LIEBLINGSMUSIK - Sounds of my life

 

 

 

Musik wurde ab etwa dem 10. Lebensjahr enorm wichtig für mich und ist heute kaum mehr aus meinem Leben wegzudenken. Musik ist Reinigung, Aufputschmittel, Antistresstherapie und Aphrodisiakum zugleich. Großgeworden mit der Musik meiner Geschwister (Beatles, Beach Boys. Stones) kam ich über Freunde sehr schnell zur Rockmusik (Deep Purple, Black Sabbath, Rory Gallagher, Cream oder Led Zeppelin). Über Ausflüge zu Psychedelischem Rock, Zappa, Gothic, Independendent, Crossover, EBM, Prog-Rock, Jazzrock landete ich später und bis heute im Schwermetallbereich, ohne dabei die Rockmusik, den Folk oder die elektronische Musik aus den Augen zu verlieren. Dabei sind für mich vor allem die Atmosphäre, die Spielfreude, der Abwechslungsreichtum, die Authentizität und die Energie der Musik wichtig.

Die verschiedenen Schallplatten bzw. später CDs, die für mich bedeutungsvoll waren, findet man nach Epochen aufgeführt. Es geht mir dabei weniger um "Plattenkritik", sondern eine Beschreibung der Bedeutung der jeweiligen Musik und damit auch um einen Rückblick auf ein musikalisch bewegtes Leben.

 

 

Die 70er

 

DEEP PURPLE (GB) – IN ROCK (70) … Meine erste Musikanlage bestand aus einem fetten Nordmende-Röhrenradio und einem Plattenspieler, den mein Vater aus einer alten Musiktruhe ausgebaut hatte und der vom Schreiner nebenan mit einer Holzeinfassung versehen wurde. War nicht gerade High Fidelity, aber dafür laut. Für die paar Singles, die ich z.T. von meinen älteren Geschwistern geerbt hatte, reichte es allemal. Auch wenn mich meine Erinnerungen etwas im Stich lassen, so bin ich ziemlich sicher, dass „IN ROCK“, das vierte Studioalbum der britischen Rockband DEEP PURPLE, meine ERSTE Langspielplatte überhaupt war. Von der Band besaß ich als Jugendlicher später bis zu dem Album BURN alle Scheiben. Während ich über meine Geschwister mit Beatles, Rolling Stones, aber auch mit Troggs und Cliff Richard versorgt wurde, standen die Jungs in meiner Clique auf Suzi Quatro, Slade und Sweet. Als ich bei einem Freund erstmalig den Sound von DEEP PURPLE hörte, brachte er meine bisherigen Hörgewohnheiten nicht nur durcheinander, sondern führte mich auf neue Musikpfade. Mir wurde klar, Musik musste hart, schrill, abgedreht, ehrlich und elterninkompatibel sein. Vor allem bei „Child In Time“ in Nordmende-Maximal-Lautstärke stand regelmäßig meine Mutter im Zimmer und beschwerte sich über das in ihren Ohren schreckliche Gekreische von Ian Gillan. DEEP PURPLE sind in meiner umfangreichen Musiksammlung inzwischen leicht eingestaubt, aber „Speed Kind“ zählt nach wie vor zu meiner Favoritenliste. Und dann höre ich Muttern an die Tür klopfen: Junge, mach den Krach leiser!

 

BLACK SABBATH (GB) – BLACK SABBATH (70), PARANOID (70), MASTER OF REALITY (71) und VOL4 (72) … Die Eltern meiner ersten Freundin, die praktischerweise direkt gegenüber wohnte, besaßen einen formidablen Partykeller mit allem Zipp und Zapp: Lichtorgel, Theke, fette Stereoanlage und angrenzender Getränkekeller. Die älteren Schwestern hatten alle vier Wände im Stil des „Dark Side Of The Moon“- Covers von Pink Floyd angestrichen. Dort verbrachten wir Stunden über Stunden, um uns bei O-Saft und unsäglicher Cat-Stevens-Untermalung auf ausgedienten Matratzen das Leben schön zu knutschen. Im Keller standen auch die Schallplatten der älteren Schwestern und genau dort entdeckte ich BLACK SABBATH. Es war um 1973 herum und ich war 14. Deep Purple, Uriah Heep und Sweet waren bereits in die Rock-Diaspora Telgte durchgesickert. Doch beim ersten Hören der musikalisch schwergewichtigen Engländer wurden bei mir direkt ein paar wichtige Rezeptoren gekoppelt, die sich auch ein Leben lang nicht mehr trennen ließen. Laut, düster und unheimlich böse klang der Sound der Jungs aus Birmingham und setzten damit einen klaren Kontrast zu den Weichspülern, die wiederum meine älteren Geschwister hörten. Mein ansonsten sensibel gestimmtes Reizleitungssystem wollte Donnerkrachen und kein westfälischen Nieselregen, weshalb ich mit den Beatles und Stones nie viel anfangen konnte. Doch die durchgeknallte, schrill-schräpige Stimme von Osbourne und Iommis geniales Gitarrenspiel setzten nicht nur eine klare Marke als Grundpfeiler des weltweiten Heavy-Metals, sondern wurden seitdem auch bei mir zur Blaupause für spätere Hörgewohnheiten. Es hatte viel Charme, dass man sich damals die Platten selbst gar nicht kaufen musste, da alle vier damals existierenden Alben von BLACK SABBATH auch bei den Freunden im Regal rumstanden und sich auf den Plattentellern drehten. Auch wenn ich die Phase u.a. mit Dio und anderen Sängern ausgeblendet habe, gehört BLACK SABBATH zu den eher wenigen Bands, die ich nie aus den Augen verloren habe. Als letzte Tage auf dem Weg zur Arbeit die Stücke „Paranoid“ und „Iron Man“, aber auch das gleichnamige „Black Sabbath“ in hoher Lautstärke über die Boxen wummerten, überlegte ich, was für ein Potential bereits in den Siebzigern existierte, an das heute viele Bands nicht annährend heranreichen. 2013 sah ich die Band live in Dortmund – irgendwie ein seltsames Gefühl, wie die Heroen der Jugend mitgealtert sind und – welch' Wunder – immer noch leben. Ein spektakuläres Konzert, das ich wie elektrisiert verfolgte. Und da waren sie wieder die Sätze: „What is this that stands before me? Figure in black which points at me…“ Die Frau in Schwarz vom ersten Cover spukte immer wieder durch mein Leben und bei dem Konzert hatte ich das Gefühl, sie winkte mir zu.

 

 

BILLY COBHAM (USA) – SPECTRUM (73) … In dem ehemaligen Hühnerstall von Strati´s Elternhaus, den wir wegen der Nachbarn mit Eierpappen ausstaffiert hatten, stand ein gewaltiger London City Gitarrenverstärker mit kühlschrankgroßer Box, über den der Plattenspieler meines drei Jahre älteren Kumpels lief. Ich war 16 und Strati wies mich damals in die Welt der Frauen, des Alkohols und der wichtigen Musik ein. Sex, Drugs & Rock´n Roll eben! In seiner damals schon recht umfangreichen Plattensammlung entdeckte ich beim Rumkramen „Spectrum“, die erste Platte von Billy Cobham. Ich zog sie raus und fragte, wer Cobham sei. Strati sprach nicht viel, sondern legte die Scheibe auf, drehte den Regler hoch und schob mir ein Glas Whisky-Cola rüber. Was mir da um die Ohren blies, war heftig und mächtig. Bis dato war ich eher mit Black Sabbath und Deep Purple unterwegs. Aber die Art und Weise, wie Cobham Schlagzeug spielte, war absolut atemberaubend. Ein paar Gläser später konnte man auch Farben zur Musik sehen und Strati erklärte mir, dass Cobham der weltbeste Drummer sei. Den Sound nannte man Fusion, ein Gebräu aus Jazz, Rock und Funk. Die teilweise hasplig-verschachtelten Klänge vom Piano (Jan Hammer) waren anfangs gewöhnungsbedürftig, aber die Schlagzeugtechnik war nicht von dieser Welt und zog mich nachhaltig in ihren Bann. „Der spieltechnische Unterschied zwischen rechter und linker Hand ist bei Cobham aufgehoben (Wikipedia). Bei mehreren Stücken, die nur aus Drum-Soli bestehen, kann man dies gut nachvollziehen. Zuhause hörte ich immer wieder das fast 10minütige „Stratus“ an, eines der wohl einzigartigsten Schlagzeugstücke, dich ich je gehört habe. Sicherlich um die 10 Jahre lang prägte Jazzrock/Fusion meinen Musikgeschmack und führte dazu, dass die Größe meiner Lautsprecherboxen exorbitant zunahm. Als ich es gestern bei der Autofahrt hörte, war die spannende Zeit wieder präsent. Ich konnte sogar den billigen Whisky in der Cola riechen.

 

RORY GALLAGHER (IRL) – TATTOO (73) ... Nach den Schularbeiten setzte ich mich aufs Rad und fuhr zu meinem Kumpel in den Nachbarort. Zunächst gingen wir eine Runde ums Kaff, rauchten, quatschten über Gott, die Welt und die hübschen Mädels in Westbevern und verbrachten dann den Rest des Nachmittags vor Achims Anlage. Meistens lief RORY GALLAGHER. Jeder von uns besaß Scheiben von dem irischen Musiker und beide waren wir große Fans. Rory war für uns ein Star ohne Allüren, so als wäre er einer von uns. Wir waren fasziniert, wie er seine Stratocaster-Gitarre bearbeitete. Seinen Stil, aber auch seine besondere, immer etwas haspelige Stimme erkannte man aus Hunderten heraus. Sein Instrument „... erzeugt einen Klang, der mit hoher Geschwindigkeit während eines Gallagher-Auftritts heult und ansteigt – ein Verschmelzen von Obertönen, die er durch das Halten des Plektrums in einem bestimmten Winkel zwischen Daumen und Finger erzeugt...“ Jimi Hendrix soll mal gefragt worden sein, wie es sich anfühlt, der beste Gitarrist der Welt zu sein, worauf Jimi geantwortet haben soll: „Ich weiß nicht, aber frag mal Rory Gallagher.“ Was ich nicht wusste, dass es damals u.a. von Deep Purple und Rolling Stones Anfragen gab, Gallagher als Gitarristen für die Bands zu gewinnen. Allerdings blieb der Ire lieber seinem eigenen Ding treu. TATTOO ist nur eine der Platten, die damals für mich von Bedeutung waren, genauso verehrte ich „Live in Europe“, „Calling Card“, „Irish Tour ́74“, aber auch die früheren Aufnahmen mit seiner Band TASTE. Sein Stil ist „... ein Mix aus klassischen Stilarten des Blues vom Delta Blues bis hin zum Chicago Blues, moderat harten Riff-Rock sowie gelegentliche Ausflüge in Folk, Country und Jazz (www.rezensator.de).“ Leider habe ich RORY nur bei seinem legendären Rockpalast-Konzert in der Essener Grugahalle im Fernsehen „halb live“ gesehen – eine unvergessliche Nacht. Dafür habe ich dem viel zu früh verstorbenen Musiker bei meiner persönlichen Irish Tour vor ein paar Jahren einen Besuch an seinem Grab abgestattet und mich für die geile musikalische Zeit mit ihm bedankt. Ich denke, GALLAGHER hat mich gelehrt, es kommt in der Rockmusik nicht auf die Show an, sondern auf die Authentizität der Musiker.

 

STEELY DAN (USA): CAN´T BUY A THRILL (72), COUNTDOWN TO ECSTASY (73), PRETZEL LOGIC (74) usw. Als ich vor ein paar Monaten begann, noch einmal bewusst all die viele Musik durchzuhören, die in meinem Leben von besonderer Bedeutung war und letztendlich meine heutigen musikalischen Hörgewohnheiten beeinflusst hat, stieß ich auf die Platten der amerikanischen Band STEELY DAN. Ich hatte all die Songs wie „Do it again“ oder „Rikki, don´t loose that number“ ausgeblendet, doch jetzt beim Wiederhören öffneten sich ganze Scheunentore mit alten Erinnerungen, Gefühlen und inneren Bildern, die genau wie die Musik selbst prägende Wirkung hatten und immer noch haben. Der Sound der Musiker um Walter Becker und Donald Fagen ist ein Konglomerat aus Rock, Funk, R&B, Jazz und Pop und stellt für mich die Chillout-Area einer ansonsten wilden Zeit Ende der Siebziger dar. Ich seh mich wieder auf irgendwelchen Partys, auf denen man sich alkoholselig und in einer gewaltigen Qualmwolke die Zukunft schwurbelig träumte. Auf STEELY DAN tanzte man nicht, sondern man chillte. Der Sound war ausgefeilt, geschmeidig und immer nah dran an der Perfektion („one step beyond perfection“) oder - wie es in einer Reportage des Bayrischen Rundfunks umschrieben wurde: „…Unter ihrer glatten, fast immer eleganten Oberfläche gibt es jede Menge gefährliche Unterströmungen.“ All die vielen fantastischen Stücke sind „ … ergreifende Popmelodien mit jazzigen Arrangements und überraschenden Tempo- und Melodie- und Harmoniewechseln .... (laut.de)“. Beim Hören von PRETZEL LOGIC ergriff mich glatt ein wenig Schwermut, denn an der damals noch gefühlten Unbeschwertheit und Leichtigkeit hat leider viel zu viel der Zahn der Zeit genagt. Deswegen häufiger mal wieder STEELY DAN hören und der Oberflächlichkeit, Beliebigkeit und Betriebsamkeit der Jetztzeit den Stinkefinger zeigen.

 

FRANK ZAPPA AND THE MOTHERS OF INVENTION (USA) – OVER-NIGHT SENSATION (73) … Als ich das erste Mal ZAPPA auflegte – ich war vielleicht 15/16 – stellte dieses abgedrehte Klanggemisch meine Musikwelt völlig auf den Kopf: War das noch Musik, Slapstick oder Theater? Hatte man ZAPPA in seiner Jugend gehört, dann war man für den Rest des Lebens musikalisch gewappnet. Einer anfänglichen Skepsis folgte alsbald ein großer Spaß an der Musik, denn dieser von Musikern aus der Weltbestliga zusammengebraute Sound passte hervorragend zu meiner (eigentlich nie abebbenden) rebellischen Sturm- und Drangzeit. Und da Amerika schon damals als Inbegriff von Spießigkeit, Prüderie und Kriegslüsternheit galt, war ZAPPA der willkommene Gegenpol. OVER-NIGTH SENSATION war die erste Platte, die ich von ZAPPA in mein wachsendes Archiv stellte. Mir gefiel längst nicht alles von ihm und seiner Band MOTHERS OF INVENTION und ich kenne auch nicht alle 62 Veröffentlichungen, aber „Apostrophe“, „One Size Fits All“, „Zoot Allure“ oder „Joe´s Garage“ gehören mit zu meinen bevorzugten Alben. Bei „The Torture Never Stops“ (auf Zoot Allure) stand regelmäßig meine Mutter in der Tür und wirkte sichtlich besorgt über ihren in für sie unbekannte Sphären abgleitenden verlorenen Sohn. OVER-NIGHT SENSATION ist eher der Rockmusik zuzuordnen und besticht mit komplex strukturierten Songs, die auf kompakte Weise in für ZAPPA ungewöhnlich kurze Stücke eingebaut wurden. Es gibt Ausflüge in den Funk, Jazzrock, Soul und eben Rock, wodurch niemals Gleichtönigkeit oder Langeweile auftaucht. Man sollte ZAPPA ähnlich wie bei dem Literaturkanon in der Schule in die Must-Hear- Liste aufnehmen; vielleicht machte das den bei Jugendlichen so beliebten einfallslosen Kirmes-Rap auf Dauer überflüssig. Die Inhalte der sieben Songs sind häufig surreal anmutend. Was zumeist amüsant klingt, ist eigentlich bitter, da ZAPPA Großmeister darin ist, die amerikanische Gesellschaft - und nicht nur die - zu persiflieren. In "I´m the Slime" kritisiert Zappa die wie Schleim in jede Nische der Gesellschaft fließende Allmacht des Fernsehens. Ein zeitloses Thema, denn daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

STANLEY CLARKE (USA) – STANLEY CLARKE (74) … In den 70ern gab es noch kein Internet und somit auch kein youtube, worüber man sich Informationen über neue Musik hätte verschaffen können. Die Wege liefen anders: Man hatte gute, am besten ältere Freunde mit ansehnlicher Plattensammlung. Daneben wurde meine musikalische Sozialisation durch – ich nenne es mal – Vernetzungswissen geprägt: Man wusste dass Musiker XY aus der Band A auch bei B spielte; somit besorgte man sich Platten von B und später C usw. So war es nur eine Frage der Zeit bis ich als Endzeitpennäler auf den amerikanischen Bassvirtuosen STANLEY CLARKE stieß. So was hast du noch nicht gehört, meinte mein Kumpel Strati. Und dann saß man in rauchverhangenen Räumen vor kübelgroßen Lautsprechern und hörte den neuen Sound. Nein, man hörte nicht einfach nur, man goutierte die Musik. Man hockte dort wie bei einer Whiskyverköstigung, nickte bei musikalisch besonders starken Stellen und wippte bedächtig mit dem Kopf zum Takt. Mehr war zu der vertrackten Musik eh nicht möglich. Wie ich letzte Tage der selbstbetitelten CD von CLARKE – wie es sich gehört: laut – lauschte, war ich erstaunt, wie modern und abgedreht die Scheibe auch heute noch klingt. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Bassisten, die mit ihrem Bass nicht nur „rumdumsen“, sondern ihn wie ein Soloinstrument spielen. STANLEY CLARKE war gerade mal 23, als er die Platte mit Spitzenmusikern (z.B. Bill Connors, Jan Hammer, Anthony Williams) aus dem Fusionrockbereich aufnahm. CLARKE´s Spielweise ist atemberaubend und eine der seltenen Beispiele, wie Melodie und Rhythmus von einer Person auf einem Instrument gespielt werden können. Die Stücke „Vulcan Princess“ und „Lopsy Lu“ gehören noch heute zu den Meilensteinen meines Musikhörerdaseins.

 

PAT METHENY (USA) – NEW CHAUTAUQUA ( 79), AMERICAN GARAGE (79), AS FALLS WICHITA, SO FALLS WICHITA FALLS (81) … Musik, das ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Klängen und Tönen, die wir wahrnehmen, sondern sie ist immer auch mit Gefühlen, Assoziationen oder gar Erinnerungen verbunden. Und manchmal ist sie wie ein akustisches Fotoalbum oder sogar die Grundlage für eine gewisse Vision von Leben. So wie bei mir. In den 80ern begann ich, mit meinem Bulli Europa zu erkunden und reiste als erstes in die Provence. Dort sollte es nicht nur schön sein, sondern der Landstrich bzw. das Leben in ihm wurde als Ort der Leichtigkeit beschrieben. Also hin da! Noch heute liebe ich es, durch kleine Städtchen zu bummeln und alles aufzusaugen, was es dort zu riechen, sehen und hören gibt. Und dann stand ich irgendwann, angelockt von der Musik, vor einem dieser alten französischen Häuser, das Fenster in der oberen Etage war geöffnet, die Gardine wehte leicht im Wind und es lief PAT METHENY. Obschon ich damals keinen Menschen sah, fantasierte ich, dass dort eine barfüßige junge Französin an ihrem Küchentisch saß und ein Gläschen Rotwein trank. Da ich damals viel Jazzrock hörte, erkannte ich den Musiker sofort. Mit METHENY ist es wie mit Carlos Santana: Man kann die Art und Weise des Gitarrenspiels aus Hunderten heraushören. Der Jazzgitarrist gehört zu den ganz großen Musikern der Szene und hat mit unzähligen berühmten Leuten zusammengespielt wie z.B. mit Herbie Hancock, Charlie Haden oder den von mir sehr verehrten Bassisten Jaco Pastorius und Eberhard Weber. METHENYS Gitarrenspiel ist melodiös, gleitet aber selten ins Belanglose ab. „Seine Aufnahmen und Projekte weisen eine große Stilvielfalt auf, angefangen von Filmmusiken und den dichten und weit durcharrangierten Aufnahmen der Pat Metheny Group, über klassische Trio-Jazz-Standard-Aufnahmen bis hin zu stark experimentellen Aufnahmen… (wikipedia).“ Vielfach setzt er dabei Verfremdungseffekte wie z.B. einen Gitarrensynthesizer ein. Irgendwann sah ich PAT METHENY live im früheren Jovel in Münster. Ein tolles Konzert, wären da nicht störende Geräusche von zertretenen Plastikbechern und das Dauergequatsche von Gästen, was mich – ich erinnere mich noch gut – auf die Palme gebracht hatte. METHENY hegte keine Starallüren; später stand er neben mir an der Theke beim Bier. Erst viel später habe ich herausgefunden, welches Stück damals in dem provenzalischen Städtchen lief: Es war "Sueño con Mexico" von der Platte NEW CHAUTAUQUA und beim Wiederhören musste ich stets an das leichte Leben denken, das ich mir auch sehr gut in der Provence vorstellen könnte.

 

Die 80er

 

THE CURE (GB) – SEVENTEEN SECONDS (80) …. Ich weiß nicht wie ich Anfang der 80er auf THE CURE gestoßen bin oder umgekehrt: wie sich THE CURE in mein Leben eingeschlichen hat. Vermutlich eher durchs Hinterstübchen, denn die englische Band funktioniert wie eine Gute-Nacht-Geschichte: Man hat sie schon zigmal gehört und doch beruhigt sie auch beim 50. Hören. Und damit gestehe ich, ein großer Fan der Waverocker zu sein. Kaum eine Rockband polarisiert dermaßen wie die Jungs um Robert Smith: Für viele ist der Sound zu kitschig, die Stimme zu gequält und die Atmosphäre zu kajalverschmiert, aber hey, mir geht so manche intellektuelle, als wahre Musik angepriesene Punkscheiße auch auf die Nerven. Was soll´s - für mich waren THE CURE immer ein Garant dafür, die passende Trauermusik für die düsteren Stunden meines Lebens parat zu haben. Oder, wie es ein NDR-Artikel mal ausdrückte: „Es kann auch sehr viel Spaß machen, sich in diesem Leid zu suhlen.“ Und gleichzeitig ist es wie einlullende bzw. einlullabyende Entspannungsmusik. Immer wieder mischt sich „…das Morbide mit dem Schönen, so dass man gar nicht so recht weiß, ob man das alles nun traurig-träumerisch oder doch schon wieder romantisch gedacht gewesen ist. (NDR)“ SEVENTEEN SECOND war nur meine erste CD, fast alle anderen wanderten später ebenfalls ins Platten- bzw. danach CD-Regal. Bei dem „atmosphärischen, treibenden und fordernden“ Stück „A forest““ habe ich bis heute die Assoziation, durch einen nicht enden wollenden Wald zu laufen und einem nicht greifbaren Gefühl nachzuhängen. Vielleicht dem Gefühl, in der falschen Welt zu leben.

Und dann Oktober 87 in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg: Ein zuckender roter Kussmund erscheint auf der kompletten Wand hinter der Bühne, die ersten bedrohlichen Klänge und dann startet ein fantastisches Konzert im Rahmen der Kissing-Tour von THE CURE. Am nächsten Tag stehe ich mit meinem R4 an der alten DDR-Grenze, um von Hamburg weiter nach Berlin zu fahren. Plötzlich hält in der Reihe neben mir ein Mercedes 600. Drinnen sitzen neben dem beanzugten und beschlipsten Chauffeur ein Haufen blasser, langhaariger Typen in Lederjacken. Es sind THE CURE, wie ich beim zweiten Hingucken feststelle. Ich schiebe das Fenster zur Seite, Robert Smith kurbelt seine Scheibe runter und dann rufe ich ihm rüber: Danke für das geile Konzert gestern. Natürlich in Englisch. Er bedankt sich und wünscht uns eine gute Fahrt. Ich habe vergessen, ob er auch da verschmierten Lippenstift trug.

 

TALK TALK (GB): IT´S MY LIFE (84)/ THE COLOUR OF SPRING 86) … Mit Musik ist es manchmal wie mit einem guten Buch – man entdeckt die Essenz erst beim zweiten Lesen. Der Sound der britischen Band TALK TALK begleitete mich so manche Nacht in den Mittachzigern. Liefen die Songs damals eher als eine Art angenehme Hintergrundmusik, so zog mich die Musik beim jetzigen Wiederhören wesentlich intensiver in ihren Bann. Dass manche Lieder wie „Such A Shame“ oder „It´s My Life“ sogar im Radio liefen, wohin es meistens nur der klebrige Mainstream schafft, ändert nichts an der Tatsache, dass die Musik von TALK TALK eine gewisse Sogwirkung besitzt und weit über den üblichen Ramsch hinausgeht. Die Band begann 1982 mit Synthie-Pop, veränderten aber ihren Stil stetig in Richtung Avantgarde-Pop/Rock. Als sehr gewinnbringend empfand ich die Hinzunahme von Gitarren und Percussion. Musikjournalisten sehen in der Band um Mark Hollis die Wurzeln für den späteren Postrock, der die klassischen Rockelemente hinter sich lässt und mit verschiedenen Einflüssen spielt. Die beiden Veröffentlichung „It´s My Life“ und „Colour Of Spring“ faszinieren durch ihren dichten, komplexen und gleichzeitig verspielten, aber auch abwechslungsreichen Sound. Mir gefiel stets der getragene, vielleicht sogar etwas psychedelische Grundton. Die beiden CD´s reisten Ende der Achtziger mit nach Sardinien. In einer abgelegenen Strandbar, in der zu dem Zeitpunkt wenig los war, bat ich die Frau an der Bar, die Musik über die Lautsprecher laufen zu lassen. TALK TALK hören und aufs Meer schauen erwies sich als geniale Kombination. Übrigens mit nachhaltiger Wirkung – bis heute.

 

NEW MODEL ARMY (GB) – THUNDER AND CONSOLATION (89) … Ende der 80er hängte ich meinen Beruf als Krankenpfleger an den Nagel, weil ich keinen Bock mehr auf dieses hierarchieverliebte Gesundheitssystem mit Chefärzten hatte, die nach Gutsherrenart agierten. Ich war geboren, um zu leben und nicht, um mich zu unterwerfen. Mit der Aufnahme meines Studiums wuchs auch mein unterdrückter Freiheitsdrang und ich begann tatsächlich wieder, das eigentliche Leben für mich zu entdecken. Tagsüber schwänzte ich die Vorlesungen und saß in Cafes, nachts trieb ich mich in den Münsteraner Clubs rum. Als 1989 das vierte Album „Thunder and Consolation“ der englischen Rockband New Model Army erschien (das Vorgängeralbum „The Ghost Of Cain“ besaß ich schon), wurde es zu der Begleitmusik meines neuen Lebens. Thunder and Consolation ist "die perfekte Mitte aus hartem Realismus, rebellischer Attitüde und zarter Poesie (laut.de)“. Eine CD, wie eigens für mich komponiert. Zu den Stücken „Vagabonds“ oder „Green And Grey“ (aber eigentlich fast zu allen Stücken) enterte ich die Tanzfläche und rockte den Saal: raumfordernd, wild und mit diesem Gefühl von fuck the system. Die überwiegend rockigen Songs mit Wurzeln im Folk, aber auch Punk wirken nie künstlich-effekthaschend oder aufgeblasen, sondern geerdet und authentisch; sie stammen allesamt tief aus der Seele von Justin Sullivan (Ges./ Git.). Zweimal sah ich NME live - unvergessliche Konzerte mit tollen, unangepassten Menschen. Während ich heute über so manche Musikverwirrung die Augen verdrehe, gibt mir der Sound noch immer den gewissen Kick. "The time I think most clearly, the time I drift away."

 

MAANAAM (POL) – WILD CAT (85) … Die 80er waren eine wilde Zeit: Umzüge, legendäre Partys, Frauengeschichten und Männer-WG mit meinem bis heute besten Freund Josi. Abends saßen wir bei Bier und Flüppchen in der Küche und aus meinen von einem Bekannten selbst gefertigten Kübelboxen schallte laute Musik. Manchmal zum Leidwesen der WGs über uns. Irgendwann lag die Platte WET CAT von MAANAAM auf dem Plattenspieler, wobei ich nicht mehr weiß, wie ich an die Scheibe gekommen bin. Verwunderlich war zudem die Tatsache, dass MAANAAM aus Polen kamen, was damals nicht unbedingt als Mekka der Rockmusik galt. Ob es sich bei der in Polen sehr berühmten Fünferkombo tatsächlich um eine Rockband handelte, kann man diskutieren; ich würde den Sound eher dem damals sehr angesagten New Wave zuordnen. Sei´s drum: Wir fanden die Songs toll, was vor allem an der lasziven Sängerin Olga Jackowska genannt „Kora“ lag. Die charismatische Frau mit der beeindruckenden Stimme legte eine Punktlandung mitten in unser gemeinsames Beuteschema hin. Wir verehrten sie! Offenbar war MAANAAM nicht nur in unserer Klein-WG bekannt, denn schon bald wurde ein Auftritt der Band in dem Kult-Musikclub Jovel in Münster angekündigt. Wir waren natürlich dabei! Die große Halle war nicht sonderlich gefüllt und Kora musste ein paarmal das etwas sture Münsteraner Publikum (mit dem Fuß wackeln galt schon als Euphorie!) bitten, doch einen Schritt nach vorne zu kommen. Also dorthin, wo Josi und ich bereits schmachtend standen!! Und dann – nach dem abebbenden Applaus zu einem der Songs – riefen wir „Simple Story“ … „Simple Story“ … , wobei es sich um unseren Lieblingssong handelte. Kora drehte sich zu uns, zeigte auf uns beide und hauchte ins Mikrofon: „Just for you … Simple Story!“ Eine nicht belegte Legende besagt, dass vor der Bühne zwei Männer vor Wonne geschmolzen waren und nur noch zwei Pfützen nebst darin stehenden Biergläsern zurückblieben … Als ich jetzt noch einmal WET CAT hörte und zu der Band etwas recherchierte, musste ich schlucken. Was ich bis dato noch nicht wusste: Kora war 2018 an einer langwierigen Krebserkrankung gestorben. Es hat mich tief erschüttert! Rest in Peace!

 

R.E.M. (USA): DOCUMENT (87), GREEN (88), OUT OF TIME (91), AUTOMATIC FOR THE PEOPLE (92) u.a. … Von den vielen Tausend Schallplatten, CDs und anderen Tonträgern, die ich in meinem Leben gehört habe, stammten die meisten Empfehlungen von männlichen Freunden und Bekannten. Auf die US-amerikanische Band R.E.M. bin ich dagegen durch eine Kommilitonin aufmerksam geworden, die über einen großen Musikfundus im Alternativ Rockbereich verfügte. Zwar kannte ich das ein oder andere Stück bereits, aber vollständige „Platten“ lernte ich erst über besagte Studienkollegin schätzen. Der Gitarrist Peter Buck beschrieb den Sound mal wie folgt: „In Moll gehalten, ein mittleres Tempo, etwas rätselhaft, Semi-Folk-Rock-Balladen. Das ist das, was jeder denkt, und zu einem gewissen Grad stimmt es.“ Wenn ich jetzt darüber nachdenke, warum R.E.M. in den inneren Kreis der für mein Musikleben bedeutsamen Favoriten gewandert ist, so liegt es sicherlich an den Moll-Tönen, die mir immer schon hörfreundlicher und klangwertiger erschienen. Dass R.E.M. die Abkürzung für Rapid Eye Movement ist, was für eine Schlafphase des Menschen steht, hat nichts mit einer Schlafmützigkeit der Alternativ- oder Indipendent-Rocker zu tun. Vielmehr, so meine Assoziation, liegt in dem Sound etwas Beruhigendes und Erholsames, vor allem auch Erdendes. Außerdem fand ich es überaus sympathisch, dass die Band zwar Superstarstatus besaß, aber nie ihre Bodenständigkeit verlor. So las ich mal in einer Musikzeitung, dass der Sänger Michael Stripe selten ausführliche Interviews gab, was nicht aus Arroganz geschah, sondern eher aus einer gewissen Bescheiden- und Rückgezogenheit. Die Musik der Amerikaner war für mich vor allem früher nicht nur Soundtrack in melancholischen Momenten („Man on the Moon“, „Drive“), sondern diente durchaus auch als willkommene Chance, auf ansonsten öden Partys zu Stücken wie „It’s the End of the World as We Know It“ oder „Losing My Religion“ abzutanzen. Als ich jetzt wieder CD´s der Band durchhörte und dabei auch auf mir bislang unbekannte Alben stieß, wurde mir klar, dass es hörtechnisch noch viel nachzuholen gibt. Als R.E.M. 2011 ihre Auflösung bekannt gab, war dies ein endgültiger Vorgang und keine peinliche never-ending-Story wie bei anderen Band. Das nenne ich konsequent bis zum Schluss.

 

Die 90er

 

FIELDS OF THE NEPHILIM (GB) – ELIZIUM (90) … Wir schreiben das Jahr 1990 – unendliche Weiten ... Immer wieder freitags fuhr Elmar mit seiner Firmenwagenluxuskarosse vor und wir düsten – oft schneller als mir lieb war - zu späterer Stunde im Affenzahn nach Coesfeld. Dort fand in der Kultdisko „Die Fabrik“ die schwarze Messe statt; ein Muss für alle Gothics, Schwarzkittel und schwarzgeseelte Normalos. Wir waren ein ungleiches Gespann: Elmar im dunklen Dienstanzug, ich mit obligatorischer schwarzer Lederjacke und der Rest ebenfalls in Unbunt. Wir waren beide damals (wie noch heute) Fans der düsteren Seite der Rockmusik und ihrer Schattenwelt. Und dann standen wir dort in einem Meer aus Kunstnebel, eingelullt in den zumeist basslastigen Sound morbider Gothicrockgrößen. Und nicht zu vergessen: Wir bewunderten die aufwendig gewandeten, auf Leichenblässe geschminkten und unnahbaren weiblichen Schönheiten, die wie mystische Wesen eines mit Spinnweben verhangenen Hades entsprungen bzw. besser entschlichen waren und auf der Tanzflächenbühne den Totentanz vollzogen. Und genau dort in der Fabrik machte ich Bekanntschaft mit dem Sound der britischen Gothiclegende THE FIELDS OF THE NEPHILIM. Metal.de beschreibt den Sound als „dräuend und düster vs. ätherisch und weit entrückt.“ Die Stücke auf ELIZIUM entsprechen nicht dem gewohnten Aufbau der Rockmusik, sondern es sind eher komplexe, finstere Klangbilder oder gar Klangteppiche, die sich wie Filmmusik um die mystisch angehauchten Texte des Sängers Carl McCoy ranken. Die Songs auf der CD „…wecken eine unendliche Sehnsucht nach Glückseligkeit und Ferne, allerdings so weit, bis man sich selbst verloren hat und nicht wieder zurückfindet. (metal.de)“ Ein paar Jahre später sah ich die Band im Palladium in Köln, wo ich live in die Welt der riesenhaften Mischwesen (Nephilims) eintauchen konnte. Das heißt, gesehen habe ich die Band nur selten: Vor lauter Nebel sah man die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Musiker. Als ich jetzt ELIZIUM noch einmal hörte, intensiv hörte und verinnerlichte, war etwas erfreulich anders, nämlich die Gewissheit nicht mehr in der Musik nach Glückseligkeit suchen zu müssen. Sie war seit geraumer Zeit bei mir zuhause eingezogen!

 

PEARL JAM (USA) – TEN (91) … Ende der 80er rutschte ich eher per Zufall in den Job des DJs, als bei einer großen Krankenschwesternparty der „Plattenaufleger“ ausgefallen war. Da meine Beschallungskünste offensichtlich gut ankamen und mein Motto „alles außer Schlager“ nicht auf Widerspruch stieß, wurde ich häufiger gebucht. Anfang der 90er stand ich wieder auf meinem Podest in der Eventlocation „Lappe“, der Saal war inzwischen musikalisch gut eingeheizt, als zwei braungebrannte junge Amis - Typ Surfer auf Trockendock – mit Ganzkörperlächeln vor meinem Mischpult erschienen. Ob ich was von Pearl Jam da hätte. Damals wischte man als DJ noch nicht über irgendwelche Laptops, sondern hatte die CD entweder im Koffer oder nicht. 1991 war das Debütalbum der Grungerocker PEARL JAM „TEN“ erschienen und befand sich tatsächlich in meiner mitgebrachten Sammlung – für alle Fälle. Auf meine Frage, welches Stück es denn sein sollte, kam nur „what you want“, was in etwa dem Kern des Albums trifft: Jedes Stück ist gut, was man nicht von jeder Platte sagen kann. „Die Songs sind schleppend und mit einem ultraschweren Gitarren- und Drumsound ausgestattet, die von melancholischen Melodien durchgezogen werden (visions.de).“ Doch trotz der leicht düsteren, vielleicht sogar schwermütigen Stimmung des gitarrenlastigen Grunge- und Alternative-Rocks finden sich mit „Jeremy“, „Alive“ oder „Once“ sehr tanzbare Stücke auf „TEN“. PEARL JAM gehören für mich bis heute zu den sehr authentischen Bands, die mehr durch Qualität glänz(t)en, als durch Glam und Spektakel, wie bei vielen Poser-Bands der damaligen Zeit. „TEN“ war für mich der Soundtrack auch für meine ganz eigene Aufbruchstimmung in den 90ern.

 

METALLICA (USA) – METALLICA (91) … In einem kleinen Kaufhaus im Münsteraner Stadtteil Hiltrup gab es früher in der Schreibwarenabteilung eine Grabbelkiste, in der man schon mal coole CDs fand – zumeist Ausschussware. Und genau dort entdeckte ich Ende 91 eine CD, bei der das Cover fehlte und die deshalb auch nur ein paar Mark kostete. Der Bandname klang zwar reichlich bescheuert, aber ich dachte: Nimmste mal mit. Dass Metallica eines der größten Acts weltweit war, wusste ich damals noch nicht, da ich mich mehr im Independent-Bereich tummelte und Metal zu der Zeit bis auf wenige Ausnahmen auf meiner Musiklandkarte ein terra incognita darstellte. Doch mir sagte der harte Rocksound mit zum Teil tiefergelegten Gitarren, aberwitzigen Soli und genialer Schlagzeugarbeit direkt zu. Vermutlich war diese Scheibe eine Art Eintrittskarte in die Welt des Metals unterschiedlicher Genre. Von beinharten Metallica-Fans musste ich mir zwar anhören, dass MASTER OF PUPPETS viel besser, da weniger angepasst sei, aber solche Diskussionen halte ich für müßig. 1999 erlebte ich Metallica auf einem Festival in Minden; ein grandioses Konzert, bei dem die Band auch live zeigte, wie musikalische Härte auf den Punkt gebracht werden kann und nicht in endloses Geschrubbe und Gemetzel ausarten muss. Inzwischen befinden sich die meisten Veröffentlichungen von METALLICA in meiner Sammlung, aber ich habe der Band nie meine Seele verkauft. Trotzdem bin ich den Jungs dankbar für ihre Schlüsselfunktion; denn ohne Schalldruck von außen wäre längst mein Kopf geplatzt.

 

THE SISTERS OF MERCY (GB): TEMPLE OF LOVE (84), FIRST AND LAST AND ALWAYS (85), FLOODLAND (87) … In den Achtzigern fuhren wir hin und wieder am Wochenende von Münster in die Diskothek Albatros in Mesum-Rheine. Die Trosse, wie sie liebevoll von den Fans genannt wurde, genoss im Umland Kultstatus, was vor allem an dem einzigartigen Musikmix und der Atmosphäre lag. Es "...wurde hauptsächlich Rockmusik gespielt, die in den großen Diskotheken oftmals nicht angesagt war. (marjorie-wiki.de)“ Hier hörte ich 84 oder 85 erstmalig den Song TEMPLE OF LOVE von den „SISTERS“ und war direkt fasziniert. Damals liebäugelte ich etwas mit der Gothic-Bewegung und ihrem düsteren, zum Teil morbiden Musikstil. Fröhliche Musik kann ich bis heute nicht ausstehen! Allerdings sprach sich Andrew Eldritch, der stets missmutige Mastermind der Band, mehrfach gegen eine Zuordnung in die Gothic-Ecke aus. Die britische Band sah sich als Rockband, allerdings assoziierte man mit Eldritch tiefer Stimme, der zum Teil monotonen, zum Teil orchestralen Ausrichtung der Songs automatisch Musik aus dem Düsterland. Hinzu kam vor allem bei der ersten Platte der eher unfertig produzierte Sound, sowie der Gebrauch eines Drum-Computers (genannt Doktor Avalanche), was verbunden mit den vernebelten Tanzflächen eine finstere Atmosphäre schaffte. Ich selbst habe nie viel Wert auf Musikstile gelegt, für mich war immer eher der Spirit wichtig und die Frage, ob mich die Musik in den Bann ziehen konnte oder nicht. Auch wenn ich heute so manche Stücke der SISTERS befremdlich finde, besaß die Band damals für mich einen Wegbereitermodus. Songs wie „TEMPLE OF LOVE“ (auch später in der Version mit Ofra Haza), „LUCRETIA MY REFLECTION“ oder „DOMINION/MOTHER RUSSIA“ transportierten für mich den Soundtrack für eine bis dato unklare Sehnsucht, die erst später ihre Erfüllung fand. Zweimal war es mir gegönnt, die Band live zu sehen, wenn man bei dem Overkill an dichtem Bühnennebel überhaupt von Sehen sprechen konnte. Ich rieche noch heute den Dunst, wenn ich – wie letzte Tage – die SISTERS auf allen Sinneskanälen "hörsehe".

 

 

DEPECHE MODE (GB) – THE SINGLES 86>98 (98) … Obschon der Sound meines Lebens überwiegend aus Rock und Schwermetall bestand/besteht, gab es auch Ausflüge in seichtere, poppige Gefilde. Eigentlich mag ich keine Best-of-CD´s, aber auf „THE SINGLES 86 > 98 ist alles drauf, was ich von dieser Band brauche. In den 90ern tummelte ich mich viel in Münsteraner Clubs. Ich war der mit der schwarzen Lederjacke, ok, der Rest war auch schwarz. Zumeist stand ich abseits des Trubels, beobachtete die Szene und befand mich in Gedanken in einer komplett anderen Welt als in der jeweils aktuellen. Liefen die ersten Akkorde von „Walking In My Shoes“ - mein Lieblingssong der englischen Synth-Rock/-Pop-Gruppe - tänzelte ich auf die Tanzfläche und bewegte mich – Bierflasche und Fluppe in der Hand - in meinem ganz eigenen Tanzstil – irgendwo zwischen Traum und Realität. Gefühlt hatte ich nach einigen Tanzstücken die komplette Tanzfläche vermessen. Depeche Mode bezeichnet man auch als Brückenglied zwischen Pop und Rock; die Brücke habe ich allerdings selten überschritten. Mich faszinierte die melancholische, zum Teil auch leicht düstere Grundstimmung und die der Musik innewohnende Verträumtheit. 2004 feierte ich erstmalig allein Weihnachten. Zwei rote Kugeln hingen an einem Tannenzweig, auf dem Tisch standen 1 gute Flasche Wein, Cognac, ein Baguette und Käse, und aus den Lautsprechern donnerte laute Musik. Mehr brauchte ich nicht um glücklich zu sein. Ich war frisch verliebt, nur weilte meine heutige Frau 180 km von mir entfernt. Und dann tanzte ich zu „Walking in My Shoes“ durchs Wohnzimmer, nur dieses mal in einer Welt, die sich bis heute richtig anfühlt.

 

SEPULTURA (BRA) – ROOTS (96) … Matthes war mein persönlicher Musikdealer; er brachte immer irgendwelche neuen CDs mit, die er irgendwo ausgegraben hatte, da Musikhören seine Hauptlebensbeschäftigung war. Und so präsentierte er mir irgendwann ROOTS von SEPULTURA: „Hier … 100% balladenfrei“, war sein persönliches Gütesiegel. Viele Metallbands besitzen die blöde Angewohnheit, in ihr sonstiges Geknüppel ein paar „Wind-of-change-Balladen“ einzubauen. Braucht kein Mensch, wir schon gar nicht!

Als wenn es irgendeine Bewandtnis für die Qualität einer Band der härteren Gangart hätte, tauchte früher oft die Frage auf: Engländer oder Amis? Aber Matthes wusste: Das sind Brasilianer. Das Brasilianer Fußball können, hat selbst mich erreicht und die Partys damals im Cafe Brasil in Münster bewiesen außerdem: Stimmung können die auch. Aber Metal? Umso erstaunter war ich als ich den rohen, straighten und aggressiven Sound des Quartetts erstmalig hörte. Roots ist „ein Ungetüm, das in seiner Brachialgewalt und alles verschlingenden Macht seinesgleichen sucht (laut.de). Und weiter: „Ein verstörendes, hässliches Chaos aus lärmenden Hardcore-Elementen, atemberaubenden Percussion-Explosionen und bitterbösen Noise-Orgien. Ein Voodookind, das mit seiner überbrodelnder Wucht Genre-Grenzen niederreißt (s.o.).“ Metalfans sind ja manchmal wie diese Basteltypen aus der Spielzeugeisenbahnwelt: Es darf nur Spur 0 oder H0 sein; der Rest ist Scheiße. Doch SEPULTURA waren für mich die Initialzündung, Musik keine Grenzen aufzuerlegen. Everything goes und Einspurdenken in der Musik ist der Niedergang aller Kreativität: Also her mit dem Tribal-Drumming, den Stammesgesängen und den tiefergelegten Gitarren von Andreas Kisser. Auch wenn mir nicht alle Stücke auf der Platte zusagen, so sind „Roots Bloody Roots“ oder „Ratamahatta“ Songs, die mich auch heute noch auf die Tanzfläche ziehen (wenn sie denn mal auf diesen scheißlangweiligen Ü60-Partys gespielt würden!). 1999 sah ich SEPULTURA auf einem Openair-Konzert in Minden mit dem neuen Sänger Derrick Green. Echt ungetümlich – Sänger wie Musik!

 

JAN GARBAREK – VIVIBLE WORLD (96) … Als ich mich 2004 im Internet in meine heutige Frau verliebte, wir uns aber die ersten Wochen noch gar nicht leibhaftig sehen konnten, schickten wir unzählige, buchfüllende Emails hin und her, in denen wir uns über unsere Träume eines gemeinsamen Lebens austauschten. Ich dachte, diese aufkeimende, bislang noch unbegreifbare Liebe bräuchte eine musikalische Untermalung. Und so brannte ich meiner Liebsten eine CD des norwegischen Ausnahmesaxophonisten JAN GARBAREK, der mich schon über diverse Veröffentlichungen durch mein halbes Leben begleitet. GARBAREK war für mich immer schon der Inbegriff einer verträumten Musikwelt, die ich hin und wieder aufsuchte, um aus der realen Welt abzutauchen. Der Norweger zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Jazzmusikern. Der Journalist und Literaturkritiker Ulrich Greiner beschrieb den unverwechselbaren Sound des Musikers als „die Utopie des unendlichen Atems und des natürlichen Wohlklangs.“ Auf VISIBLE WORLD sind diese Attribute besonders herauszuhören, vor allem aber auch GARBAREKS Vorliebe, sich mit seiner emotionalen und warmen Musik an der traditionellen norwegischen Folklore zu orientieren. Seine Mitmusiker wie Manu Katché (Trommel), Trilok Gurtu (Tabla), Rainer Brüninghaus (Piano, Keyboard), Marilyn Mazur (Percussion) und vor allem Eberhard Weber (Bass) sind allesamt Instrumentalisten, die ich seit Jahrzehnten überaus schätze. Noch heute ist für meine Frau und mich das Stück „Evening Land“ oder – wie wir immer sagen „Lied 15“ der Soundtrack zu unserem Leben, der vor allem auch durch die Stimme von Mari Boine eine ganz besondere Dramaturgie bekommt. Höre ich das Stück, so wie heute Morgen im Auto, so sehe ich meine Frau vor mir, wie sie irgendwann tief in der Nacht zu der Musik durch den Raum tanzt.

 

MASSIVE ATTACK (GB) – BLUE LINES (91)/MEZZANINE (98) … Nach meinen früheren Nächte zehrenden Ausflügen in die Münsteraner Diskotheken „Jovel“ oder „Odeon“ führte mein Heimweg zu später Stunde am „GoGo“ vorbei. Die Kultdisko in der 1. Etage an der Wolbecker Straße galt damals als beliebte Adresse, um die Nacht in den Morgen zu retten. Auch hier wurde gute Rockmusik gespielt, aber auch Tanzbares aus anderen Bereichen. Und so besagt die bislang nicht bestätigte Legende, dass ich hier erstmalig mit dem Trip-Hop in Berührung kam. Jedenfalls erinnere ich mich noch blass, den DJ gefragt zu haben, was er da gerade spiele. MASSIVE ATTACK konnte ich mir trotz vorgerückter Stunde bis nach Hause merken. TripHop, ein teilweise experimenteller Downtempo-Sound, der Anfang der 90er vor allem in Bristol seine Wurzeln hat, speist sich aus den Bereichen Funk, Dub, Soul, Psychedelia, R & B und House sowie anderen Formen elektronischer Musik. Und damit ist diese Musik für mich bis heute ein faszinierendes Bindeglied zwischen Rock/Metal und Electronica. Zudem empfinde ich TripHop als hocherotische Musik. MASSIVE ATTACK vereinigt all diese Charakteristika; die Musik der britischen Trip-Hop-Band ist düster, zum Teil verstörend, folgt einem unaufgeregten Rhythmus und ist dennoch harmonisch, melodisch und eben bei vielen Stücken lasziv. Die Songs „Teardrop“ „Unfinished Sympathy“ oder „Safe from Harm“ sind für mich wahre Klangperlen, mit denen unzählige Assoziationen verbunden sind. Sehr sympathisch an dem Bandprojekt ist zudem ihr politscher Anspruch, ihre Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen und dies musikalisch aufzuarbeiten. 2016 sah ich MASSIVE ATTACK live in Köln: „Ein fulminantes Konzert, aber auch eine Kanonade an optischen Informationen über eine aus den Fugen geratene Welt. Ein Abend in einem Rauschzustand mit der Droge Musik.“ Aus meinem Konzertbericht auf Querzeit (https://querzeit.org/kultur/massive-attack-in-koeln)

 

 

2000-2010

 

OPETH (S) – BLACKWATER PARK (01) … Ende der 90er Jahre war ich den ganzen Hype um die Grungebands und „Stumpf-ist-Trumpf“- Metalkombos leid und begab mich auf die Suche nach Sounds, die eher meinem Geschmack nach komplexer und metallischer Musik entsprachen. Bei einem Besuch im damaligen CD-Laden meines Vertrauens stieß ich auf den neusten Silberling „Blackwater Park“ der mir bis dato unbekannten schwedischen Band Opeth. Dass die Band um den Mastermind Mikael Åkerfeldt in der Metalszene schon damals eine bedeutende Vorreiterrolle besaß und bei Bandvergleichen häufig mit „klingt wie …“ kommentiert wurde, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt, leuchtet mir aber heute nachwollziehbarer Weise ein. Die Stücke sind nicht eingängig und bedürfen durchaus eines mehrmaligen Hörens, um ihre volle Essenz zu verstehen. Die Songs sind allesamt komplex und variieren zwischen atmosphärisch-düsteren, durchaus ruhigen, balladesken Passagen sowie musikalischen Eruptionen mit donnernden Gitarren. Opeth ist bekannt als eine Band der musikalischen Vielfalt. Diesen Facettenreichtum spürt man sowohl auf der kompletten CD und in jedem Song, aber auch auch bei dem Gesang, der von sanft bis guttural-aggressiv changiert. Auch wenn man Opeth zum Prog-Metal rechnet, so findet man hier nicht das genreübliche Gefrickel, sondern vielmehr eine harmonische Verspieltheit. Für mich eine typische Kopfkinomusik und Bilder dazu habe ich genug eigene.

 

KATAKLYSM (CAN) – PREVAIL (2008) ... In einer Unterhaltung über Hörgewohnheiten in der Musik beschrieb mir eine Kollegin, dass Depeche Mode das Ende ihrer musikalischen Härtefahnenstange darstelle und Metal für sie schier unerträglich sei. Als vor einigen Jahren 4 blaue Müllsäcke gefüllt mit Rock- und vor allem Metal-CDs in mein Eigentum übergingen (!!!) und ich über Monate mit dem Durchhören beschäftigt war, kam ich – was die Erträglichkeit anbetrifft – ebenfalls an meine Grenzen. Von manchen CDs trennte ich mich, da z.B. Speed- oder so mancher Black-Metal auf meiner Fahnenstange keinen Platz mehr fand. Doch als ich zwischen all den für mich z.T. unbekannten Bands KATAKLYSM entdeckte, war ich einerseits geflashed, dachte aber auch, dass der schonungslose und heftige Sound der Kanadier so grade eben noch in mein musikalisches Beuteschema passt. Mein musikalischer Schwerpunkt hatte sich in den Zehnerjahren noch einmal gewandelt und deutlich verhärtet. Musikhören ist für mich manchmal wie Duschen: ich möchte die volle Wucht und nicht von einem Strahl zum anderen springen. KATAKLYSM spielen in der obersten Liga des Death Metals und der Sound zeichnet sich vor allem durch die gegensätzliche Schlagzeug- und Gitarrenarbeit aus: Während die Drums sehr aggressiv und zum Teil mit rasender Geschwindigkeit bedient werden, legt sich die wuchtige, überwiegend melodisch gespielte Gitarre wie ein wütendes Unwetter über die Szenerie. Vereint mit dem Growl- und Kreischgesang des Sängers Maurizio Iacono ergibt dies einen Sound, der einen wieder an die Existenz einer Hölle glauben lässt. Die Band selbst beschreibt ihren Stil mit Northern Hyperblast, womit vor allem die anspruchsvolle, da tierisch schnelle Schlagzeugtechnik gemeint ist. Ich persönlich ziehe sehr viel Energie aus dieser Musik, da der mächtige und kompromisslose Sound reinigende Wirkung hat. Oder wie schon mein Vater gerne sagte: Gewitter reinigt die Luft!

 

CRIPPLE BLACK PHOENIX (S/GB) - I, VIGILANTE (2010) … Bevor es ans Bezahlen der Reparatur ging, verzog sich mein damaliger Autoschrauber mit mir in sein Büro und wir quatschten uns eine Weile die Zeit schön: Es ging um den Sinn oder Unsinn des Lebens, um Campen in Norwegen oder die Vor- und Nachteile des Landlebens. Und dann schob er mir eines Tages eine CD rüber: „Hier - die könnte dir gefallen“. Erstaunlich, wo wir doch nie über Musik gesprochen hatten. Ludger hörte immer laut Musik, wenn seine Mitarbeiter die Werkstatt verlassen hatten; jetzt schraubt er nicht mehr an Autos, sondern an seinem Lebensabend. Bei besagter CD handelte es sich um das vierte Studioalbum der schwedisch-britischen Band CRIPPLE BLACK PHOENIX, die ich bis dato nicht kannte. Nach mehrmaligem Hören erschloss sich mir mehr und mehr dieser dem New Artrock zugeordnete Musikstil. Und nach dem Erschließen kam die Faszination: Mittlerweile kenne ich alle Veröffentlichungen. Es dauerte eine Weile, bis mir die Bedeutung des Sound für mich selbst klar wurde: Es war, als hätte die Band all die Musikstile, die ich seit Jahrzehnten höre, in einen Cocktailshaker gefüllt und tüchtig geschüttelt: Progressive Rock, Post-Rock, Alternative Rock und elektronischer (Synthie-)Musik, aber auch New Wave und Post Punk sowie 90er Jahre Gothic und Dark Rock. Und unverkennbar warten CBP mit Einflüssen der frühen Pink Floyd auf, die ich sehr schätze. Musikreviews.de beschreibt das Werk I, VIGILANTE folgendermaßen: „Hypnotische Gitarrenriffs in zumeist schleppendem Tempo, atmosphärische Keyboardklänge, leicht leidender Klar-Gesang, dazu mal Klavier, mal Streicher oder diverse Blasinstrumente erschaffen gemeinsam schlicht großartige und packende Song-Epen in Überlänge.“ Teilweise sind die Stücke derart komplex, dass sie live nicht aufführbar sind. Textlich widmen sich die Musiker dem mystischen Bereich und loten hier die Welt zwischen Hell und Dunkel aus. Bei I, VIGILANTE geht es um „die erschreckende Diskrepanz zwischen menschlicher Intelligenz und der Unfähigkeit, moralisch zu handeln … oder aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. (metal.de)“ Und damit trifft CBP nicht nur musikalisch bei mir ins Schwarze, sondern greift auch eines meiner Lebensthemen auf, das mich bis heute verzweifeln lässt (s.o.). Die Endzeitballaden (O-Ton der Band) auf I, VIGILANTE sind dazu der passende Soundtrack.

 

SWALLOW THE SUN (FN) – THE MORNING NEVER CAME (03) … Obschon ich kein Kind der Traurigkeit bin, ist mir jeder alte Friedhof sympathischer als Orte der gekünstelten Fröhlichkeit. Dieser Hang zur Melancholie findet sich auch bis heute in meinen musikalischen Vorlieben wieder. Ein Song, der mein tiefstes Innere erreicht, ist mir zigmal lieber, als der Rambazamba-Modus des neuzeitlichen Einbauküchenpops. Ende der 10er Jahre entdeckte ich den Dark-Metal härterer Gangart für mich und stieß dabei auf die finnische Band SWALLOW THE SUN. Der tonnenschwere Sound mit düsteren und melancholischen Melodien, sowie der Wechsel zwischen Growl und Klargesang trafen ganz meinen Nerv. Metal.de schreibt: „Führt man sich … „The Morning Never Came“ zu Gemüte, kann man für knapp eine Stunde in die doomy-deathige Welt der Finnen abtauchen, die traurige und bedrückende Gefühle mir einer solchen Intensität intonieren, dass jeder Song eine wohlige Gänsehaut entfacht.“ Inzwischen existieren acht Platten der seit 2000 aktiven Death-Doom-Metal-Band und da ich mittlerweile ein großer Fan von SWALLOW THE SUN bin, steht das Debütalbum eher beispielhaft für den Sound meines Lebens. Auch der Rest hat Gänsehautqualitäten, vor allem mit aufgedrehter Lautstärke. Es ist die geeignete Beerdigungsmusik: festlich, verstörend und bleibt nachhaltig in Erinnerung.

 

2010-2020

 

TRIPTYKON (CH) – MELANA CHASMATA (14) … Das zweite Album der Schweizer Black-Metalband TRIPTYKON (Nachfolgeband von CELTIC FROST) gelangte vor einigen Jahren eher zufällig in meinen Besitz: Ich entdeckte es in einem der vier blauen Müllsäcke, die in einem freien Bücherregal meiner Stadt abgestellt waren. Von jetzt auf gleich war ich um gut 500 CDs aus den Bereichen Rock bis Extrem-Metal reicher. MELANA CHASMATA passte zu dem Zeitpunkt gut in meine aktuell leicht abklingende musikalische Phase der ultraharten Klangart. Doch trotz meiner bisherigen Hörgewohnheiten war das in sich geschlossene Album mit dem von HR Giger gestalteten Cover schon sehr verstörend und erdrückend. Alle Stücke klingen morbide, dunkel und geradezu bösartig. Diese düstere Stimmung in der Musik zog mich schon früh in den Bann; schließlich gab es eine Zeit, in der ich mit der Gothic-Szene liebäugelte und auch anziehtechnisch Schwarz mein bevorzugtes Bunt darstellte. Sollte die Menschheit so weiter machen und den Kollaps der Erde herbeiführen – wir sind auf einem guten Weg -, wäre MELANA CHASMATA mit seinen zum Teil bis zum Anschlag gequälten Instrumenten und finsteren (auch weiblichen Gesangsparts) sicherlich der Soundtrack zur Untergangsstimmung.

 

GOJIRA (F) – MAGNA (16) … Manchmal denke ich, ich bin der einzige Mensch, der Musikzeitschriften liest. Sagen wir mal so: Ich kenne keinen! Und so entdeckte ich die Ankündigung des 6. Studioalbums MAGNA der französische Band GOJIRA in einer der besagten Blättchen. Es war von Experimental Metal die Rede, von ungewöhnlichen Taktarten, mathematischen Riffs und organischer Schwere – was immer das bedeuten sollte. Ich hatte mich nie auf eine bestimmte Band festgelegt, die ich von vorne bis hinten verehrte, sondern war stets interessiert an neuen Klangerfahrungen. Also kaufte ich die CD und war mehr als angetan von dem gradlinigen Sound, der Komplexität und dem Abwechslungsreichtum der zum Teil ungewöhnlich aufgebauten Arrangements. In einer Plattenkritik las ich die Umschreibung für MAGNA als „A heavy metal acid trip“. Das Album war Patricia Rosa Duplantier, der Mutter von Joe und Mario, Sänger und Drummer der Gruppe, gewidmet, die während der Aufnahmen erkrankte und dann starb. MAGMA ist daher „… eine Mischung aus Erinnerungen an die Vergangenheit und Angst vor der Zukunft … mit all den Emotionen, die in uns brennen. Magma ist der Ausdruck von etwas, das in uns brodelt.“ Und ich finde, dass hört und empfindet man bei der Musik.

 

THE OCEAN (D/CH) – PELAGIAL (13), PHANEROZOIC I und II (18/20) … Manchmal sind Algorithmen auch hilfreich, denn mir wurde offensichtlich aufgrund meiner Musikrecherchen im Internet und dort abgespeicherten Hörgewohnheiten von ein paar Jahren die Metalband OCEAN als passende Option vorgeschlagen. Hatte ich vorher nie etwas von der Band gehört – was nichts heißt, aber verwunderlich ist - so ist sie heute in die vorderste Reihe meiner Favoriten gerückt. THE OCEAN bzw. THE OCEAN COLLECTIVE werden dem Post-Metal zugerechnet und das Wörtchen „Post“ bedeutet, dass man die 0815-Modi des Metals hinter sich gelassen hat und statt dessen mit Spielarten hantiert, die dem Post-Rock, der Klassischen Musik, aber auch dem Progressive-Metal oder gar dem Jazz entliehen wurden. Die in Berlin gegründete Band, die heute in der Schweiz ansässig ist, hatte sich anfangs in der Hauptstadt in einer alten Aluminiumfabrik eingerichtet, die man in „Oceanland“ umbenannte. Offensichtlich hatte dieser Ort jede Menge Energie, vor allem aber auch Kreativität freigesetzt, denn neben der z.T. aggressiven Metalattitüde mit Klar- und Growlgesang finden sich metalunübliche Instrumente wie z.B. Cello, Klarinette, Querflöte oder Posaune. Es ist kein Gebrettere, sondern die z.T. auch von der Größe an ein Orchester erinnernde Musikerschar experimentiert mit einer Spielfreude, ohne sich in das vor allem im Progressive-Metal bekannte Gefrickel zu verlieren. Zudem müssen THE OCEAN inhaltlich, wie äußerlich auch nicht in Kunstblut baden, sondern man geht mit der komplexen Musik Wege, die nicht ausgelatscht sind., aber vom Hörer einiges fordern. So befassen sich die Texte z.B. „…mit der Evolution, Diversifikation der Lebensformen und dem Massenaussterben im Erdzeitalter des Paläozoikums… (Wikipedia)“ oder der wie im Fall von PELAGIAL mit den Schichten der Ozeane. Interessanterweise greifen sie dabei auf Texte u.a. von Nietzsche oder Baudelaire zurück. So entstehen „melancholische Stimmungsbilder und abstrakte Metaphern (metal.de)“, die schlussendlich wie eine Filmmusik funktionieren, für die man allerdings keine Bilder oder Filme mehr braucht. Und damit sind in der Musik der Band Facetten vereint, die sich in den 50 Jahren meines Musikhörerlebens tonangebend waren.

 

Ab 2020

 

JINJER (UKR): Wallflower (21). Die ukrainische Band Jinjer ist ein typischer Fall von Internetbekanntschaft. So stieß ich per Empfehlungsprinzip "Wer A mag, dem gefällt vielleicht auch B" auf die Musik des Quartetts um die charismatische Sängerin Tatiana Shmailyuk. Der Stil von Jinjer enthält Elemente des Metalcore, Djent, Progressive-, Groove- und Death Metal. Im Gegensatz zu vielen Knüppelbands glänzen Jinjer aber durch einen abwechslungsreichen und zum Teil sehr emotionalen Sound. Der Titel Wallflower täuscht, denn die Stücke auf der CD sind alles Andere als Mauerblümchenmusik; vielmehr sind sie ein Fest der tiefergelegten Gitarren und ein gekonnter Mix aus Gefühl und Härte. Dabei bedient Tatiana die komplette Stimmklaviatur von poppig anmutendem Klargesang über ekstatischem Kreischen bis hin zum aggressiven Growlen - und das im ständigen Wechsel. Ein Stimmwunder. Der perfekte Sound zur Behandlung von Weltschmerz - den überstehen auch nur Mauerblümchen unbeschadet.

 

LONG DISTANCE CALLING (D): ERASER (22) … Bereits 2008 sah ich die mir damals noch unbekannte Band LDC aus Münster in einem Club in München – und zwar charmanter Weise auf unserer Hochzeitsreise. Damals war ich schon von der druckvollen Musik geflashed, fragte mich aber, ob Rockmusik ohne Gesang dauerhaft Aussicht auf Erfolg haben kann. Ja, hat sie, denn LDC spielt inzwischen in der ganz großen Rock-Liga mit und mir fallen unzählige, auch berühmte Bands ein, bei denen der Gesang – was meinen Geschmack anbetrifft - die Stücke eher geschreddert hat. „Keine andere deutsche Band erhebt instrumentale Musik derart gut zur Atmosphäre wie die Münsteraner. (laut.de).“ Auch die neue CD der Post-Rockband lebt von rein instrumentaler Musik, allerdings gelingt den vier Musikern auch hier wieder das äußerst seltene Kunststück, einen „audiovisuellen Soundtrack“ (LDC) zu schaffen. Soll heißen: Beim Hören tauchen Bilder auf, die genauso gewaltig, gewichtig, aber auch filigran verspielt sein können, wie das, was die Musik in dem Moment in Töne fasst. Und wähnt man sich gerade noch mental in einem tranceähnlichen Zustand, so wird man kurz darauf von einem Soundgewitter aufgeschreckt. ERASER („Radierer“) ist ein Konzeptalbum, bei dem es um das Artensterben geht, was z.B. bei dem Stück „Landless King“ besonders deutlich wird. Die Musik von LCD ist nichts für Nebenbeimusikhörer.

 

PORCUPINE TREE (GB): CLOSURE/CONTINUATION (22) … Die Bandprojekte um Steven Wilson stehen bei mir seit ihrer jeweiligen Entstehung ganz oben auf der favorisierten Musikliste. Würde Musik nach Können und nicht nach Schein und öliger Eingängigkeit bewertet, gehörte dieser intelligente Prog-Rock in den Olymp der Musikgeschichte. Die neue CD ist unglaublich abwechslungsreich und eine immer wieder überraschende Mixtur aus ganz viel Gefühl und wohltemperierter Härte. Selbst der zum Teil hohe Männergesang, den ich normalerweise überhaupt nicht ertragen kann, stört hier überhaupt nicht, da er sich gut in die Songs einfügt. Neben Wilson (Git., Bass, Ges.) und Barbieri (Kb.) fasziniert mich auf jeder PT-Veröffentlichung der Drummer Gavin Harrison, einer der ganz Großen unter den Schlagwerkern. Auf C/C ist kein Ton zu viel und keiner zu wenig.

 

KATATONIA (S): SKY FULL OF STARS (23). Um Katatonia zu mögen, muss man einen gewissen Hang zu den düsteren Seiten des Lebens besitzen. Den Schriftzug Katatonia sah ich zum ersten Mal auf einem T-Shirt bei einem Konzert von Anathema; ein paar musikalische Recherchen später erlebte ich die schwedische Band live in Köln - ein fantastisches Konzert. Auch wenn Einordnungen immer müßig sind, wird der Sound gerne als Mischung aus Doom Metal mit Dark- und Death-Metal-Einflüssen beschrieben, was heute allerdings nicht mehr zutrifft. Viel mehr gefällt mir die Aussage, dass es sich um eine sehr dunkle, traurige, atmosphärische und persönliche Musik handelt, die ich am ehesten mit der Vorstellung verbinde, bei Nacht an einem einsamen skandinavischen See zu sitzen. Bei „Sky Full Of Stars“, dem neuesten Werk der Schweden, verlassen die Meister der Melancholie die gewohnten Pfade und setzen eher auf eingängigere und – was ich gut finde – härtere Passagen. Den ersten Teil der CD hörte ich morgens laut bei einer Fahrt durch den Januarnebel – es hätte kaum eine passendere Kulisse geben können. Den zweiten Teil, sowie eine Wiederholung der mir besonders gefallenden Titel ("Austerity", „No Beacon To Illuminate Our Fall“ und der Bonus-track „Absconder“) führte ich mir per Kopfhörer beim Abwasch zu Gemüte und tanzte dabei – zur Verwunderung meines Hundes - sogar durch die Küche. Einige Stücke besitzen durchaus Potential für eine Rockparty nach meinem Geschmack – natürlich mit Kunstnebel. Wie damals im Odeon.

 

ELDER (USA): "INNATE PASSAGE (23) ... Der Weg von und zur Arbeit wurde heute durch das neue Werk "Innate Passage" der Rockband ELDER (USA/D) versüßdunkelt. Passend zum diesigen Wetter eignet sich der hypnotisierende, da psychedelisch angehauchte Heavy-Rock/Post-Hardcore für sphärische Ausflüge in die eigene schwarze Seele. Manchmal denkt man an Yes, mal an Opeth; vor allem dachte ich bei den zumeist über 10 Min. langen Stücken ans Weiterfahren. Der Soundtrack für Autofahrten bei Starkregen

 

 

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