manchmal will ich,

Doch dann klärt´s sich.

Ich glaub, deswegen schreib ich.

 

 

 

Fassungslos

     Was ist nur mit meiner Fassung los?

Ich wollt´ sie doch behalten, nun scheint sie verloren

Ein leeres Gefühl, die Stimmung erfroren.

Und im Hals ein zentnerschwerer Kloß.

 

Noch gestern tanzte ich froh, vom Glück verwahrt

Hab in Gedanken Kapriolen geschlagen

Wurde von sonniger Laune getragen

Doch heute: hat sie mit Elend sich gepaart.

 

Was ist passiert, wo liegt das Motiv?

Nicht mal nach Lust steht mir der Sinn

Und alle Lebendigkeit ist hin

Der ganze innere Frieden, der hängt schief.

 

Nun ring ich mit ihr, der Fassung in mir.

Dabei habe ich heute nur nachgedacht

Mir Gedanken über Zeit und Welt gemacht.

Und frag mich: Gibt´s für Nazis kein AntiVir?

 

CDU - Nachruf

 

Verachtet sei ihr Analogchristentum

Ihr Hochglanz-So-Als-Ob-Demokratie-Getue

Ein isomorpher Bund aus geklonten Mitläufern

Bibbernd vor Angst vor dem eigenen Schatten

 

Sie verwaltet die deutschen Werte und Tugenden

Um sie mit blasierter Ignoranz zu versilbern

Auf ihre verblassten Fahnen streitet sie für Recht und Ordnung

Frönt dem Wohlstand für Wenig, lobpreist die Elite

 

Sie verliert sich ins Triviale, - zögert, wenn es drängt

Verwaltet Missstände, anstatt sie zu lösen

Sie ist Meisterin im Vorbereitreden und des Bewahrens von Schein

Sabbernder Schoßhund der Bourgeoisie

 

Und am Firmament leuchte die ewige Raute

Über den obrigkeitshörigen Wegguckern

CeDeU, das ist der armselige Versuch

Die eigene Unterworfenheit mit Orange zu kaschieren

 

Nach und nach verschwand sie aus den Parlamenten

Und man hat es nicht einmal bemerkt

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