FAHRTENSCHREIBER

FAHRTENSCHREIBER ...Es gibt viele Möglichkeiten, die Eindrücke, die minütlich herniederprasseln, zu verarbeiten. Man kann sie fotografieren, malen oder einen Song drumherum komponieren. Oder man macht kleine Geschichten draus. Dann wird der Eindruck zum Ausdruck und man kann wieder an etwas anderes denken. Und warum Fahrtenschreiber? Weil mir die meisten Texte beim Fahren einfallen!

 

11/10/21 … TOASTGESICHT … Man kann noch so erholt und voller Tatendrang aus dem Urlaub zurückkommen, es zählt letztendlich vor allem, ob man braun gebrannt ist und ganzkörperlich einem Toastbrot nach zu hoher Zeiteinstellung gleicht. Schon meine Mutter warnte vor einem halben Jahrhundert vor übermäßigem Sonnenbaden. Man altert schneller und bekommt fiese Falten, so ihre Meinung. Tatsächlich traf ich immer wieder teutonische Broilergesichter, die aussahen wie ein zerfurchter Maisacker nach einer Trockenperiode.

Ebenfalls ein halbes Jahrhundert ist es her, da kam meine neun Jahre ältere Schwester mit einer Prinzess-Höhensonne von Dr. Kern nach Hause, um ihren Teint aufzuhübschen. Nach einer gewissen Zeit sollte eine Bräunungswirkung eintreten, stand auf der Verpackung. So sah ich sie manchen Abend mit der froschgrünen Schutzbrille vor dem Gesichtsbrutzler mit den glühenden Heizdrähten sitzen. Nich' ins Licht gucken. Da wirste blind, sagte sie, wenn ich ihr beim Rösten zuschaute. Dann eines Tages, mein inzwischen braungesichtiges Schwesterherz war ausgegangen, holte ich den Gesichtstoaster aus ihrem Schrank und stellte ihn auf meinen Schreibtisch. Heller Hauttyp 50 Sekunden und dunkler Hauttyp 110 Sekunden am Anfang pro Tag, las ich. Oder so ähnlich; Bedienungsanleitungen sind bis heute nicht mein Ding. Wie sollte man mit so luschigen Einstellungen knackig braun werden, bezweifelte ich die Anleitung. Ich wollte immer schon ein gegerbtes Gesicht wie Lederstrumpf, damals mit 11 mein großes Vorbild, haben. Also Froschbrille auf, die Zeitschaltuhr auf 20 Minuten gestellt und ab gings mit dem Grillomat. Als sich die Uhr mit einem Rrrring abstellte und mich aus meiner Verschönerungsmeditation weckte, fühlte sich mein Gesicht an, wie von einer Feuerqualle geknutscht. Egal! Ich stellte mich gespannt vor dem Spiegel. Nachdem sich mein Augenlicht nach temporärer Teilerblindung erholt hatte, bekam ich einen Mordsschrecken. Was mich dort im Spiegel anstarrte, war nicht mehr ich, sondern ähnelte eher einem Negativabzug von einem Brillenbär aus den südamerikanischen Hochanden nach exzessivem Blutegelbefall: Krebsrotes Gesicht mit schneeweißen, froschbrillengroßen Augenringen. Kurz: Ich sah total kacke aus. Für einen Moment spielte ich mit der Idee, vor jeglicher Zivilisation zu flüchten und als Höhlenbewohner in den nahen Klatenbergen mein Dasein zu fristen. Es gab nen riesigen Ärger und zog die größtmögliche Bestrafung nach sich. Ich musste mit dieser Gesichtsentstellung, die noch gut drei Tage anhielt, am nächsten Morgen in die Schule.

 

10/10/21 … BÜCHERFLEDDEREI … Dachte heute an das Buch von Elias Canetti „Die Blendung“. Darin regiert der Protagonist Professor Peter Kien sein Volk - seine Bücher. Für ihn ist dies die Welt der einzigen Wahrheit und des reinen Geistes, während draußen in der Wirklichkeit ein alltägliches "oberflächliches Gewirr von Lügen" herrscht. Kein ist Inhaber der größten Bibliothek Wiens. Von einer solchen Bibliothek träumte ich schon als kleiner Junge; als ich das Buch „die Blendung“ vor 30 Jahren las, war ich schon auf einem guten Weg. Heuten brachten wir einen Zentner Bücher zum Umsonstregal. Wird also nix draus. Das Aussortieren der Bücher hatte was von einer Beerdigung. Viele Jahre hatte ich so manches Buch beim Umziehen in Kisten verpackt und von einer Wohnung in die andere geschleppt. Döblin´s Berlin Alexanderplatz zum Beispiel: Ich habe das Buch nie gelesen und ich kam beim Aussortieren zu dem Ergebnis, dass ich es in diesem Leben wohl auch nicht mehr lesen werde. Muss man all die Bücher von Bernd Engelmann oder Günter Wallraff aufbewahren? Oder Bände, die ich mal irgendwann für zwei Mark in der Wühlkiste bei Zweitausendeins gefunden habe? Und wie ich an die Biografie von Marguerite „Peggy“ Guggenheim gekommen bin, weiß ich bis heute nicht. War schon merkwürdig, all die alten Schinken auszulagern, fast schon ein Gefühl von Fledderei. Gibt´s eigentlich schon das Buch: "Friedhof der aussortierten Bücher"?

 

5/10/21… REISE REISE … Seemann reise und die Wellen weinen leise … weiß auch nicht, warum mir dieser Song von Rammstein einfällt. Ich mag Rammstein nicht, aber manchmal fällt mir ja auch ein Lied von Helene Fischer ein. Ich stehe an der Bushaltestelle SENDENHORST, neben mir mein kleiner Koffer, und schaue auf meine Arbeitsstelle gegenüber. Mir kommt der Gedanke, dass ich dort in der Woche mehr als die Hälfte meiner bewussten Zeit verbringe. Erschreckend viel … Lange nicht mehr Bus gefahren. Ein Mensch liest ein Buch, der Rest starrt wie hypnotisiert aufs Handy. Man hat ja sonst nichts. Es wird Herbst, denke ich. So oder so. MÜNSTER: Hauptbahnhof. Er ist jetzt noch hässlicher als vor seiner jahrelangen Renovierung, finde ich. Ist ja auch ne KUNST - die Aufrechterhaltung des Hässlichen! Überall stinkt es nach gebratenem Kadaver. Ich kaufe mir ne KONKRET… Reiselektüre, obschon ich nicht ohne unterwegs bin. Wusste gar nicht, dass es die Zeitschrift noch gibt. Lesen, was andere nicht wissen wollen, steht drauf. Auf dem Bahnsteig steht ein anderer Zug als auf dem Plan angegeben. Zum Glück gibt es einen Echtzeitfahrplan. Echt heißt ja auch so viel wie wahr. Aber was ist schon noch wahr, nicht wahr? HAMM: Der Anschlusszug hat selbstredend Verspätung. Echtzeit also. Ein Papierkorb brennt im Raucherbereich. Willkommene Abwechslung. Mein Zug nach BERLIN fährt ein. Wieso kann man eigentlich Digitalanzeigen bei Sonnenschein nicht lesen? Und warum kann man im Jahr 2021 immer noch keine Durchsagen auf dem Bahnsteig verstehen? Alleine reisen hat was Unwirkliches für mich. Der Zug fährt ein. Ich sitze fast allein im Ruhebereich des Zuges - ganz hinten. Fast allein… mit einem unzufriedenen Kleinkind, das den metallenen Müllbehälter für sich entdeckt hat. Immer noch besser als smartphonophile Jungbetriebswirte. Der Zug hält...Irgendwer steht auf den Gleisen. Muss entsorgt werden, wie der Zugführer tatsächlich durchs Mikro charmantisiet. Also natürlich, setzt er nach. BERLIN HBF... Ich schäle mich aus dem Etagengewimmel und finde den Ausgang. Ik glob, ik spinne…2 Jahre nicht hier gewesen und schon sieht es drumherum aus wie in Galactocity. Ab zum Hotel…nebenan klappert es rhythmisch an die Wand. Güte, wie kann man beim Fernsehgucken poppen oder was da immer geschieht. Ich wusel mich durch die Straßen und finde ne adäquate Szenekneipe…Rotwein & Wasser. Reise, Reise Seemann Reise… Jeder tut's auf seine Weise! Angekommen!

 

WILDE ZEITEN (1) … 1/10/21 … Sie stand im alten Jovel an der Weseler Straße beim Bierholen im Weg. Das Wesen vor mir war 18 and a little bit, klein, hübsch, hatte meterlange dunkle Haare und besaß eine gewisse jugendliche Drallheit. Ob ich was zu rauchen hätte, fragte sie mich und ich schaute in zwei tiefbraune Augen. Ich lächelte sie an, sagte "aber klar", zog mein DRUM-Tabakpäckchen aus der schwarzen Lederjacke und drückte es ihr in die Hand. Danach setzte ich den Bierholvorgang fort. Güte, ich befand mich noch in der Trauerphase: Vor 7 Tagen hatte mich nach 9 Jahren meine Freundin mitten im Frankreichurlaub verlassen. Deswegen war ich auch in Schwarz; ok, damals trug ich sowieso nur Schwarz. Existentialist eben! Jetzt bloß keine falschen Aktionen. Ich war 26 und das Mädel vor mir … ich kehrte mit zwei Bieren zurück und drückte ihr eins in die Hand. Feuer hatte sie übrigens auch nicht. Ob ich öfter hier wäre…usw…usw… tief in der Nacht brachte ich sie nach Hause und wir trafen uns, so oft es ging. Am Wochenende waren wir unterwegs in angesagten Münsteraner Diskotheken. Oft kam ich vor lauter Rumknutschen gar nicht mehr zum Trauerphase bedingten Biertrinken.

Eines Nachts so gegen 3 Uhr waren wir mit dem Auto auf dem Rückweg vom Albatros in Mesum. Es lief Led Zeppelin; "Stairway to heaven" sei für sie ein musikalischer Orgasmus, sagte sie immer. Und dann schaute sie verträumt in den nächtlichen bzw. frühmorgendlichen Himmel und hauchte: Jetzt müsste man am Meer sein. Ich legte eine neue Kassette ein - The Art of Noise (sie fand das auch erotisch) -, machte eine Vollbremsung und drehte mitten auf der Bundesstraße mit quietschenden Reifen um. Erschrocken starrte sie mich an. Was hast du vor? fragte sie mich. Zum Meer fahren, nuschelte ich durch die Zigarette im Mund und fand mich selbst ziemlich spontimäßig. Sie lächelte mich - es sah wirklich so aus - verliebt an. Als ich Stunden später mit meinem R4F6 auf einem Parkplatz irgendwo am Meer - es war auf jeden Fall die Nordsee - stoppte und "Wir sind da" sagte, war sie neben mir tief und fest eingeschlafen. Ich stieg aus und rauchte mir eine Morgenzigarette. Mit starrem Blick auf die Brandung. Die Beziehung hat nicht lange gehalten. Für Paris hat's noch gereicht, aber das war eine andere Geschichte.

 

ON DOPE … 25/9/21…. Mecklenburgische Seenplatte, Rätzsee. Es ist später Morgen und ich hocke auf dem kleinen, recht leeren Campingplatz vor unserem Wohnmobil. Bekleidet bin ich mit einer Fischerhose, einem Band-T-shirt und einer Kimonoähnlichen Jacke. Es ist zwar eigentlich ein FKK-Platz, aber bei der morgendlichen Kälte hüpft hier niemand nackich rum. Da bleibt ein junger Mann vor mir stehen, der mit seinem Kanu auf Tour ist. Ob er mal was fragen dürfte. Klar, sag ich. Was Farasan bedeuten würde. Das Wort, obendrein mit dem Konterfei von meiner Frau und mir versehen, ist auf dem Wohnmobil mehrfach zu lesen. Ich erklär's ihm. Dann hätte er noch eine Frage: Ob ich früher LSD genommen hätte. Erstaunt, aber auch belustigt schaue ich ihn an und frage: Warum? Weil du für dein Alter ganz schön hip aussiehst, ist seine Antwort. Ne, sag ich, dass ist kein LSD, das ist die Liebe. Ich bin naturstoned. Aha, nickt er, wünscht noch ne gute Fahrt und geht zu seinem Zelt. Zwei Tage nach meinem 62. Geburtstag - läuft!

 

9/9/21 … METAL AM MORGEN … Mein morgendlicher Weg zur Arbeit (und somit auch der abendliche Rückweg) ist ca. einen halben Kilometer länger als der eigentliche, dafür aber landschaftlich schöner und weniger befahren. So bleibt mir die Qual erspart, alle Nase lang einem dieser Dullis zu begegnen, die ihre aufgestaute Aggression durch asoziales Autofahren kompensieren. Aktuell ist meine Nebenstrecke mit Baustellen übersäht; alle Nase lang wird irgendwo irgendwas verbuddelt. Kein Wunder, dass der Mais so hoch steht: Vermutlich Auswirkungen der ganzen Glasfaserkabel (Endlich habe ich mal meine ganz eigene Verschwörungsfantasie!). Auf halber Strecke an einer unübersichtlichen Stelle steht heute ein gelbwarngewesteter Arbeiter, um den spärlichen Verkehr zu regeln und so komme ich direkt neben einem Bauloch zum Stehen. Wie jeden Morgen ballert aus meinen recht üppigen Lautsprecherboxen irgendein metallophoner Lärm; ich meine mich zu erinnern, es war das Death Metal-Stück „Bleed“ von Meshuggah. Es läuft justement ein Part, bei dem das Schlagzeug endzeitmäßig malträtiert wird und der Sänger röhrt wie ein verendender 12-Ender. Da schraubt sich aus der Grube ein weiterer Arbeiter: In seiner rechten Hand trägt er ein Schweißgerät, mit der linken zeigt er die Pommesgabel, den internationalen Gruß der Metalheads. Der Typ mit dem geknoteten Zopf auf dem Kopf, tüchtigen Muckis an den Armen und Dreck im Gesicht ist so eine Mischung aus braungebranntem Rettungsschwimmer und Wacken-Dauerkarten-Besitzer. Für eine Weile headbanged er zum Takt mit und verschwindet dann sukzessive und grinsend wieder in seinem Loch. Ich war sprachlos und musste vom Durchwinkkollegen eigens zur Weiterfahrt aufgefordert werden. He made my day!

 

27/8/21 … WAHLBLABLAKATE … Sagen wir mal, ich würde keine Nachrichten sehen oder hören, so wüsste ich spätestens seit neulich, dass in absehbarer Zeit Wahlen anstehen. Woran ich das sehe? Es hängen überall Plakate – ob ich will oder nicht. Und da auf den Plakaten in zum Teil reihenhausgroßer Anfertigung die Köpfe der ganz großen Politiker:Innen abgebildet sind, könnte ich als potentieller Nichtnachrichtengucker davon ausgehen, dass es sich um Bundestagswahlen handelt und der nächste Kanzler respektive die nächste Kanzlerin ausgeknobelt wird. Nun bin ich, so lange ich politisch denken kann, nicht unbedingt ein Wahlplakatliebhaber, um es mal zunächst vorsichtig auszudrücken. Ich finde sie aus unterschiedlichen Gründen (auch aus ökologischen) mehr als bekloppt. Unter anderem deswegen, weil auf ihnen nichts draufsteht, was in irgendeiner Weise zur politischen Willensbildung (welch galanter Begriff) beitragen könnte. Der überwiegende Teil ist aussagekräftig wie eine Nudel- oder Hundefutterwerbung. Wobei – großes Lob an die SPD – es gibt ein Plakat der Sozis, auf denen 10 - in Worten: zehn - Punkte aus dem Wahlprogramm zu finden sind. Ich muss gestehen, dass ich es bis heute noch nicht geschafft habe, die alle zu lesen. Vermutlich wäre jeder Grafikdesignstudent mit so einem Plakat mit Pauken und Trompeten durch die Aufnahmeprüfung gefallen, da es wahrnehmungspsychologisch den Betrachter überfordert. Aber hey: endlich mal richtige Aussagen! Am besten finde ich - jedenfalls in meiner Stadt - die AfD-Plakate, weil die noch gar nicht hängen! Vermutlich rücken nächtens wieder die Schlägertrupps der Rechten mit riesigen Leitern an, um den blau-weißen Scheiß an die höchsten Laternen zu knüpfen. „Je höher die Wahlplakate hängen, desto mehr stinkt die Politik der Partei zum Himmel.“ (aus Satzzeichen, AI) Was mich aber an all den Wahlblablakaten besonders ärgert, ist die Selbstverständlichkeit der dort zu findenden Aussagen: Wirtschaft und Klima ohne Krise, Gemeinsam für ein modernes Deutschland, Für einen starken Sozialstaat, Respekt für dich, Aus Liebe zur Freiheit … ja du liebe Güte: Sollten das nicht eigentlich Grundvoraussetzungen jeder politischen Organisation sein? Ich finde Parteien, die keinen Respekt haben, nicht sozial denken, eine offene Gesellschaft und Freiheit ablehnen oder einschränken, Umwelt und Klima nicht schützen, besitzen einen unbedingten Arschlochfaktor und sollten bis ans Parteilebensende geächtet werden oder gleich Dresche beziehen, was sich natürlich für mich als Pazifist verbietet. Und genauso schlimm finde ich die Pappnasen, die so einen Scheiß auch noch wählen! Was ich wähle? Unter all den Plakaten fand ich jetzt eins, das mich sehr angesprochen hat. Darauf stand: Gartenträume. Das sagte mir irgendwie zu!

 

20/8/21 … MORGENDÄMMERUNG … An so manchem Morgen fühlt sich der junge Tag an wie Alufolie zwischen den Zähnen und der Motivationspegel hängt sackig in schwindelnden Tiefen. Meistens dauert das von Montag bis Donnerstag, manchmal macht auch der Freitag mit. Oft schau ich dann auf meine smartphonale App „Final Countdown“: Noch 1199 Tage, 13Stunden und 53 Minuten steht da. Dann schließe ich für gewöhnlich die Augen und mache eine mentale Zeitreise.

 

Früher Morgen! Meine Frau und ich haben den Wecker auf Sonnenaufgang gestellt, huschen aus dem Bett und stellen uns ans Fenster – flusswärts blickend. Draußen haben sich bereits die ersten Vögel – und wir haben unzählige davon im Garten – am Vogelfütterungsbaum versammelt und verzwitschern uns den Moment. Wir schütten uns ein Gläschen Sanddornlikör vom letzten Darß-Urlaub ein und stoßen auf das träge am Firmament hochkriechende Leuchtgestirn an. Die Zeremonie nennt sich auch Sonnengruß. Natürlich geht's dann noch mal ins Bett; die morgendliche Nachschlummerphase soll besonders glatte Haut machen. Nach dem Gassigang mit dem dann bei uns lebenden Hund Cardhu setzen wir uns auf die Bank vor dem Haus und machen die Welle für die zur Arbeit fahrende Bevölkerung. Vielleicht bastel ich Schilder a la „Faulheit ist der Humus großen Geistes“ oder „Macht mal öfter blau“, um die zur Arbeit Verdammten zu motivieren. Zum Frühstück gibt es selbst gebackenes Brot, selbst geerntete Früchte aus dem Garten fürs Müsli und selbst im Zeitungsladen geholte TAZ, wobei ich natürlich mit meiner Lieblingszeitungsverkäuferin wie immer über den Irrsinn außerhalb der Irrenhäuser - mit Schwerpunkt Telgte -philosophiere. Möglicherweise schließt nach dieser Mahlzeit etwas politische Betätigung an: Ein Schmähbrief an Lusche Laschet oder an den Nörgel-Christian von den Freidemokraten, eine verdeckte Aktion gegen Tierleid bzw. Faschismus oder ich schieß ein paar Paketdrohnen von Amazon ab, die mir den Himmel zu sehr verfinstern und daher auf den Sack gehen. Eventuell stehen auch Staubsaugen, Kelleraufräumen oder spontanes Meditieren auf dem unstrukturierten Tagesplan. Bis hierhin ist der Morgen der Zukunft schon mal geplant. Ach je, und immer noch 1198 Tage - bis zur Rente!

 

11/8/21 … ORIENTIERUNG … Mir hängt ja der zweifelhafte Ruf nach, über einen – sagen wir mal - dysfunktionalen Orientierungssinn zu verfügen. Nur weil ich vor gefühlt Jahrzehnten mal Haus Langen (liegt in der Nähe von Telgte) nicht auf Anhieb gefunden habe, obschon ich steif und fest behauptete, früher zigmal dort gewesen zu sein. Seitdem heißt es immer: Na, fahren wir wieder über New York (nervige Stadt in Amerika) nach Haus Langen? Paah, lag ja alles nur daran, dass die dämlichen Straßenbauer mir vorher nicht Bescheid gegeben haben, dass die Wegführung eine andere geworden ist!

 

Nun wurde ich aktuell an diese Sache mit der Orientierung erinnert. Wir schrieben das Jahr 2019 und Corona war lediglich als Biermarke bekannt; ein Gesöff, dass in meiner Top 30 der bevorzugten Getränke nie eine Rolle gespielt hat. Wir hatten unser Wohnmobil gepackt und ich! gab unser Ziel in dem Navi ein: Finkenbach, ein Ort der ist, wie er klingt: Klein. Dort erwartete uns ein Hippiefestival mit psychedelischer Musik, bei der Stücke schon mal 20 Minuten dauern und somit für den Mainstreamhörer von heute eine Katastrophe in Sachen Geduldsprobe darstellen. Vermutlich auch sonst. Love, peace & harmony … und hey, endlich mal wieder vernünftige Menschen; letztere sind nämlich im normalen Leben rar gesät. Finkenbach liegt im Odenwald, der so Pi mal Daumen zwischen Frankfurt und Heidelberg liegt. Wer das nicht wusste, sollte kein Trübsal blasen; das geht einem vermutlich bei anderen Mittelgebirgen wie Taunus oder Spessart genauso. Meine Frau und ich waren beschwingt und guter Dinge ob des besonderen Wochenendes und der damit verbundenen Auszeit von der Doofwelt. Nun muss man erwähnen, dass meine Frau als Orientierungswunder mit Navis auf Kriegsfuß steht und sich gerne schon mal einmischt, wenn ihr die Wegempfehlungen der blöden Digitaltussi nicht in den Kram passen. So auch dieses Mal: Die Kilometerangabe stimme nicht, die Autobahnführung sei merkwürdig und außerdem fand sie Koblenz als Zwischenziel kurios. Ich versuchte zu beschwichtigen, da ja Navis nun mal die Aufgabe hätten, Staus zu umgehen. Spätestens ab Ecke Wiesbaden kam mir die Geschichte auch spanisch vor und wir zogen den guten alten und zerknitterten Autoatlas zurate. Und siehe da: Es gab zwei Finkenbachs: Eins im Odenwald und eins – sagen wir mal – oberhalb von Kaiserslautern. Somit hatte ich das Falsche eingegeben, was einen Umweg von über 100km ausmachte. Shit happens, wer denkt sich auch so bekloppte Ortsnamen aus – und das auch noch doppelt! Da ich die liebste Ehefrau der Welt habe, kommentierte sie den Vorfall damals lediglich grinsend: Gut, dann fahren wir eben über New York nach Finkenbach. Morgen geht´s in gleicher musikalischer Mission nach Waffenrod, was in Thüringen liegt. Vorsichtshalber habe ich recherchiert: Es existiert nur einmal! New York, du kannst mich mal!

 

7/8/21...  SCHWRARZ-GRÜN-ROT … Auf mich kommt ein netter, mir völlig unbekannter Mann zu ... Typ alternativer Ambientbauer im Overall ... "Hier, schau mal, Seifenblasendose von der CDU", grinst er. Dann pustet er ein paar Blasen über den Telgter Markt und zeigt nach oben. Ich weiß noch nicht warum er mich auserwählt hat. "Merkste was? Guck mal die Farben: Rot und Grün!" Er hat voll den Spaß und klopft sich auf die Kniee. "Laschet-Ablenkungsmanöver", sag ich, er zeigt Daumen-Hoch und verschwindet winkend. Das sind die Momente, wo ich die Menschen doch etwas liebe.

 

 

5/8/21 … LASCHET ... Ausgerechnet Laschet! Wohin man schaut, sieht man momentan die Visage eines Politikers, wie man ihn sich sinnfreier und ungeeigneter nicht vorstellen kann. Für mich ist der Typ die Fleischwerdung der galoppierenden Langeweile. Nun kann ja niemand was für sein Äußeres, aber bei ihm bin ich stets froh, dass ich ihn mangels Fernsehgeräts nur auf dem Display meines Smartphones ertragen muss. Nein, es hat nichts oder fast nichts damit zu tun, dass ich seine Partei spannend finde wie eine in der Herbstsonne schlafende Nacktschnecke und es hat auch nichts oder fast nichts damit zu tun, dass ich politisch diametral anders denke und obendrein keinen Kanzler oder andere Führungsstrukturen benötige, aber ausgerechnet Laschet? Dieser bildzeitungsaffine, fremdschämobeliske, aalglatte, lobbylabbrige, aussagefreie und politdysfunktionale Analogfunktionär!? Ok, schon meine Eltern bläuten mir ein: Junge, du kannst nicht Alles haben. Aber hey, bei meiner Frau, meinem Liebes- und sonstigem Leben hat es doch auch geklappt! Laschet oder wie ich ihn gerne nenne: „Lusche“ Laschet erinnert mich stets an Radiomusik wie z.B. auf WDR2: Es läuft jeden Tag das Gleiche, jedes Stück klingt wie das vorherige, man erlebt nie Überraschungen, auf Anspruch wird verzichtet und wenn Pfingsten mal Nothing Else Matter (wer ist eigentlich diese Else?) läuft, denkt man sofort: Oh Güte, was für ein Lärm. Nun gibt es ja den schlauen Satz, dass jedes Volk die Politik und damit auch Politiker kriegt, die es verdient. Aber könnte man nicht einmal eine Ausnahme machen und auch an Leute wie mich denken? Ich hätte gerne mal einen Politiker oder eine Politikerin, der oder die Klartext spricht, die Sachen bei den Wurzeln packt, sachorientiert arbeitet, keiner Partei angehört und Dreadlocks trägt. Ist jetzt nur ein Beispiel. In der nächsten Folge geht es um Friedrich Merz oder wie man sich mit kapitalistischem Denken die zerebrale Moralinstanz wegätzen kann.

 

28/7/21… NÜSSE IM KOPF… Meine 8-jährige Enkelin schaut vom Essen auf, blickt mich von der Seite an und fragt: "Opa, hast du eigentlich noch alle Nüsse im Kopf?" Ich erstarre, lass die Gabel sinken. Alle Nüsse im Kopf? Meint sie damit so etwas wie alle Latten am Zaun? Oder alle Tassen im Schrank? Den Moment habe ich gefürchtet, wo meine Enkelin peinliche Alterserscheinungen an mir feststellt. Ich frag also nach. "Wie meinste denn das?" "Naja, ein Junge aus der Klasse hat auch keine Nüsse mehr im Kopf." "Und, wo sind die geblieben?" hake ich nach. "Die hat der Doktor wegoperiert", antwortet sie beiläufig. Mir schwante etwas. "Meinst du etwa Mandeln?" frage ich? "Ja genau", freut sie sich und spießt ne Pommes auf. Irgendwie bin ich erleichtert!

 

23/7/21...JANETTE ODER WIE SIE HIESS … Wir nannten uns "die letzte Reihe" und waren ein loser Haufen verpeilter Jungstudenten. Das heißt, jung waren alle außer mir. Als Späteinsteiger in das Psychologiestudium war ich der Älteste in der Runde, was aber in meinem Fall den klaren Vorteil hatte, ALLE einschlägigen Kneipen in Münster zu kennen. Aus der Perspektive von ganz hinten hatte man den besten Überblick im Vorlesungssaal, es fiel aber auch nicht auf, wenn man bei der öden Lernpsychologie (!!!) ein Nickerchen machte. Zwei bis drei Reihen vor uns saß stets eine absolut hübsche Studentin, die ihre weiblichen Reize geschickt einzusetzen verstand, was der Konzentration, vor allem bei den männlichen Studis, nicht sonderlich zuträglich war. Schon gar nicht bei Vorlesungen zur Lernpsychologie. So manches Mal trafen sich meine Blicke mit denen meines Kommilitonen Jürgen. Kurzes Heben der Augenbrauen, ein schwerer Seufzer und es war klar: Auch bei Jürgen herrschte gerade ein lernpsychologisches, hormonbedingtes Blackout. Allein immer dieser Ausschnitt! Diese Figur! Ihre wilden Haare! Sie hieß - glaube ich - Janette, aber niemand hatte mit ihr so richtig Kontakt. Ein nahezu mystisches Wesen. Man grüßte sich, das war's auch schon.

 

Irgendwann später stattete ich der Sauna meines Vertrauens einen Besuch ab. Nach dem Schwitzen begab ich mich ins arschkalte Schwimmbecken. Ich dümpelte da so leicht eingetrübt vor mich hin, da erblickte ich plötzlich durch den Chlor-Schleier vor meinen Augen - wen wohl - Janette. Wie Gott, oder wer es war, sie geschaffen hatte. So ein bisschen Lara-Croft-mäßig stand sie da, während das Wasser ihre Brüste umsäuselte. Hi, begrüßte sie mich mit ihrem reizvollsten Lächeln. Sie stand mir direkt gegenüber. Wie geht's? Ich weiß nicht, was ich geantwortet habe, ich weiß nur noch, auch wenn ich alles andere als prüde war und bis heute nicht bin, froh gewesen zu sein, dass sich der sensible Teil meines Körpers unter Wasser befand.

Als ich am nächsten Tag Jürgen - ich glaube, es war bei der ebenfalls knochentrockenen Vorlesung zur Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychogie - erzählte, dass ich gestern Janette im Saunabad getroffen hatte und zwar splitterfasernackt, war es mit seiner Konzentration vollends vorbei. Irgendwie wurde ich den Rest des Tages das Gefühl nicht los, Neid bestimmte unsere Interaktion.

 

 

13/7/21 ... FUSSBALL ... Die EM ist vorbei. Oder gibt’s noch ein Nachspiel? Ich muss ja gestehen, genau null Spiele geguckt zu haben. Nein – halt – dem Elfmeterschießen im Endspiel habe ich auf dem Handydisplay beigewohnt; vom Hocker gehauen hat es mich aber auch nicht. Fußball ist einfach nicht mein Ding und genau das macht mir etwas Sorgen. Die Betonung liegt auf „etwas“. Die Misere begann als kleiner Junge und Schuld trägt mein Vater. Der hatte nämlich die Einstellung: Gewinnen muss immer der Bessere. Das ist natürlich keine adäquate Fußballfanfrüherziehung, aber heute denke ich, dass dies im Grund eine hochphilosophische Ansicht war. Fußball ist ja auch ein bisschen Glücksspiel und man schaut ja auch keine Flipper-EM. Als junger Gymnasiast merkte ich, dass ich mit dieser Einstellung keinen Blumentopf gewinnen konnte. Montagmorgens beim Warten auf den Schulbus am Telgter Marktplatz wurden nämlich die Bundesligaergebnisse diskutiert. Man war entweder für Schalke oder Borussia, selten für Bayern. Allerdings hatte ich weder einen Bezug zu Gelsenkirchen, Dortmund oder München – warum sollte ich dann ausgerechnet für diese Mannschaft sein? Telgte war damals grade nicht in der Bundesliga und Preußen Münster, was ja Sinn gemacht hätte, auch nicht. Mein Statement, nur für eine Mannschaft zu sein, wenn dort ausschließlich Ortsansässige mitspielen, also z.B. nur Gelsenkirchener bei Schalke, führte zu bösen Diskussionen und man brandmarkte mich als absolute Fußballlusche. Aus Protest entschied ich mich, ab sofort Fan von Bremen zu sein, was aber nur von kurzer Dauer war und so hörte ich auf, für den Montagmorgen die Tabelle auswendig zu lernen. Da man mit den ganzen Fußballdeppen im Gegenzug aber nicht vernünftig über Rockmusik diskutieren konnte, weil die Looser zuhause vermutlich Suzi Quatro oder Gilbert O’Sullivan hörten, sah ich das als gerechten Ausgleich. Jedem das Seine, hätte mein Vater gesagt.

 

Dann wurde mein bereits retardierter Fußballenthusiasmus noch einmal kurz auf Hochkonjunktur gebracht. Vor einem viertel Jahrhundert schenkte ich meinem Patenkind zur Kommunion ein Schalke-Spiel, womit ich neben all den Farbkästen, Bibeln und Puzzlespielen natürlich den Vogel abgeschossen habe. Einziger Haken: Ich musste mit. Premiere! Ich erinnere mich noch: Der Gegner hieß Bielefeld. Also machten wir uns auf den Weg ins Stadion, das damals noch nicht den Namen einer dusseligen Firma trug. Auf dem Weg dorthin lagen bereits die ersten Schnapsleichen, während der gefühlte Rest nur mit Müh und Not, dafür aber schwankend und immerhin grölend das Ziel erreichte. Warum nur hatte ich nicht auch einen Farbkasten von Pelikan verschenkt? Dann segelte Jürgen Möllemann mit dem Fallschirm vom Himmel (dieses Mal aber noch nicht in der Finalversion) und das Spiel begann. Mein erster Gedanke: Ich Echt sieht man auch nicht mehr als im Fernsehen. Dann erste Unterbrechungen: Es wurden Blendgranaten geworfen und menschliche Hulks hingen und rüttelten an den Abgrenzungszäunen und brüllten, als hätte man sie frische auf eine Folterbank gespannt. Mein Patenkind ergriff aus Angst meine Hand und ich dachte wieder an Malkästen. An ruhiges Sitzen war nicht zu denken, wir mussten ständig aufstehen, weil die Meute um uns herum (wir standen im Schalke-Bereich) ständig „Alle die für Schalke sind … Aufstehen!!!“ riefen. Nein: Brüllten. Beim Fußball wird gebrüllt, nicht gerufen! Mich erinnerte das ein wenig an die Karfreitagszeremonie in der Kirche; nur dass es dort ständig „Beuget die Knie“ heißt und der Pastor natürlich nicht brüllt. Ich habe keine Ahnung, wer das Spiel damals gewonnen hat, jedenfalls machten wir uns frühzeitig aus dem Staub, um möglichen Eskalierungen aus dem Weg zu gehen. Seitdem ist für mich Fußball komplett gestorben. Warum, und das ist eine ernsthafte Frage, wird eigentlich nicht jedes Jahr Wacken in voller Länge im Fernsehen übertragen und als public viewing auf dem Telgter Dümmert gezeigt? Die Welt ist so was von ungerecht und einseitig!

 

11/7/21 ... GERDA ... Unser eher kleiner, an der Ems liegende Garten fällt vermutlich unter die Kategorie kultivierter Wildgarten. Das scheinen eine Reihe von Tieren sehr zu genießen. Die Menge der Vögel, die bei uns Futter finden, ist beträchtlich: Meisen, Spatzen, Amseln, Kleiber, Buntspechte oder Rotkehlchen. In unserem Ginkgo turtelt Jahr für Jahr ein Taubenpärchen und nistet im Baum nebenan. Eines Tages kam Gertrud - eine Ente - von der Ems hochgewatschelt und leistete uns über Wochen Gesellschaft beim Frühstück oder wenn wir auf der Terrasse saßen. Später präsentierte sie uns ihre Küken, was wir eher suboptimal fanden. Dann lag eines Tages Hornie vor der Tür - ein junges Eichhörnchen. Wir peppelten ihn auf, um dann seine anfangs unbeholfenen, später kapriziösen Kletterkünste zu bewundern. Irgendwann zog es ihn in andere Baumregionen - größere Herausforderungen. Letzte Tage saß plötzlich Gerda im Garten. Eine beringte Taube. Tauben haben einen schlechten Ruf, weshalb es einige Eltern auch legitim finden, wenn die Kinder nach ihnen treten. Gerda wirkte etwas schlapp. Vermutlich war sie auf einer dieser bescheuerten Taubenflugaktionen unterwegs, die ausschließlich einem Spaß machen und hin und wieder Gewinnprämien einbringen: Dem Taubenkasper. Soll sie sich ausruhen, dachten wir. Oft dauert das bei langen Flugstrecken ein paar Tage. Sie wirkte etwas fluglahm, machte aber noch kurze Ausflüge, futterte mit unseren anderen Gartenvögeln, bediente sich an der Tränke und lief uns ansonsten stets ungünstig vor den Beinen rum. Gerda war unglaublich anhänglich: Sie lag am liebsten auf unseren Füßen, liebte die rotlackierten Fußnägel meiner Frau und kam auch schon mal in die Küche gelatscht, um ihre unbändige Neugierde zu stillen. Sie fraß aus der Hand und ich sah mich schon mit ihr auf der Schulter durch die Stadt gehen. Morgens, mein erster Blick: Wo steckt der Vogel? Oft hockte sie schon vor dem Fenster und lugte ins Haus. Da sie beringt war, versuchten wir den Besitzer ausfindig zu machen. Gerda kam laut Ring aus Belgien. Die Suchoption funktionierte nicht. Gestern hatte sie plötzlich Schwierigkeiten, eine Stufe hochzukommen so dass ich ihr helfen musste. Heute morgen lag sie tot im Garten, wo ich sie beerdigt habe. Gerda war uns ans Herz gewachsen. Bei der Recherche erfuhren wir dass dieser Taubensport eine reine Tierquälerei ist. Ach, Taube Gerda, dann hattest du möglicherweise bei uns noch ne feine Zeit. Rest in peace!

 

 

1/7/21 … DISKUSSIONSGRUNDLAGENBERATER … Unterwegs im Land. Etwas plump und ungraziös taumelt die Normalität in den Alltag zurück. Doch egal ob an der Bushaltestelle, im Biergarten oder wie in unserem Fall auf dem Wohnmobilstellplatz, überall tratschen die Leute über die Coronazeit und ihre Nachwehen. Vermutlich ist das so eine Art Katharsis: Sich den aufgestauten Frust von der Seele reden. Allerdings nervt mich dieses ewige Coronarisieren. Gibt's denn wirklich keine anderen Themen? Hier eine kleine Auswahl für die nächste Busfahrt:

  • Warum werden immer die talentfreisten Kandidaten Kanzler?
  • Warum haben wir so eine einfallslose Deutschlandfahne?
  • Sind Raser auf den Straßen tatsächlich chronisch untervögelt?
  • Warum wird eigentlich nie über die Rente ab dem Tod diskutiert?
  • Warum arbeiten Parteien selten bis nie an der Sache, sondern immer nur am eigenen Profil?
  • Warum dürfen Tiere, bevor sie als Kadaver verspiesen werden, eigentlich nie die Sonne sehen?
  • Wann kapieren wir, dass Krieg und Militarismus ausschließlich eins beweisen: Wie dämlich die Spezies Mensch ist?
  • Warum schafft man nicht die gesamte royale society ab?
  • Wieso darf man in der Öffentlichkeit straffrei geschlechtsteilbetonende Radlerhosen tragen?
  • Wann ist ein Mann ein Mann und wieso muss er deswegen karierte Hemden tragen?
  • Und natürlich: Warum machen die Menschen inklusive Sex alles so schnell?

Wie wäre es mit einem neuen Beruf: Diskussionsgrundlagenberater?

 

27/6/21… UFOS…. UFOs! Wohin man am Abendhimmel schaut: Ufos! Der SPIEGEL hat daraus ne fette Story gemacht und all die Verschwörungsdullis laufen mit Schnappatmung durch die Gegend, weil nun endlich doch das geschieht, was immer und ewig angekündigt wurde: Donald Duck im Rotkäppchenkostüm landet auf der Erde und rettet die Menschheit vor der Müslisierung des christlichen Abendlandes. Ey Leute, mal halblang! Ich saß heute Nacht bis Zwei mit meiner geliebten Frau im Garten, die englische Rose duftete mit dem Rosmarin um die Wette, es waren sicherlich zwei Flaschen französischer Rotwein im Spiel und wir planten unsere Reisen für 22 bis 25. Und soll ich was sagen: Über uns schwebten gefühlt sieben Ufos in Herzform und schickten rote Lichtblitze auf uns hinab. So läuft das! Soll ich deswegen gleich an die Presse gehen?

 

24/6/21 … DER DUFT VON SYLT … Meine Schwiegermutter hatte sich für Sylt als Ziel unseres gemeinsamen Kurzurlaubs, den wir dann und wann mit ihr unternehmen, entschieden. Da wollte sie immer schon mal hin; ich eher nicht. Ich stellte es mir nicht sonderlich erquickend vor, in die ewigen Laichgründe der Schickeria abzutauchen, um den tristen Charme der Bourgeoisie miterleben zu müssen. Aber mit Sylt ist es wie mit Mallorca: Was kann die Insel dafür, dass dort so beballerte Leute rumhängen? Doch das vorweggenommene Fazit lautet: Sylt ist ein schnuckeliges Eiland, wenn man einen großen Bogen um Westerland und Sansibar macht.

 

Beim Durchcruisen der Insel stießen wir auf ein großes Geschäft, in dem Accessoires verkauft wurden. Accessoire ist der neumodische Ausdruck für Staubfänger. Wir also rein da und durch die Gänge schwadroniert. Ich weiß ja nie, wer sich so einen Krempel wie Plastikschriftzüge a la „Sweet Home“ oder springende Fische aus Pressholz in die Hütte stellt, aber der Absatz funktionierte reißend, ging man nach der chronisch fröhlichen Laune des braungebrannten Ladenbesitzers. By the way: Ich finde ja als Plastikvermeider Seife am Stück toll und wurde diesbezüglich fündig; ich habe nämlich eine Schwäche für schwarze Herrenseife. Derweil sah man Schwiegermutter in der Duftzone rumstöbern. Als wir uns draußen wiedertrafen, roch Schwima wie ein vierstöckiges Wellness-Center und ließ uns alle an ihrer Bluse und ihren Handgelenk schnuppern. „Ist das nicht ein tolles Parfüm?“ schwärmte sie. Sie hatte sich mit dem Zeug komplett eingedieselt, doch sparsam wie sie ist, hatte sie auf den Kauf verzichtet. Nun ist ja Geruch eine Bandbreite, aber immerhin roch ihr Bouquet besser als so manch pudriges Altdamenparfüm. Wir überredeten sie, noch einmal in den Laden zurückzukehren, um das Parfüm käuflich zu erwerben. Der Besitzer empfing uns mit seinem Premium-Syltlächeln und sagte zu meiner Schwiegermutter: „Die Dame hat sich für das Raumspray entschieden? Eine gute Wahl!“ „Raumspray???“ Schwiegermutter schaute betreten aus der Wäsche, blickte ungläubig auf das recht teure Fläschchen, wurde sich ihrer gewaltigen Dunstglocke bewusst und ließ das „Parfüm“ unauffällig in ihrer Handtasche verschwinden. Aber nichts für ungut, für den Rest des Kurzurlaubs brauchten wir keins dieser bescheuerten, am Autospiegel rumbaumelnden Duftbäume; es roch auch so herzerwärmend. Noch Wochen später!

 

 

21/6/21 … POSER ERSCHRECKEN … Neulich in Fulda. Wir waren aus der Altstadt mit all dem Schaulaufen der haargeglätteten und –pomardierten Eitelkeiten geflüchtet und hatten eine ruhige Kneipe am Rand entdeckt: Die Posaune. Dort gab es zu meiner großen Freude Bier in eisgekühlten Humpen und da es sich bei dem Hopfengetränk um Pilgerbier handelte, war der Abend obendrein göttlich abgesegnet. Eine runde Sache! Der freundliche Wirt teilte meine Freude und wir verstanden uns augenzwinkernd, wenn es einer neuen Füllung bedurfte. Leider hatte der Außenbereich der Kneipe einen wesentlichen Haken: Er lag an der Poserstrecke Fuldas. Für Anfänger: Poser sind so eine Art moderne Hütchenspieler, die meinen, die Welt beglücken zu müssen, aber bei ihrem Erscheinen ungemein nerven. Nur merken sie das nicht, da manche so flach sind wie ihre Autos. Eigentlich handelt es sich um gut aussehende Männer mit riesigen Oberarmen, windschnittigen Frisuren und rattenscharfen Achselhemden. Die meisten wohnen vermutlich noch bei Mutti, um sich ihre 5000PSstarken Superautos mit 25 Auspuffen leisten zu können. Wenn die Monsterkarren mal so richtig aufdrehen, klingt das wie das Brüllen von King Kong, nachdem er grade von einer Salve Maschinengewehrkugeln ins Geschlechtsteil getroffen wurde. Meistens sitzen in den Riesenkarren rasante Frauen mit Ausschnitten bis zum Knie und knappen Minis, wodurch die Hormonsteuerung der Fahrer enorm getriggert wird. Möglicherweise schauen sie deshalb auch immer leicht präorgasmatisch aus der Wäsche. In der Regel läuft aus fetten Bassboxen laute Tekkno-Musik, die mich immer die Zeiten erinnert, als Schallplatten noch Sprünge hatten. Und nicht zu vergessen: Beim Vorbeifahren brüllen sie wie frisch kastrierte Ochsen über die Straße, wofür ich allerdings keine genaue psychoanalytische Erklärung habe.

 

Der göttliche Segen hielt nicht lange an und das Pilgerbier tat seine Wirkung. Wir machten uns auf den Weg zum Wohnmobilstellplatz und ich hörte deutlich in mir den göttlichen Wunsch: Zeig´s ihnen! Ich glaube, in so einer frommen Stadt wie Fulda, ist auch Gott von solchen Flachmaten endlos genervt. Wieder fuhr so ein spermaweißer und tiefer gelegter BMW 25683 an uns vorbei und die Insassen, ein Konglomerat aus bärtigen Lichtgestalten, brüllten über die Straße. Dummerweise musste die Kiste an der nächsten Ampel halten. Ampeln sind für Poser so eine Art Coitus Interruptus! Wieder vernahm ich den göttlichen Ruf „Zeig´s ihnen endlich“ und ich sprintete – aufgetankt mit Pilgerbier – los, erreichte den Boliden an der roten Ampel und schrie so laut wie es mir möglich war - und als echter Metalhead gehört Schreien zur „Wacken“grundausstattung - durch die geöffneten Fenster in den BMW. Nein ich schrie nicht, ich röhrte, wobei jeder Hirsch blass vor Neid geworden wäre. Man kennt das ja aus der Homöopathie: Gleiches mit Gleichem behandeln. Aus dem Auto schauten mir 4 Paar ungläubige und völlig erschreckte Gesichter entgegen. Dann beglückwünschte ich das Team und erzählte ihnen allen Ernstes, dass unser Land stolz auf sie sei, auch wenn ihre Aktion grottenpeinlich wirke. „Jungs“, sagte ich, „genau ihr seid unsere Zukunft!“ Ich hätte gerne alle noch per Handschlag verabschiedet, aber es wurde leider grün. Und das war auch die Gesichtsfarbe meiner Frau, die mein Ende auf den Straßen Fuldas nahen sah. Sie wirkte nicht sehr beglückt, wenn nicht gar leicht angesäuert und ich überlegte auf dem weiteren Heimweg, künftig doch wieder auf faule Eier zurückzugreifen.

 

16/6/21… GEHETZTE ELEKTROBIKER… Früher, als Fahrräder noch nicht Bikes hießen, schlich man mit aufwallender Hochachtung um eine Leeze, um zu checken, ob es sich bei der Gangschaltung um eine Shimano-Sonderedition handelte oder um ein taiwanisches Kettenmassaker. Heute bewundern die Radler die Leistung der Hilfsmotoren, Akkus oder was einem sonst so das Selbstbewegen in Teilen abnimmt. Man mag sich über Technologie, Ökologie und vor allem Ergonomie von e-bikes oder pedelecs trefflich streiten, aber was das Fahrverhalten mancher Zeitgenossen anbetrifft, gehen mir die Pedeljecken auch trefflich auf den Geist. Wir sind Genussradler auf sogenannten, übrigens neuen Bio-Bikes (kommt nicht von mir!) und halten schon mal gerne an, um die Landschaft zu genießen, ein Foto zu knipsen oder glücktrunken rumzuknutschen. Was nicht heißt, daß wir durch die Gegend kriechen. Hey man, wir kommen aus dem fucking Münsterland! Aber ich hasse es wie die Pest, wenn irgendein Analogradler berghoch wie besessen klingelt, weil er seinen selbst gesetzten Zeitdurchschnitt nicht unterbieten darf. Am Ziel wird dann nicht von der geilen Landschaft geschwärmt, sondern von der Fahrleistung und dass man wieder 1km/h mehr Hetzresultat ergattert hat. Nicht jeder ist geschwindigkeitstauglich, was vor allem in Kurven für tieffliegende Frührentner sorgt. Und hat der zumeist männliche Pilot eines Kastenelektrobikes, das mich immer an die Transformer-Serie erinnert, auch noch einen ausladenden Seitenspiegel, wird's auch für mich brenzlig und - frei nach Grönemeyer: Meine Faust möchte in sein Gesicht. Oh Mensch, wenn du unbedingt hetzen musst, dann geh doch nach Sachsen! Und warum muss man eigentlich ab 22 km/h ultradämliche Eddy-Merckx-Klamotten mit bescheuerter Firmenwerbung tragen? Gestern kam uns ein rüstiges Rentnerpaar entgegen. Er schleppte sie wegen Akkuschaden mit langem Seil ab, was zu zahlreichen Verkehrsbehinderungen führte. Ganz ehrlich: Ich konnte mir ein natürlich mitleidvolles Grinsen nicht verkneifen.

 

15/6/21... FRANKREICH:DEUTSCHLAND …Campingplatz am Chiemsee… (Lesen ging eh nicht mehr…eine Live-Mitschrift von unserem Nachbarn, vom Spiel hörte man nix)... Das glaube ich jetzt nicht…meine Güte…will der den Ball jetzt reinpullern, oder was?... das versteht doch kein Mensch…das gibt's doch nicht…üben die noch, oder spielen die schon?...kann mir das mal einer erklären?... Der muss doch vom Platz…ohne Sinn und Verstand…so ein Blindgänger…wie kann man so einen Taubstummen auf den Platz stellen…den hätte ja meine Oma reingemacht…solche Spackos…neeee…(lauter) neeeee… haste das gesehen?...diese lahmen Enten…soll das ein Stürmer sein oder was?...fällt über seinen eigenen Ball, echt jetzt…ooohh… der hat doch vergessen, was der auf dem Platz soll…auch das noch…erst haben die kein Glück, jetzt kommt auch noch Pech dazu…der ist doch sein Geld nicht wert…guck mal, da kommt ein Ball rüber…Dieser Blindfisch…so kann man's natürlich nicht machen (11 Meter) …uuuhh… ooohhh…Donnerklitzki, sag ich nur…die sind doch viel zu durchschaubar…jetzt bohrt der gleich noch in der Nase…ach du lieber Gott…wie kann man denn so was machen…da muss man doch keine Kartenleserin sein…jetzt nimmt der 10km Anlauf für nen Kullerball...dem haben sie doch das Gehirn weggetreten…viel zu langsam…haben die jetzt mal nen Ball getroffen…das war 100% Abseits…den sollte man doch steinigen…wer soll denn das glauben?...(letzte Minute läuft)...was ist denn das für ein Mist da?...den würde ich vom Platz peitschen…früher konnte man einen drauf lassen, dass Tore gemacht wurden…so wird das eh nichts…da kommt zu wenig…wie man nur gegen die blöden Franzosen verlieren kann… der ist doch B-Ware…geht der mit dem Ball spazieren, oder was…(Schlusspfiff) da bricht ja Trauer aus…ich trink mir jetzt einen! (Abgang)

 

 

10/6/21 … BADEMEISTER STEIN … Die Zielfahne meines Navis zeigte an: Hausnummer 42 erreicht! Ich hatte die Adresse in dem zerfledderten und mit unzähligen wilden Notizen gespickten Portemonnaie entdeckt, dass ich neulich vor unserer Haustür fand. Nun wollte ich die Geldbörse der rechtmäßigen Besitzerin, einer Frau S.L. eigenhändig zurückbringen; es existierte ansonsten nur die Kranken- und Bankkarte. Das Zielgebäude lag in der Nähe der alten Badeanstalt, in der ich schon als Kind jede freie Stunde im Sommer verbracht hatte. Ich schellte an der Haustür. Durchs Fenster hatte ich bereits einen sehr alten Herrn erblickt. Hundegebell, eine alte Dame schluffte zur Tür. Ob hier eine Frau L. wohnte, fragte ich. Die Frau verneinte und nun erschien auf Krücken auch der alte bärtige Mann.

 

Plötzlich tauchten Erinnerungen auf. Ich war noch keine Zehn, als mich meine Eltern zum Schwimmkursus anmeldeten. Wenn ich ins Schwimmbad wollte, das noch gar nicht so lange am Rande meiner Heimatstadt existierte, dann müsste ich auch schwimmen können, so ihre Argumentation. Ich vermute, dass zur allgemeinen Abhärtung der deutschlandweit jemals gemessene kälteste Sommertag bzw. -abend als Starttermin für meine private Schwimmstunde bei Bademeister Stein ausgesucht worden war. Wir Kinder, vor allem wir Jungs, hatten einen Heidenrespekt vor dem muskelbepackten Bademeister, der, so erzählte man sich, früher auch Boxer gewesen sei. Er sah haargenau aus, wie man sich einen solchen Badebetriebaufsichtsexperten vorstellte: Weiße Mütze, weiße kurze Hose und Hemd. Und klarer Fall: braungebrannt und mit üppiger Brustbehaarung ausgestattet; nur so konnte in meiner Vorstellung ein wahrer Lebensretter aussehen. Und üppige Brustbehaarung, so mein kindliches Denken, schützte sicherlich auch vor den oberfiesen Witterungsverhältnissen eines solchen Unsommers. Ich besaß kein einziges Haar auf der Brust; wie sollte das gehen? Da stand ich dann bei 10 Grad Außentemperatur als vor Kälte zitterndes Etwas an dem riesigen Wasserbecken und wurde freundlich, aber bestimmt in die eiskalten Fluten geschickt. Sicherlich war ich der einzige Badegast, denn wer außer mir Volltrottel ging freiwillig bei solch winterlichen Temperaturen ins Freibad?! Was für eine bescheuerte Idee. Es war für mich schier unvorstellbar, wie man die vielen Hunderte von Metern (es waren in Wirklichkeit nur 50) durchschwimmen sollte, ohne dabei vor Kälte zum Eisblock zu erstarren und gleichzeitig an der Oberfläche zu bleiben. Herr Stein simulierte die von mir erwarteten Schwimmbewegungen, wobei ich mich nicht mehr erinnere, wie er das mit den Füßen machte. Mit einer riesigen langen Stange ging er am Beckenrand vor mir her, um mich im Falle des Ersaufens kurzfristig zu retten. Wie ich das kalte und nach Chlor stinkende Wasser gehasst habe (und heute immer noch hasse). Zum Glück schaute niemand bei meinen völlig talentfreien Schwimmübungen zu. Nach einer Stunde Qual durch Anstrengung, Wut auf meine lieblosen Eltern und Kälte öffnete der gutmütige, gar nicht so boxermäßige Bademeister die Tür zum Heizraum, wo ich mich menschliche Zitterpapel eine Viertelstunde aufwärmen durfte. Heizräume können das Paradies auf Erden sein!

 

„Sind sie Herr Stein?“ fragte ich den alten Herrn an der Haustür von Nummer 42. Seine Frau „übersetzte“, da ihr Mann schwerhörig sei. Der alte Mann nickte. „Bei ihnen habe ich schwimmen gelernt“, rief ich mit erhöhter Lautstärke und freudestrahlend. „Tja, junger Mann (!!!)“, knurrte er, „ich bin alt geworden.“ Ich wünschte ihm alles Gute, verkniff mir aber zu sagen, dass ich heute Schwimmen als überflüssiges Übel empfinde. Ich sitze lieber am Wasser, am liebsten in einer ollen Hafenbar und kraule die Haare auf meiner Brust.

 

6/6/21 … QUERDENKENDE VOGELSCHEUCHEN … Manchmal, wenn ich auf Tour bin und einen guten Tag habe (und ich habe immer einen guten Tag, wenn ich on tour bin), nehme ich schon mal die Funktion „Autobahn“ aus dem Navi und juckel über Land. Mal gucken, wie man in Barterode, Osterholz-Scharmbeck oder Fretthold so lebt und wohnt. Bei einer solchen Überlanddrömmelei erblickte ich plötzlich auf freiem Feld etwas, was ich gefühlte Jahrzehnte nicht mehr gesehen habe: Eine Vogelscheuche. Potzblitz, dachte ich, Vogelscheuchen sind so was von oldschool. Das Exemplar auf dem Acker hatte alles, was zu einer echten Scheuche gehört: Hut, einen Kopf aus Stroh, eine verschlissene Anzugjacke, Hose und ausgebeulte Gummistiefel. Der Bauer – oder war´s die Bäuerin? - besaß viel Liebe zum Detail, allerdings hinterfragte ich kritisch, warum Vogelscheuchen immer männlicher Natur sein müssen. Gibt’s eigentlich Gleichstellungsbeauftragte im Agrarbereich? Und irgendwie musste ich auch an Pete Seeger denken: Where Have All The Scheuchen Gone?

Bei der Weiterfahrt kam mir ein, wie ich finde, genialer Gedanke. Jetzt, wo die Covid-Seuche (reimt sich übrigens auf Scheuche) und das ganze Drumherum allmählich abklingen, haben ja auch all die Querdenker ausgedient. Es kann natürlich sein, dass sie noch gegen Scheinwerfer an Autos oder die Googleisierung des christlichen Abendlandes demonstrieren wollen; so richtig weiß man ja nie, was sie wirklich wollen bzw. meinen zu wollen. So Querdenker würden sich ja hyperoptimal als Vogelscheuche einsetzen lassen: Sie schreien ununterbrochen Phrasen, wedeln wie blöd mit Fähnchen um sich und stehen bräsig aus der Wäsche guckend in der Gegend rum. Auf so etwas hat keine Saatkrähe Bock! Endlich könnten die „Quers“ auf einem strammdeutschen Weizenfeld positioniert nicht nur quer-, sondern auch noch längs denken. Eine echte Win-Win-Situation. Nichts zu danken; ich helfe gerne.

 

27/5/21 … GURKEN-MARTIN UND DIE AFD … Was ja die wenigsten wissen: Man kann auch in verschließbaren Glasbehältern Lebensmittel hervorragend tiefkühlen! Nein – die platzen nicht! Sollte in 735 Jahren die dann völlig verwaiste Erde von irgendwelchen Kyklonen (Bewohner des Planeten Proxima Centaurus zur Zwischenlandung auserwählt werden, bleibt den Jupiter-Freds der schaurige Fund von überall rumliegendem, unverrottbarem Plastikmüll erspart. Nun lehrte mich neulich meine Frau, nachdem ich ein mächtiges Gurkenglas gründlich gespült hatte, dass sich diese Gefäße zum Einfrieren nur suboptimal eignen. Warum? Einmal Gurkenglas, immer Gurkenglas, so ihre Auslegung. Was bedeutet: Egal, ob man darin künftig den mediterranen Gemüseauflauf oder die Reste der vegetarischen Nudelpfanne einfrieren möchte, die Speisen werden später immer nach Gurken schmecken und/oder riechen. An diese Gurkengläser musste ich denken, als ich in meinem Schmartfoun die Meldung las, dass der Münsteraner AfD-Politiker Martin Schiller seinen Austritt aus der Partei erklärt habe. Der Analog-Politker, der vor allem durch seine allgemeine Unbeliebtheit „schiller“t, will sein Mandat im Rat der Stadt Münster als Parteiloser behalten. Aber egal ob Fascho-Martin in der AfD bleibt, der Parteilosigkeit anheimfällt oder in die CDU eintreten würde, der Gurkeneffekt bleibt. In diesem Fall nationalistisch-miefiger Gestank. Wie beim Gurkenglas – nur ekliger!

 

 

25/5/21 … WO MAN HINSCHAUT: ÄRZTE … Ich nenne sie mal Herta. Nach langem Drängen der Familie war Herta zu ihrer Hausärztin gegangen, wo man sie mit einer schlimmen Diagnose konfrontierte. Richtig schlimm! Die Diagnose hätte sie vermutlich schon vor Jahren bekommen, aber dann hätte man ihr Leiden besser behandeln können. Ich habe da was am Körper, sagte die alte Dame schon mal beiläufig. Aber zum Arzt wollte sie nicht. Die machen ja sowieso nichts, so Herta, und außerdem war Corona. Da konnte man mit solchen Sachen am Körper eh nicht zum Arzt gehen. Das hatte die Nachbarin Frau Lütke Merschmann gesagt, die sich auskannte, weil sie das auch von einer Nachbarin – ich glaub, das war die Frau Bockelkötter - gehört hatte. Und im Fernsehen, auf einem dieser Gurkensender, Herta nannte RTL, da hätte es eine Reportage gegeben, dass eine ähnlich Betroffene von Arzt zu Arzt hätte pilgern müssen und überall hätte man was anderes gesagt. Daraus schloss Herta, dass man bei ihr deswegen sowieso nichts gefunden hätte. Und in ihrem Lieblingsblättchen „Auf einem Blick“ hätte sie einen Bericht über eine Frau gelesen, die aufgrund einer falschen Diagnose auch falsch behandelt worden war. Sie sei dann wegen der falschen Behandlung erst richtig krank geworden. Ein Land voller medizinischer Nichtsnutze.

 

Als sich die Erkrankung nach einer eingehenden Untersuchung verhärtete, rief Herta Renate an. Renate hatte 25 Semester „Apotheken Umschau“ studiert und war medizinische Fachfrau für alle Lebenslagen. Lass dir bloß von den Ärzten nichts aufschwatzen, riet sie Herta. Sie wusste von einem Fall in ihrem entfernten Bekanntenkreis, bei dem wäre die Behandlung ganz schlimm verlaufen. Und auf SAT1 habe sie gesehen, dass es in Castrop-Rauxel eine Frau gegeben hätte, die von heute auf morgen wieder gesund gewesen wäre. Einfach so! Und sei bloß vorsichtig, wenn sie dir Medikamente oder womöglich Cherotherapie (womit sie Chemotherapie meinte) verschreiben wollen, so Renate. Weil, da hätte es noch neulich einen Bericht gegeben, dass jemand an den Tabletten und nicht an der Krankheit gestorben wäre. Herta wirkte beim nächsten Treffen sehr durcheinander. Was sie denn nun tun solle, wo doch Frau Lütke Merschmann, Frau Bockelkötter und Renate … Herta, lenke ich ein, du hast doch neulich deinen Opel in die Werkstatt deines Vertrauens gebracht. Richtig? Sie nickt! Ok, warum eigentlich nicht zu deinem netten Fernsehfritzen, der dir den neuen Anschluss gelegt hat? Herta lacht und antwortet: Blöde Frage, weil der doch keine Ahnung von Autos … dann stutzt sie … Pause … Herta legte Kuchen nach; ein Rezept von Renate. Ich hätte kotzen können!

 

23/5/21… Rock ’n’ Roll never dies … Meine Enkelin (8 Jahre) und ich saßen gestern eng aneinander gekuschelt vor dem Großbildschirm ihrer Eltern und schauten Eurovision Song Contest. Eine gequirrlte Soundsuppe, die ich mir unter normalsterblichen Umständen nicht antun würde. Aber mit Röschen an meiner Seite, Knabbereien und ein paar Glas Rotwein (für mich!) machte aus der musikalischen Körperverletzung eine amüsante Kulturbeutelei. Jeder Auftritt der singenden Nationalbarden wurde von ihr entsprechend kommentiert. Zu wenig an, klingt langweilig, blöde Frisur, doofe Klamotten oder flotte Musik. Letzteres klang zwar eher opa-resk, stammte aber aus ihrem Mund. Italien fand sie auch nicht schlecht, aber Finnland mit der Metalband Blind Channel und dem Song "Dark Side" wurde unser Favorit: Haare, Klamotten, Sound und Choreo…alles bestens. "Opa, das ist deine Musik, oder…?", strahlte sie mich an. "Finde ich auch flott!" Ich weiß nicht, warum ich in dem Moment an musikalische Früherziehung dachte. "Wenn du älter bist", sagte ich ihr später, "dann fahren wir zusammen nach Wacken, abgemacht?" Doch da war sie schon eingeschlafen.

 

20/5/21 … Titel … Die Familienministerin (oder Ministerin für Familie und Gedöns, wie es der politische Großkotz Gerhard Schröder mal ausdrückte) Giffey verzichtet auf ihren Doktortitel, las ich gestern in den Schlagzeilen. Na und? Ich habe auf meinen auch verzichtet! Vor geraumer Zeit habe ich eine Gruppe Studentinnen in ihrer universitären Endsiechphase bei der Doktorarbeit betreut. Die Professorin der Uni-Münster, die von meinen speziellen Fachkenntnissen wusste, bat mich um diese Betreuung in unserer Klinik. Am Ende der Untersuchungsphase, die vor allem durch Interviews mit Patienten geprägt war, fragte mich die Dozentin, warum ich keinen Doktortitel besäße. Ich antwortete ihr, dass ich mir aus Titel nichts machen würde und diesen vermutlich nach Erhalt als erstes wieder ablegen würde, weil sich durch die zwei Buchstaben vor meinem Namen nichts sonderlich bzw. gar nichts an meiner Arbeit ändern würde. Sie wirkte recht erstaunt bis verständnislos. Titel! Da muss ich immer an den Spruch denken: (sinngemäß) Fiele Manna vom Himmel, bräuchte es unzählige Professoren, um ihre Echtheit und damit Essbarkeit zu prüfen. Bei einem Vortrag bei einem Kongress für Jugendmedizin in Weimar bekam ich beim Einchecken ein Namensschild ausgehändigt, auf dem stand: Prof. Dr. Illhardt. Ich klärte den Fehler auf und bat um ein neues Schild, was allerdings aus technischen Gründen nicht möglich war. So lief ich den ganzen Tag mit einem Professorenschild durch die Gegend, weswegen mich allerdings keiner schief anschaute. In der Klinik erzählte mir neulich eine Patientenmutter, dass man auf der Station über mich häufig als der Dr. Illhardt sprechen würde. Man sieht also, die einen legen ihren Titel ab, die anderen werden ihn nicht los. Daher mein ultimativer Vorschlag: Wie wäre es, wenn man Doktortitel erst dann verliehen bekommt, wenn man sich einer Sache besonders verdient gemacht hat und obendrein mit „Kenne“ glänzt!? Nur mal so!

 

 

11/5/21…Aus dem Gesichtsbuch… (FSK 18) Facebook heißt facebook – so meine laienhafte Annahme – weil es dort um Gesichter geht. Gut, manche zeigen auch ihre Turnschuhe oder grottenlangweiligen Autos, aber ein Gesicht ist auch nicht jedem gegeben. Erfreulich ist es, wenn man Freundschaftsanfragen geschickt bekommt. Geht man der Anfrage auf den Grund, entdeckt man vielleicht, dass es der wilde Bernd aus der Grundschule ist oder die fesche Barbara aus der früheren Nachbarschaft. Enttäuschend ist natürlich, wenn Bernd inzwischen bei der FDP ist und Barbara wattierte Steppjacken trägt. Aber gut, das Alter spielt uns allen übel mit. Doch in letzter Zeit bekomme ich immer wieder Freundschaftsanfragen von Frauen, die ich nicht aus der Schule oder Nachbarschaft kenne. Sie heißen z.B. Aisha Osborne, Lefabione Merriman oder auch schon mal Lisa-Renate Neumüller (vermutlich für die älteren Semester) und verfügen wahlweise über große Brüste oder wohlproportionierte Hinterteile. Und alle wollen – ich kann´s ja verstehen – Sex mit mir. In der Regel wird das etwas anders formuliert, aber die Begriffe darf man vermutlich hier nicht schreiben, da sie facebookmäßig zensiert werden. Facebook hat null Problem, die Visage von Friedrich Merz zu veröffentlichen, stellt sich aber an, wenn man ficken sagt. Mist, jetzt ist es doch raus; das gibt bestimmt ne Sperrung. Übrigens verfügen die sexgierigen Frauen oftmals bereits über vier oder fünf männliche Freunde in ihrem Account, die immer so aussehen, als hätten sie aufgrund eines eitrigen Penisfurunkels 20 Jahre keinen Sex mehr gehabt.

Nun werden die Kenner der Materie natürlich sagen: Das kommt davon, wenn man im Internet auf Pornoseiten rumturnt. Aber das ist ja das Problem: Das interessiert mich nicht die Bohne, da ich ein Bonvivant und Anhänger des fantasiereichen Lustgewinns bin und dies in für unser Alter ausreichendem und ausschweifendem Maße mit der Frau meines Herzens real!!! goutiere. Zudem gehören Aisha, Lefabione und Lisa-Renate der Mehrheit oberflächlicher Vorbeileser an, sonst hätten sie vielleicht mitbekommen, dass der facebook-account von uns beiden betrieben wird. Aber in den Fixoficko-Angeboten der drolligen (oder heißt das dralligen?) Damen ist nirgendwo die Sprache von Ménage à Trois. Ich sag nur: Servicewüste Deutschland. Meine Liebste und ich sind zu dem Ergebnis gekommen, die Freundschaftsanfragen abzulehnen. Also sorry, Aisha, Lefabione und Lisa-Renate…nehmt das jetzt nicht persönlich. Aber kann ich euch an einen entfernt Bekannten weiterreichen? Der wirkt immer so chronisch untervögelt!

 

19/4/21…MAL QUERGEDACHT…Manchmal überlege ich, warum ich eigentlich kein Querdenker bin. Jetzt mal in Ehrlich: Es wäre doch alles viel einfacher! Man müsste nicht mehr nächtelang anstrengende Literatur von allgemein anerkannten (was heißt das schon) Denkern oder Wissenschaftlern lesen, sondern einfach so tun, als wenn man es täte. Man sagt einfach in einer Diskussion, „wer liest, ist im Vorteil“ oder wirft mit Blendgranaten a la „du solltest dich mal mit der Wahrheit auseinandersetzen“ um sich und schon ist die eigene Meinung in Beton gemeißelt. Oder man sagt, dass man jemand kennt, der tief ins Licht der Wahrheit geschaut hat; das gilt auch. Meine Güte, um wieviel entspannter wäre das Leben. Man müsste sich nicht mehr um gesundheitlich Geschwächte, Alte oder sonst wie Gefährdete kümmern, sondern man sagt einfach (brüllen mit Stimmüberschlagung wirkt ebenfalls überzeugend) in jede laufende Kamera: Ich brauche keine Maske: Ich habe ein Immunsystem. Hey, das ist medizinisch unglaublich überzeugend und als Argument in dieser Pandemie, die natürlich gar keine ist, unschlagbar. Und dann immer diese Einkesselei, Tränengassprüherei und das Niedergeknüpple auf normalen Demos. Mit viel Glück bekommt man auf Querdenkeraufläufen sogar von der hübschen Polizistin seines Vertrauens ein mit den Händen formierten Herz zugehaucht. Mit den Freunden von der rechtsnationalen Front im Verbund fühlt man sich sicher wie nie, weil die alle Bodybuilding machen, vorbestraft sind oder Probleme mit der Impulskontrolle haben. Das hat man auf keiner Klimademo! Und wenn mir ein Vertreter der Presse blöde kommt, dann rufe ich einfach Lügenpresse, wofür vorher eigens kleine Zettel zur Textsicherheit verteilt werden oder ich haue dem blöden Reporter eins auf die Maske, was auch null Konsequenzen hat. Ach, so ein Leben als Querdenker wäre undenkbar stressfrei – ein Träumchen. Ich finde, man umgibt sich einfach mit viel zu viel Angestrengtheit. Im nächsten Schritt versuche ich bei Schlagern mitzusingen und Dieter Bohlen post mortem (ach, der lebt immer noch?) gut zu finden. Warum so schwer, wenn es auch mit Einfalt geht?
 

19/4/21 ... GODOT ... Laschet oder Söder? Puh, ich glaube, ich würde Lassie wählen! Ach, Politik ist ne ernste Sache und kein Spaß? Na, dann eben Godot!

 

10/4/21...SPIEGELUNGEN Ich verließ das Haus in der Mittagszeit, hatte den Kragen hochgezogen und ließ mich über Kopfhörer mit monotonen Geräuschen eines Metronoms beschallen. Obschon ich wie immer einen großen Bogen um Gegenden machte, bei denen man Gefahr lief, auf Menschen zu treffen, stieß ich alsbald auf ganze Haufungen. Die Menschen starrten mich an - glotzten. Manche blieben stehen und zeigten mit dem Finger auf mich. Ein dicker Junge mit ausgefallenen Zähnen und Call-Of-Duty-T-Shirt hielt sich seinen Bauch vor Lachen. In dem verstaubten Schaufenster eines Geschäfts für verlorene Zeit betrachtete ich mein Spiegelbild und bemerkte erst jetzt, dass eine etwa zwei Zoll dicke Schraube aus meinem Kopf ragte. Ich drehte mich zu der glotzenden Masse um und rief: Ich bin nicht verrückt. Doch das verschlimmerte eher ihr schadenfreudiges Gemurre und Geplapper. Mich immer wieder umdrehend, um mich ihres Folgens zu vergewissern, führte ich die Menge zu einem Berg aufeinander gestapelter Gitarren. Zu oberst lag die Gitarre von dem Dire Straits Album "Brothers In Arms". Ich erklomm den Berg, nahm das Instrument und begann zu spielen. Sehr schön, wie ich fand. Dann machte ich eine Pause: Seht ihr, rief ich, ich bin nicht verrückt. Doch vor mir stand eine versteinerte, gesichtslose Masse ohne Augen. Hier brach der Traum ab…

 

 

2/4/21 … KAR(L)FREITAG … Aufgewachsen in einem schwarz-beige-bis oben zugeknöpften Katholizismus der besonders strengen Münsterländer Art (danach kommt nur noch Opus Dei), war für mich früher der Karfreitag der schrecklichste Tag des Jahres. Schon morgens wurde ich von meinen Eltern mit Sauerteigmine geweckt, da es an dem Tag immens wichtig war, möglichst traurig aus der Wäsche zu schauen. Christen gedenken an diesem Tag des Leidens und Sterbens „unseres Herrn Jesu Christi“ (Sprachweise zuhause) am Kreuz. Gut, beim Aufstehen ließ sich damals eh ein gewisses Leiden nie vermeiden. Beim Frühstück gab es für jeden nur eine Schnitte vom geschmacksneutralen Reineke-Brot und wenn ich mich richtig erinnere ausschließlich Käse. Marmelade war schon zu viel Lebensfreude und Fleisch sowieso. Vermutlich war dieser Veggie-Day eine Art Wiedergutmachung für das am Sonntag frisch von der Mutterbrust weggebratene Lammfleisch. Mittags ging das Theater weiter: Es gab Kartoffeln mit Heringsstipp (Fische sind ja – Logik, ik hör dir husten – keine Tiere!!!), aber so portioniert, dass man auf keinen Fall satt wurde. An dem Tag wurde nämlich gefastet – wofür auch immer. Der Sinn hat sich mir nie wirklich erschlossen, da bei den eher einfachen Lebensverhältnissen zuhause der große Prassnik sowieso keinerlei Rolle spielte. Am Nachmittag ging man - Pflichtveranstaltung!!! - dann in die Karfreitags-Liturgie, dessen Highlight das Vortragen von zehn Fürbitten darstellte. Nach jeder Fürbitte rief der Pastor „Beuget die Knie“, dann ächzte die ganze Gemeinde auf Kommando - auch die Gläubigen mit Gonarthrose oder Hüftschaden - in die Knie, verweilte dort auf den Brettern, die das Leid bedeuteten, und erhoben sich mit noch größerem Ächzen auf den Zuruf „Erhebet Euch“. Da ich bis heute Sportereignissen wenig abgewinnen kann, habe ich mich anschließend fix vom kirchlichen Acker und auf den Weg zu meinen larifari-katholischen Freunden gemacht. Dort gab es nämlich das Karfreitagsgericht: Ölgebackene Struwen, mit denen man endlich satt wurde und sich eine solide Grundlage für den später geleerten Kasten Billigbier der Marke Sterbehilfe schaffen konnte. Bei Rory Gallagher oder Black Sabbath klang dann der Karfreitag aus, aber immerhin war man am nächsten Morgen selbst das Leiden Christi in Person, was ja auch österlich ist. Heute werde ich der Zeit bei einem guten Gläschen Whisky mal gedenken.

 

25/3/21…STATTLICHE ZEITEN… In einem Zeitungsartikel über einen namhaften Menschen aus dem Kulturbereich - man nennt so jemanden auch Kulturschaffenden - hieß es, "der stattliche 100 Kilo-Mann" hätte Dies oder Jenes geäußert. Seitdem geistert diese Beschreibung in meinem Kopf herum, schließlich bin ja auch ich zu einem stattlichen 100 Kilo-Mann mutiert. Die Zeiten des drahtigen und durchaus muskulösen Mittdreißiger sind schon länger vorbei. Ich sag nur: Das gute Leben! Schuld ist natürlich vor allem meine Frau, die - vermutlich komplett unüberlegt - den Satz äußerte, sie liebte jedes Gramm an mir. Das motiviert selbstredend nur wenig zur Dezimierung von Jahresringen. Nun entdeckte ich im freien Bücherregal meines Vertrauens eine kleine Schatulle mit einer Abnehm-Challenge. Irgendwie ist heute alles Challenge; vermutlich gibt es auch eine Corona-Pandemie-Eindämmungs-Challenge. Um es kurz zu machen: Ich konnte meine Stattlichkeit um satte vier Kilo reduzieren. Es fehlen noch 400 magische Gramm und es wird zweistellig. Doch dann machte ich meinen donnerstäglichen Wocheneinkauf, da winkte mir beim Rausgehen schon von weitem die rustikal-freundliche Bäckereifachverkäuferin mit dem Kuchenpapptablett zu und rief: "Wie immer eine Lage Streuselkuchen?" Ich konnte nicht Nein sagen, werde aber künftig den Nebenausgang nutzen. Sonst war die ganze Challenge für'n Eimer.

13/3/21...Tellerwäscher...Unsere 2-Personen-Haushalts-Spülmaschine hat das Zeitige gesegnet. Diagnose: Wasserzuleitungsinsuffizienz. Der Techniker meinte schon vor einem Jahr mit bedeutungsschwangerem Blick: Die Monate seien gezählt. Und steckte sich die 96 Ocken für die Reparatur ein. Dann wurde das gute Teil, so eben über der werksverordneten Selbstzerstörung, vom städtischen Abdecker abgeholt. In einer nächtlichen Vollversammlung unserer Ehekommune beschlossen wir, künftig auf den elektronischen Tellerwäscher zu verzichten. Ich las, dass in Deutschland nur 7% das Spülen per Hand mögen. Wie viele davon Männer sind, gab die Statistik nicht her. Jedenfalls genieße ich meinen abendlichen Abwasch. Man kann so herrlich über den Dreck der Welt sinnieren, während man im trüben Wasser fischt. Zudem ist es ein reizvoller Anlass, in Ruhe - naja - Musik zu hören. Weswegen dann meine Frau auch dann und wann sachte die Türe schließt, mir einen Kuss zuhaucht und mich in meiner prilierten Schaumage in Thrash-Dur ahlen lässt. Muss ihr beizeiten nur noch das Unglück mit der entglittenen Kakaotasse beichten!

 

 

3/3/21…TUNING…Manchmal stehe ich beim Abendspaziergang auf der Günter-Grass-Brücke zu Telgte und schaue dem Treiben auf dem reich frequentierten Parkplatz zu. Eines der mich enorm in den Bann ziehenden sozialinteraktiven Phänomene der Neuzeit sind die Treffen der Tuningszene. Man steht dann dort mit seinem aufgemotzten PKW und unterhält sich durchs Seitenfenster mit dem Fahrer des benachbarten Wagens. Und immer wieder frage ich mich, worüber dort wohl gequatscht wird. Ich habe da keinerlei Erfahrungen, denn während damals die Kumpels schon mit Ford Taunus glänzten, juckelte ich mit einem 6 Volt Käfer durch die Gegend und mein erstes teures Auto war ein gebrauchter R4F6, in dem man immerhin hinten drin schlafen konnte. Da war nix mit Karre-aufm-Parkplatz-rumstehen. Meine Beobachtungen haben ergeben: Selbstredend läuft der Motor und wird durch eindrucksvolles Zwischengasgheben warm gehalten. Bevorzugt sitzt auf dem Beifahrersitz eine kesse Käthe mit Lederimitatleggins, die die ganze Zeit auf ihr mit Strass besetztes Handy glotzt, Pinterest-Fotos durchscrollt und vermutlich den PS-starken PKW mehr liebt als den Fahrer. Ist jetzt nur so ein Eindruck! Aus kühlschrankdicken Bassboxen, für die der Rücksitz weichen musste, donnert irgend so ein Rap-Gesabbel a la „Ich ficke deine Mutter, geh zur Seite, du Attrappe“.
 

Nun fahre ich ja inzwischen einen knallroten Mittelklassewagen mit satt´ PS (also für mich ausreichend), fetter Musikanlage und mit Oben-Ohne-Verdeck. Also, überlegte ich mir, dabei sein ist alles und stellte mich zur Abendstunde auf besagtem Parkplatz in Poolposition. Laufender Motor, Verdeck offen, Fenster runtergedreht und aufs Gaspedal hatte ich einen mitgebrachten Wackerstein gelegt. Das mit dem Mutter-Ficken habe ich mir geklemmt und stattdessen guten alten Punk von Buttocks „Ich will nicht mehr dein Sklave sein, weg mit dem Fick Fack Rotzverein“ in den Player geschoben. Ich dachte mir: Mal was Sozialkritisches kann nicht schaden. Tja, was soll ich sagen. Ne komplette Stunde stand ich auf dem Platz, lässig auf die Motorhaube gelehnt und rauchte eine Schokoladenzigarette nach der anderen. Zwischenzeitig lief ein verlauster Köter vorbei und pisste an eine meiner eigens vorher polierten Radkappen. Erst als der Abend dämmerte, fuhr langsam ein abgehalfterter VW-Golf mit Fünffachauspuff und hochgezogenem Fernlicht zum Platz hinunter und positionierte sich neben mir. Der übelst verpickelte Dicke mit Converse-T-Shirt schnippste seine Fluppe durchs Fenster und quatschte mich blöd an: „Was suchstn hier?“ Ich dachte erst mit einem netten Begrüßungsritual wie „Maul halten; fick deine Mutter!“ zu kontern, konnte mich aber im letzten Moment bremsen. „Gucken, was kommt! Kumpels treffen halt!“ Das Pickelface steckte sich am elektrischen Zigarettenanzünder die nächste Zichte an und zischelte: „Kannste lange warten! Die sind alle ausgestiegen! Ist nix mehr mit Tuningszene hier!“ Ich zerquetschte meine Schokoladenzigarette mit der bloßen Hand und fragte: „Was machen die jetzt?“ Der Dicke zog die Augenbrauen hoch und erwiderte, während er sein Fenster wieder hochfahren ließ: „E-Bike fahren!“ Als der Golf mit durchdrehenden Reifen weggeprescht war, sprang ich galant über die geschlossene Tür auf meinen Fahrersitz (hatte ich erwähnt, dass das Dach offen stand?) und heizte mit Turbokick davon. Alles Luschen, dachte ich unterwegs! Warum nicht gleich Mofa!

 

 

26/2/21 … PSYCHO… Musste heute an einen leicht abgewandelten Pandemie-Witz denken…Die Enkelin fragt: Opa, was ist eigentlich ein Festival?...Opa? Opa, warum weinst du??? … Letztes Wochenende wären wir auf einem Festival gewesen: Winter-Wacken! Verdammter Mist - alles coronafiziert. Immerhin bleiben einem die Erinnerungen, wovon eine bereits über 20 Jahre zurückliegt. Mit meiner damaligen Freundin und einem guten Bekannten waren wir zum Haldern Pop Festival gefahren. Nach der ersten Festivalnacht kletterte ich leicht verkatert aus unserem VW-Bus. Direkter Griff zur Sonnenbrille; die Sonne schien nicht, sie schrillte. Die anderen schliefen noch; Matthes schnarchte in seinem Zelt neben uns. Ich steckte mir eine Selbstgedrehte in den Mund und kickte mit dem Fuß ein paar Bierflaschen, die von der nächtlichen Nachbesprechung liegengeblieben waren, zur Seite. Ich trug eines meiner damals bevorzugten ausgeleierten – natürlich schwarzen - Unterhemden und vermutlich irgendeine verschlissene – natürlich - schwarze Jeans. Da hörte ich plötzlich ein zartes Stimmchen meinen Namen rufen. Ich schaute durch die Zelt- und Wohnmobilfluchten und entdeckte nicht weit von mir ein junges Mädel, das mir zuwinkte. Einen Moment erschrak ich: Eine Patientin von mir. Wir quatschten etwas und verabredeten uns auf ein Bier am Nachmittag. Dann hörte ich, wie ihre drei männlichen Begleiter nachfragten: Wäwandas? Mein Psycho, antwortete das Mädchen und winkte noch mal rüber. Mich glotzten sechs ungläubige Augenringe an. Ich hoffte mal, den schlechten Ruf der drögen Psychotherapeuten mit schwarzem Rollkragen und dunkler Hornbrille etwas auf Vordermann gebracht zu haben.

 

22/2/21 … BLUTHOCHDRUCK… Sicherlich … ich hatte die Zeichen längst bemerkt: Die entsetzten Blicke der Menschen neben mir an der Ampel (unser PKW verfügt über ein Stoffdach), der besorgte Gesichtsausdruck meiner Frau, wenn ich mit Kopfhörern neben ihr auf dem Sofa sitze oder die Frage meines besten Freundes: „Cheffe (so nennt er mich häufig), hast du Probleme mit deiner Aggression?“ Mit den Jahren hatte sich mein Musikgeschmack dramatisch radikalisiert: Nein, kein Oldschool-Schmuse-Metal a la Iron Maiden oder Metallica, sondern Sounds aus den düsteren Kellern des Todes, bei denen sich die Basslautsprecher (für die jüngeren Musik-über-Handylautsprecher-Hörer: Das sind serviertellergroße Membrane zur Schallwellenweitergabe) mit jedem Tritt auf die Bassdrum nach außen wölben, sich Gitarrenwände auftuen, gegen die die chinesische Mauer ein klappriger Gartenzaun ist und der Gesang klingt, als hätte man dem Gehörnten bei lebendigem Leibe kreuzweise die Hoden über die Ohren gezogen. Musikhören ist wie Duschen, antwortete ich oft: Da will man ja auch den satten Strahl!

Irgendwann dachte ich, es wäre der eigenen Psychohygiene vielleicht zuträglich, den Fuß etwas vom Blutrührpedal zu nehmen, wandte mich sukzessive den Klängen softerer Bands zu und lauschte vermehrt psychedelischen oder prog-rockigen Stücken,  die jenseits des Haudraufrocks mit Anleitungen zum Frauenflachlegen liegen und nicht selten über 12 Minuten dauern. In meinem Alter muss man immer auch etwas auf die Grenzen der Gesundheit achten. Doch jetzt las ich aktuell, dass dies ein eklatanter Fehler war. Wie eine anerkannte Studie zeigte, ließen sich bei 89% der Teilnehmer einer großen Testgruppe beim Hören von Heavy Metal hoher Blutdruck, aber auch die Herzfrequenz senken. Dr. Avlanmış, der Leiter der Studie, kommentierte: "Was Heavy Metal angeht, beobachtete ich, dass aggressive Musik den Hörern dabei helfen kann, ihre Gefühle zu verarbeiten, was zu einem besseren Befinden führt." Vielleicht wirkt es sich ja bei angealterten Männern wie mir auch auf die Prostata aus! Heute Morgen klickte ich auf dem Weg zur Arbeit auf „Kataklysm“ und hatte vermutlich das breiteste Grinsen zwischen Telgte und Sendenhorst auf dem Gesicht! Schon bei Alverskirchen sah ich im Rückspiegel, wie sich das ein oder andere „mmHg“ sowohl diastolisch, als auch systolisch im Straßengraben überschlug. Läuft - alles Riva Rocci!

 

21/2/21…HANAU… Nach den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Ermordeten von Hanau und ihre Angehörigen durch einen bestialischen rassistischen Anschlag, fanden sich selbstredend auch rechtsgedrehte Kommentatoren im Netz, die verharmlosten, die Opfer als Feinde des deutschen Volkes betrachteten und mal wieder tief in der Schublade der Tatsachenverdrehungsschwurbelei gruben. Der Mörder sei gar nicht der Mörder gewesen, sondern es handele sich um eine große „antideutsche Verschwörung“. Was lernen wir? Der Trick bei rechter Hassrede: Man verdreht ein Ereignis dermaßen, dass es zum Schluss genau in entgegengesetzter Richtung zur eigenen Einstellung steht. Ach so, stecken dann vielleicht doch messdienerschändende Bischöfe hinter den Anschlägen der RAF? War jetzt nur mal so eine Hate-Übung. 

 

20/2/21 … MORGENBLUES… So manches Mal, wenn mich der Morgenblues ereilte und meine Lust aufs Arbeiten zäh wie angedickte Erbsensuppe war, dachte ich tief in mir drin: Ach komm, notfalls wirst du Präsident der Vereitelten Primaten von Amerika. Die wählen jeden Vollpfosten für so ein Amt. Jetzt ist es zu spät – der Job ist besetzt. Aber heute Morgen lief im Radio "La libertad" von Alvaro Soler, ein Song, bei dem sich bei mir unter normalen Umständen die Fußnägel aufrollen und den ich am ehesten mit leergedrückten Seifenspendern auf Autobahnraststätten assoziiere. Ich zitiere den Refrain: Ei ei ei ei ei. Kann sein, dass ich ein Ei vergessen habe. Und da machte es Ping bei mir: Warum werde ich nicht einfach Schlagerstar: Arnoldo Illato - der heimliche Liebling aller frühdebilen Schwiegermütter? Ich schau mal nach, ob meine Schlaghose aus den Endsiebzigern noch hinten im Schrank liegt! Vielleicht kann mir Schwiegermutter am Bauch einen Keil einnähen! 

 

17/2/21…DEMOKRATIE…Gestern - Politischer Aschermittwoch … parahumoristische Analogdemokratie. Partei A macht sich lustig über die Parteien B,C,D und E, während sich Partei B über A, C, D und E echauffiert. Dabei wird wahlweise Wasser oder Bier getrunken, Salzbrezelatmosphäre verbreitet und parteiparlamentarische Partylaune vorgetäuscht. Man sagt die Dinge ins Mikrofon, so ein Kommentator in der ZEIT, die die Wähler hören möchten, um sich dann vor den heimischen Bildschirmen köstlich unterhalten auf die lederbehosten oder stofflich sonst wie ausstaffierten Beine zu  schlagen. Allerdings frage ich mich, warum das eigens als politischer Aschermittwoch bezeichnet wird, da doch genau dieser Prozess tagein, tagaus Bestandteil der repräsentativen Demokratie im Land- und Bundestag ist? Ach, was wäre es wundervoll, wenn alle nur noch an der Sache und nicht mehr an sich selbst arbeiten würden.

 

15/2/21 … SEHNSUCHT… Gestern den Film "Salz auf unserer Haut" nach dem Roman von Benoîte Groult geschaut. Vor 25 Jahren las ich das Buch mit Schwermut, vor allem aber Sehnsucht nach dieser wilden Form der Liebe. Heute lebe ich sie seit langem selbst. Aber der Film erweckte wiederum Sehnsucht, doch dieses Mal war es eher die Sehnsucht nach dem Hinter-mir-lassen von Konventionen und lebensinkompatiblen Praktiken. Alle Jahre wieder… doch wann folgt die Realisation? Ich möchte nicht, dass man es auf meinen Grabstein meißelt: Ein Leben auf den Spuren der Sehnsucht.

 

13/2/21 …. ROSENMANN… Gestern war Freitag und Freitag ist Blumentag. Eigentlich! Zu Zeiten, als Corona lediglich als Bier bekannt war, brachte ich meiner Frau zum Einklang des Wochenendes jeden Freitag eine Blume mit. Der Statistik nach war es meist eine einzelne Rose. Bloß keine gewöhnliche rote, die mag sie nämlich nicht. Wir sind - muss man wissen - beide Anhänger des radikalen Romantizismus und Valentinstag ist bei uns überflüssig wie ne Salami im Kühlschrank. Im Blumenladen meines Vertrauens war ich bekannt, wurde fast schon familiär begrüßt und oftmals hatte man bereits ein besonders schönes Exemplar zurückgestellt. Die Blumenverkäuferinnen waren, wie mir schien, sehr von meinem Blumenkauf angetan und so wurde ich stets mit „Wie immer?“ begrüßt oder es wurde stets nach einem Urlaub angemerkt, ich sei ja ein paar Wochen nicht mehr da gewesen; offensichtlich besorgt, mit unserer Liebe stimme etwas nicht. Doch dann kam die coronifizierte Rache für das sündige Kadaveressertum über die Menschheit und in meinem Blumenladen wurden nur noch Sträuße verkauft. Warum auch immer! Da gebundene Sträuße immer nach Beerdigung oder einfallsloses Mitbringsel aussehen, verzichtete ich lange Zeit auf den freitäglichen Blumenkauf, was natürlich unserer gegenseitigen Geneigtheit keinen Abbruch tat. Doch gestern dachte ich: Ein Freitag ohne Blumen ist möglich, aber doof. Also parkte ich auf dem Rückweg wie eh und je vor dem Blumenladen und schlenderte lässig und casanovaresk in den Verkaufsraum. Ein Strahlen ging über das Gesicht der mir bekannten Blumenverkäuferinnen und ich wurde mit „Ah, da ist ja endlich wieder der Rosenmann“ begrüßt. Und dann setzt die jüngere nach: „Wir haben auch wieder Einzelblumen!“ Ich war gerührt, denn die Bezeichnung Rosenmann klang so verdammt oldschool-romantisch. Keine Ahnung, warum ich plötzlich an den Song von BAP denken musste: Oho, ich bin der Müsli-Män.

 

12/2/21...WIR HATTEN DAMALS NIX… Westberlin, achtziger Jahre: Punk und Straßenschlachten, Hausbesetzungen und ein Leben entgegen aller Bürgerlichkeit. Lese grade das Buch "Aufprall" von Bude, Munk und Wieland. Die deutsche Geschichte ist echt unausgewogen verteilt. Dort, wo ich zu der damaligen Zeit lebte: Geballte Langeweile. Wir hatten ja damals nichts… zu besetzen.

 

 

7/2/2021...NAZIS… Ich lese soeben: In Hannover wurden 2019 vermummte Nazis auf einer Demonstration von der Polizei geschützt. Das mit der Vermummung ging o.k., obschon man zur der Zeit Corona nur als Bier kannte. Ich dachte mir beim Lesen, vermutlich ist die Vermummung gar nicht so aufgefallen, da ja auch die Freunde & Helfer stets vermummt sind. Allerdings gibt's immer Ärger, wenn dies Linke tun. Aber das ist sicherlich mein eigener Wahrnehmungsfehler.  Oder, wie die Nazis selbst sagen: Meine Denkblase.
Auf die öffentliche Kritik bezüglich der Nazi-Polizei-Aktion reagierte die Führung, also natürlich die Polizeiführung, die Nazis seien ja vermummt gewesen, weil sie als solche nicht erkannt werden wollten. Ich ließ die Zeitung sinken und begann an mir zu zweifeln. Warum tue ich mich oft so schwer mit der Logik meines menschlichen Umfelds? 

 

5/2/21...MEIN BAUCH… Man findet sie überall und vor allem in freien Bücherregalen: Literatur, die kein Schwein braucht. So entdeckte ich neulich ein Buch, das in etwa den Titel "Sinnliches für Sternzeichen" trug. Mir scheint, ich bin empfänglich für derartigen galoppierenden Schwachsinn. Also blätterte ich mich zur Jungfrau durch und fand dort vermerkt, dass die sinnlichste Stelle der Jungfrau der Bauch sei und dass sie - und er wohl auch - es liebe, wenn dieser liebkost, gestreichelt oder sonst wie zärtlich berührt wird. Ich schaute an mir hinunter und verstand plötzlich die Welt und meine prominente Wölbung: Je mehr, desto sinnlicher. Wie fein: Endlich eine Erklärung.

 

3/2/21 ...ISCHIAS... Ich hatte Ischias - letzte Woche! Ist zwar mieses Deutsch, tat aber trotzdem weh. Sicher, es gibt weitaus Schlimmeres, aber es reichte, um mich gleich 10, ach, was sag ich - 25 Jahre älter zu fühlen. Da der Schmerz in die Pobacke ausstrahlte, bekam mein Gangstil (sagt man auch "gangstyle"?) etwas E.T.reskes. Wenig rund, sagen die Physios. Gut, das fiel jetzt nicht so auf, da viele Männer eh rumlaufen, als litten sie unter chronischer Hodentorsion, aber richtig fies wurde es beim Einsteigen ins Auto. Und da ich kein Fahrzeug besitze, mit dem man Ozeanriesen aufs Trockendock ziehen kann, war das gleichzeitige Kopfeinziehen, Rückenkrümmen und Beinnachheben ein nicht sonderlich galant wirkender Vorgang. Aber nun verstehe ich erstmals, warum es so viele Panzer-SUVs gibt: Alles Ischialgiker. Muss man sich Sorgen um den Gesundheitszustand der Mitmenschen machen?

 

31/1/21 ...VERZWEIFLUNG… Manche sagen, ich könne überall Politisches hineininterpretieren. Kann ich auch. Problemlos. Heute ist unser uralter schwarzer Kater von uns gegangen. Vermutlich ist er in der durch die Regenfälle reißend gewordene Ems ertrunken. Er wird nicht wiederkommen und ein anderer Kater auch nicht. Und was ist daran politisch? Würden Personen wie Trump, Bolsonaro, Erdogan oder Putin ertrinken, würden schon morgen die nächsten Menschenverachter aus den Wasserfluten steigen. Das sind Dinge, die mich verzweifeln lassen.

 

 

29/1/21 ...BEZIEHUNG… Ich erzählte heute einer Jugendlichen, dass ich früher zur Abklärung des aktuellen Beziehungsstatus (aaarg) die „Dame meines Herzens“ (so was von retro!) gefragt hätte, ob sie mit mir gehen wolle. Das machte man früher so, setzte ich nach, um klarzustellen, dass diese etwas duselige Frage nicht auf meinem Mist gewachsen sei. Das Mädel lachte sich über das „mit mir gehen“ scheckig. Wie man - frau auch - das denn heute machen würde, wollte ich wissen, leicht pikiert, ob des etwas herablassenden Belächelns. Man weiß das einfach, sagte die Jugendliche und zog dabei - Ahnungslosigkeit vortäuschend - die Schultern hoch. Ich war irritiert. Also entweder waren wir angesichts solcher Absicherungsfragen zu damaligen Zeiten entsetzlich durchbürokratisiert oder es läuft heute eine ganze Generation in einer - da ungeklärt - Beziehungslosigkeit durch die Gegend. Tempora mutantur – Die Zeiten sind eine Mutation!

 

28/1/21 ...SEKT MIT OUZO… Donnerstag ist mein Einkaufstag. Ich komme am Schnapsregal vorbei, da fällt mein Blick auf Blue Curaçao. Den gibt’s immer noch, denke ich und muss an eine lang zurückliegende Geschichte denken. So Anfang der Achtziger. Mein immer noch bester Freund Josi und ich waren damals in unserem Kreis der Erleuchteten bekannt als Partyveranstaltungsfachleute. Es gab mehrere unvergessliche Events u.a. in Amelsbüren, einem Vorort von Münster, der ja schon vom Namen her nach Partymeile klingt. Erste Regel: Stühle aus dem Raum entfernen; sitzen konnte man noch genug im Rentenalter. Wir dachten, wir bringen mal ein bisschen Kultur in die verstaubte Kommune und planten zur abendlichen Bewusstseinserweiterung neben den obligatorischen Bierkästentürmen eine Cocktailbar einzurichten. Als anerkannte Trendsetter mit allsamstaglicher Kneipenerfahrung hatten wir das irgendwo in Münster City aufgeschnappt. Einziger Haken: Keiner von uns hatte auch nur einen blassen Schimmer, wie und vor allem womit man Cocktails mixt. Gab ja noch keine Apps - DAMALS. Also kauften wir im nahen Supermarkt alles, was irgendwie unnatürlich, also nicht wie Bier aussah. Selbstredend war auch Blue Curaçao dabei – der Farbe wegen. In der Nachbar-WG-Küche stellte sich „Kleine Ingrid“ zur Verfügung, den großen Mischungs-Check vorzunehmen. Es ging morgens los, gegen Nachmittag hatte sie schlussendlich ein paar genießbare Mixturen ausgetüftelt, erlebte aber den Beginn der Party nicht mehr im vollen Bewusstsein. Den nächsten Tag sah man sie auch nicht. Übrigens gab es im früheren „Neuen Krug“ an der Weseler Straße für kurze Zeit als Bückware „Sekt mit Ouzo“. Das geht auf unser Konto! 

 

27/1/21 ...ALEXA... Musste neulich an die vielen Tausend bemitleidenswerten Frauen denken, die den gleichen Namen tragen wie die privat finanzierten Abhöranlagen des Ausbeutungsimperiums Amazon. Das ist doch namenstechnisch verbrannte Erde, oder was denkst du, Alexa? Heute stieß ich bei der Freizeitbeschäftigung für Narzissten "ich-google-meinen-eigenen-Namen" auf ARNOLD, wobei es sich um einen Drehverschlussöffner handelt. Ich meine: Hätten die mich nicht vorher wenigstens mal fragen müssen?

 

26/1/21 ...APFELSHAMPOO… Heute auf dem Heimweg plötzlich wilde Geruchserinnerungen: Eine Mischung aus Van Nelle Half Zware, Jasmintee, Whiskey (Billigsorte) Cola und M's Grünes Apfelshampoo. Ich schaute aufs Display meiner Musikanlage im Auto: "Talk To The Wind" von King Crimson - die Platte mit dem schrecklichen Gesicht auf dem Cover. Circa 1976. Frühes Telgte. Gibt's eigentlich noch Apfelshampoo?

 

 

22/1/21 ...ZEITUNG...In einer alten Korbtasche, die ich mal auf dem Flohmarkt erstanden habe, fand ich den Politikteil einer alten Zeitung von 1989. Das Papier ist schon ziemlich vergilbt und riecht etwas modrig. Ich überfliege die Überschriften und denke bei mir: Es hat sich in den letzten 30 Jahren kaum etwas geändert: Kriege, Umweltkatastrophen, Demonstration mit und ohne Gewalt, Polizeieinsätze mit und ohne Gewalt, Mord und Todschlag, Korruption und Politiker, die regieren, anstatt das Volk zu vertreten. Eigentlich  merkt man nur an dem eigenartigen Schriftbild, dass es sich um eine andere Zeit handelt; ähnlich wie auf früheren Fotos von mir mit Schlaghose.

Wir schreiben das Jahr 2049. Mein Körper hat so ein bisschen was von einer „Schleich“figur bekommen, aber der Geist ist noch wach. Meine Pflegerin, eine sehr nette junge Frau, zudem Klimaaktivistin, was sie mir hochgradig sympathisch macht, erinnert mich stets ein wenig an Sinéad O'Connor in jungen Jahren (was ihr aber nichts sagt). Sie hat mir eine Tageszeitung mitgebracht. Ich solle mehr Interesse am gesellschaftlichen und auch politischen Leben zeigen, meint sie und setzt mich in meinem schon verschlissenen Sessel in Position. Ich schiebe die Zeitung zur Seite und bitte sie, die untere Schublade an dem einzigen Schrank zu öffnen, den ich mit ins Pflegeheim nehmen durfte. Daraus zieht sie eine alte, vergilbte und etwas modrig riechende Tageszeitung heraus. „Die ist ja von 2019“, bemerkt sie erstaunt und schaut mich ratlos an. „Da war ich noch gar nicht auf der Welt!“ „Das war die letzte Zeitung, die ich gelesen habe“, erkläre ich ihr. Sie blättert langsam von hinten nach vorne (genauso, wie ich es früher immer gemacht habe). Ich höre sie murmeln: „Kriege, Umweltkatastrophen, Demonstrationen mit und ohne Gewalt, Polizeieinsätze mit und ohne Gewalt, Mord und Todschlag, Korruption und Politiker, die regieren, anstatt das Volk zu vertreten…Das ist ja alles wie heute!“ Sie schaut mich halb erstaunt, halb belustigt an. „Und wer ist dieser Trump?“, fragt sie mich und zeigt auf das Foto auf der ersten Seite. „Ein Idiot, der von Idioten gewählt wurde“, erwidere ich. Und dann nach einer Pause: „Sehen sie, und deswegen lese ich keine Zeitungen mehr. Es sind in den 90 Jahren meines Lebens ja alles nur Wiederholungen, nur die Trumps heißen heute anders. Das Schlimmste dabei ist, dass die Menschen daraus nichts lernen. Sonst müssten sie in ihrem Feierabend nicht noch Klimaaktivisten sein. … Und legen sie jetzt doch bitte wieder eine CD ein. Aber schön laut. Ich höre ja etwas schlecht.“ Sie schiebt eine CD in die Lade des Players, was sie immer „total oldschool“ nennt und dann höre ich sie beim Lesen des Covers noch vor sich hin sagen: „Death Metal! Was für eine Ironie des Schicksals!“

 

 

20/1/21 ... TEMPOLIMIT... Kürzlich ging es in der Tageszeitung meines Vertrauens wieder um Tempolimit. Ich bin völlig gegen Tempolimit! Bloß nicht! Wo sollen die ganzen chronisch untervögelten und triebgesteuerten Menschen nur hin mit ihrem Hormonstau? Bei jedem, der mich auf aggressive Weise überholt, denke ich immer: Verdammt, musst du ein beschissenes Liebesleben haben! Und dann ist da immer auch etwas Mitleid!

 

16/1/21...BRUSTWARZEN...Ich gestehe: Ich bin ein leidenschaftlicher Auf-dem-Klo-Leser.Bei meiner morgendlichen Nachrichtenrecherche stieß ich gestern auf die digitale Nachricht irgendeiner digitalen Gurkenzeitung, dass die Moderatorin eines Null- und Nietenfernsehsenders auf Twitter blankgezogen und sich nur im Badehöschen mit verschränkten Händen über den Brüsten gezeigt hätte. Vermutlich wäre ich über diese Info hinweggeflogen, was interessiert mich der Badeslip einer Drittklassemoderatorin, wäre da nicht der Zusatz: „Und dann entdeckte ein Fan etwas Verstecktes“. Blöd, wie man morgens manchmal ist, fiel ich auf diesen journalistischen Lockvogeltrick rein, und las nach unendlichem Klicken durch sinnentleerte Werbung die Auflösung des Rätsels: In einem fast schon präorgasmatischen Zustand hatte der Fan, natürlich männlichen Geschlechts, den Ansatz einer Brustwarze entdeckt, die natürlich eigentlich verborgen bleiben sollte. Seine mit Schnappatmung vorgebrachte Entdeckung wurde alsbald aber relativiert, da es sich bei dem Brustwarzenhofbraun auch um den Schatten eines Fingers handeln könne. Ich ließ mein Handy sinken und starrte eine Weile auf die vor mir liegende Hautcreme meiner Frau. Könnte es nicht vielleicht sein, dass solche Meldungen von der USA gesteuert sind, so wie früher von den Russen? Zur Ablenkung vom Weltgeschehen?

 

 

12/1/21 ... Intelligenz ... Bei meinen Spaziergängen in der Peripherie meines Wohnortes mache ich immer mal wieder Bekanntschaft mit zunächst eher unscheinbaren Phänomenen, die mich allerdings mehr als unscheinbar ins Grübeln bringen: Fein eingepackt in schwarzer Plastikfolie baumeln wahlweise in Sträuchern oder geschickt drapiert in Buchenhecken die Hinterlassenschaften des vierbeinigen Menschenfreundes, auch bekannt als Hund oder für den Hobbylateiner Canis lupus familiaris. Doch, doch: Ich bin ein großer Hundefreund und hatte selbst fast zwei Jahrzehnte einen stets schwanzwedelnden Mischling an meiner Seite. Aber wenn ich richtig informiert bin – man mag mich gerne korrigieren – gehören die plastinierten Stinkbeutel eigentlich in den Mülleiner und nicht in die Botanik! Richtig? Nun ja, und das sind die Momente, wo ich nachvollziehen kann, warum man ständig im Weltall oder aber in den Tiefen des digitalen Kosmos nach künstlicher Intelligenz sucht. Oder wie ich neulich einmal las: Würde Hirnlosigkeit vor Kopfschmerzen schützen, könnten die Aspirin-Produzenten ihre Läden schließen. 

 

9/10/20 … BERUF: KONVIVIALIST  … Anfang Oktober will mir Facebook meine Berufsbezeichnung "Konvivialist" entziehen. Man hält dies nicht für meinen wahren Beruf. Gut, ich bin neben Konvivialist auch Zeitbewahrer, Blogger, Chaot, Reisender, Autor, Selbstdenker, Libertärer, Romantiker, Wohnmobilist, Kulturarbeiter, Humorist, Zyniker, Rotweinverköstiger, Phantast, Ästhet, Gesellschaftskritiker, Alltagsphilosoph, Aphoristiker, Erotiker, Träumer…ach, das sind keine Berufe, sondern Einstellungen oder allenfalls Freizeitbeschäftigungen? Aber kommt Beruf nicht von Berufung? Ich fühle mich zu all dem und noch mehr berufen. Wozu, zum Henker, ist der Beruf wichtig? Die meisten Menschen haben doch nur einen Beruf, um nicht zwischen ihren 437 Fernsehprogrammen zu verkümmern. Ich definiere mich nicht über meinen Beruf, sondern ausschließlich über unsere Hausnummer. 18 - das bedeutet 2 x 9 oder 3 x 6. Das sollte doch für ein Leben reichen!

 

29/9/20 … MÄNNER AM SPÜLBECKEN … Durch den unbeleuchteten, dichten Wald bahne ich mir den Weg auf das Licht zu. Bei jedem Schritt rappelt und klirrt es. Ich bin auf dem Weg zur Spüle, die außerhalb des Sanitärgebäudes unseres Campingplatzes liegt. Unterwegs stelle ich fest, dass ich meine Kopfhörer vergessen habe. Ich versüße mir die Tätigkeit gerne mit etwas Schwermetall. Später werde ich es bereuen.

 

An Spülbecken 2 steht einer dieser Rentnertypen, die mich mit ihren Multifunktionsjacken und gezackten Bärten immer an Nussknacker erinnern. Hubert - ich nenne ihn mal so - entpuppt sich als wahre Labertasche. Nach dem freundlichen N'Abend steigt er direkt in die Thematik ein. "Na, biste auch zum Küchendienst verdonnert worden?" Ich entgegne ihm, dass man es nicht Verdonnern nennen kann, weil ich es gerne mache. So schnell lässt sich Hubert nicht aus der Reserve bringen. "Naja, man braucht ja auch mal ein bisschen Ruhe vor der Regierung!" Und bevor ich irgendwas entgegnen kann, setzt er seinen vermeintlichen Trumpf nach: "Und ich denke, da gibt wohl niemanden, der das nicht braucht!" Sicher, ich könnte jetzt einfach mal die Klappe halten und mich in die Säuberung des Topfes mit den Pestonudeln vertiefen. Aber ich kann dieses Männergequatsche nicht ab und so antworte ich ihm, dass er heute Abend wohl den ersten Vertreter kennenlernt, der das anders sieht. Ich hätte weder eine Regierung, noch bräuchte ich Ruhe vor meiner Frau, die damit gemeint war. Hubert starrt in seine Spülbeckenbrühe und murmelt, man müsse ja alles auch mal von der ironischen Seite sehen. Er tut mir fast schon leid. Und dann quatscht er mich voll mit Campingplatzerlebnissen, Wetterberichten, Ansichten über Eingemeindungen, Kirchenchorproblemen in Zeiten von Corona und schwärmt schließlich von seinen Ausflügen auf den Spuren Luthers in Zwickau. Ich beiße mir auf die Zunge und sag nicht, dass Luther Antisemit, Frauenhasser, Reaktionär und Sozialrassist war. Er muss nur noch sein Spülbecken und die Tomatensaucensauerei drumherum reinigen. Aber Hubert verabschiedet sich mit einem fröhlichen "schöne Zeit noch" und lässt seine Wirkungsstätte zurück wie unser Kater sein Fresstablett nach einem seiner morgendlichen Hungersnotattacken. Freundchen, denke ich mir, wenn ich dich morgen wiedertreffe, dann reden wir mal Tacheles über die Rolle des modernen Mannes in der Hauswirtschaft. Da kommt die rüstige alte Frau um die Ecke, die mich heute Nachmittag mit ihrem bescheuerten E-Bike fast umgenietet hätte. Ich verschwinde wortlos im Wald und genieße die Stille um mich herum.

 

26/9/20 … 3 MINUTEN DUSCHEN … Duschen auf dem Campingplatz bedeutet immer etwas Survival. Los geht's mit dem Zustand der in der Regel zu kleinen Duschkabinen. Man ist froh über Türen, da Vorhänge immer etwas Pelziges haben. Nun sind leider gerade Männer, was die Säuberungsnachsorge anbetrifft, stets etwas großzügig. Sprich: Der Schaum klebt samt Haaren noch am Boden. Gut, nicht jeder ist bewandert in der Handhabung von meist existierenden Abziehern. Die nächste große Frage: Wohin mit den Klamotten? Da man ja im prüden Deutschland nicht nackig duschen gehen kann, müssen Hemd und Hose, in meinem Fall ein Kaftan, irgendwo hin, ohne mitgeduscht zu werden. Und dann der Höhepunkt: Das Duschsystem. Wahlweise gibt es Duschen mit Wertmarken, die nur kurze Duschfreuden erlauben oder aber man ruiniert sich den Rücken, weil man damit den Eindrückknopf, der für 20 Sekunden das Duschen erlaubt, auf Dauerdruck setzt. Heute hatte ich ein neues Modell: Man kann umsonst 3 Minuten duschen. Dann ist für zwei Minuten Pause, bevor weitere finale 3 Minuten möglich sind. Also alle Utensilien parat gestellt (natürlich gibt's wie immer keine Ablage im Duschraum, weil die irgend so eine Arschgeige abmontiert hat) uuuund… Knopf gedrückt. Verdammt, vor mir war wohl ein Kaltduscher dran. Hier wimmelt es von Surfern, die ja bekanntlich auch auf zugefrorenen Meeren surfen! Also abwarten, bis die Temperatur annehmlich ist. Offenbar kennen diese verdammten Duschbauer keine Männer mit langen Haaren: das dauert, bis alles eingeschäumt und gewaschen ist. Die Uhr zeigt 1:21 - das dürfte noch fürs Einseifen reichen. Ich nutze verpackungsfreie Seifenstücke nebst Haarseife und ausgerechnet jetzt geht der Deckel nicht auf. Hände glitschig! 0:25. Ich bin zwar halb eingeseift, aber dann läuft der Countdown und - zack - 2 Minuten Pause. Da steh ich nun und es weht empfindlich kalt durchs offene Fenster. Vermutlich stecken da auch die blöden Surfer hinter. 2 Minuten - eine verdammt lange Zeit. Was soll ich tun? Meditieren? Kniebeugen zur körperlichen Ertüchtigung machen? Ich beginne, über diesen Text nachzudenken. Bis schließlich das warme Wasser wieder anspringt und ich die letzten 1:39 Minuten eigentlich nur noch blöd rumstehe. Wer denkt sich eigentlich so einen Scheiß aus?

 

 

28/8/20 … DAS TOTENHEMD HAT KEINE TASCHEN … Koslowski lag auf dem Sterbebett. Das etwas gedämpfte Licht seiner Nachttischlampe kaschierte sein bleiches Gesicht. Irgendwo im Trauerhaus hörte man das Schluchzen von künftigen Hinterbliebenen und aus einem Lautsprecher tröpfelte die Instrumentalversion von Atemlos; die Trauergemeinde hielt es für etwas pietätlos, Koslowskis Lieblingslied mit dem dazugehörenden Text zu unterlegen. Koslowski selbst schien eher suboptimal zufrieden mit seinem Ableben. Er hatte sich vorgestellt, sein Leben liefe zu guter Schluss noch einmal wie eine Doku auf Sat3 vor seinem inneren Auge ab. Stattdessen blickte er auf ein nur noch kümmerlich wachsendes Exemplar einer Sansevieria trifasciata, auch als Beamtenspargel bekannt, auf der Fensterbank. Er hatte sich Sterben schöner vorgestellt. Vielleicht mit etwas mehr Lametta zum Schluss.

 

Da klingelte es an der Haustür. Der Sensenmann, dachte Koswlowski, doch es war ein junger Mann von der örtlichen Finanzbehörde, im lockeren Dress und den unvermeidlichen hellbraunen Lederschuhen. Man bat ihn herein und führte ihn an das Bett des Toten in spe. Der dynamische Finanzbeamte, der sich als Schnöselkötter vorstellte, rückte einen Stuhl heran, setzte sich, legte seine Hand auf den Arm des Dahinsiechenden und nickte ihm wohlwollenden zu. Es wäre zwar kurz vor knapp – Schnöselkötter lächelte etwas bei seinem seichten Wortwitz – aber besser jetzt als nie. Mit einem Klicken öffnete er sein Aktenköfferchen und holte ein paar Unterlagen heraus. „Lieber Herr Koslowski, wie wir in Erfahrung bringen konnten, waren sie zu Lebzeiten … Entschuldigung, ich meine bis zum letzten Atemzug … er hüstelte noch einmal … immer ein echter Sparfuchs.“ Koslowski nickte – lächelte gar. „Es ist beeindruckend“, so der Beamte, „wie sie doch stets bedacht waren, jedes Schnäppchen wahrzunehmen. Allein durch ihre Amazonbestellungen konnten sie - sage und schreibe - über 735 Euro einsparen. Beim Kauf ihrer letzten Brille bei Fielmann waren es hübsche 30 Euro weniger als im örtlichen Brillenladen . Respekt! Aber auch die unzähligen Einkäufe, mit denen sie jeweils 50 Cent auf ihrer Habenseiten verbuchen konnten, zeichnen sie als professionellen Pfennigfuchser – wenn ich das so sagen darf – aus! Summa Summarum, lieber Herr Koslowski, sind wir vom behördlichen Finanzamt auf eine stolze Lebenssumme von 4375 Euro und 12Cent gekommen.“ Koslowski wirkte nahezu wiederbeseelt. „Diesen Betrag“, so setzte der Beamte fort, „würden wir ihnen heute gerne gutschreiben, aber …" - und dann zeigte der Staatsdiener mit seinem Zeigefinger auf den Dahinscheidenden - "…das Leichenhemd hat bekanntlich keine Taschen und daher erlauben wir uns vom örtlichen Finanzamt, sie um eine Überschreibung des Betrags in die Staatskasse zu bitten. Wenn sie einmal hier unterschreiben würden.“ Koslowski nahm mit zittrigen Händen den Kugelschreiber entgegen, starrte eine Weile auf das Muster seiner Bettdecke, man konnte ein gewisses Entsetzen in seiner Mimik erkennen … und verstarb.

 

20/8/20 … LACHNUMMER: MILITÄR … In einem der alten Kartons in den unerreichbaren Winkeln meines Kleiderschranks lagern alte Familienbilder, die nach der Auflösung meiner elterlichen Wohnung in meinen Besitz übergegangen waren. Alte verblasste und gezackte Bilder, die zum Teil aus der Zeit des zweiten Weltkriegs stammen. Es sind dort Personen abgebildet, die ich nicht kenne oder nie kennengelernt habe. So wie meine Urgroßmutter, die mit Vierzig schon so aussah wie 80Jährige heute. Beim neulichen Durchschauen fiel aus einem Umschlag eine halbrunde Blechscheibe heraus; in das Metall war die Nummer N.E.A.6 StammKomp. 628. eingestanzt. Ich erinnerte mich, dass mir meine Mutter als kleiner Junge die Bedeutung mal erklärt hatte. Die andere Hälfte dürfte die vermoderten Knochen meines Onkels auf einem Soldatenfriedhof in Italien zieren. Er war im Krieg umgekommen und irgendwer hatte die halbe Metallscheibe abgebrochen und an die Angehörigen weitergeleitet. Soldaten, die im Krieg fielen, nannte man Helden. Ich hätte meinen Onkel allerdings heldenhafter gefunden, wenn er den Blödsinn sabotiert hätte oder gleich desertiert wäre. Aber damals als Kind empfand ich so etwas wie Hochachtung, dass ein nicht einmal 20jähriger für sein Vaterland sein Leben opferte. Man nannte das „gefallen fürs Vaterland“, um den Begriff des Ermordens zu umgehen.

 

Ich selbst bin Kriegsdienstverweigerer und halte Militär für die größte Lachnummer menschlicher Dummheit. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine Spezies, der nachgesagt wird, dass sie über Verstand verfügt, rottet sich mit einer immer ausgeklügelteren Kriegsmaschinerie aus. Heute Morgen las ich auf einer Erinnerungstafel für den offensichtlich durch Telgte verlaufenden Friedensweg, dass sich die Menschen damals im 30jährigen Krieg nichts sehnlicher als den Frieden gewünscht hätten. Ach was! Dabei kam mir der bittere Gedanke, dass die Menschen vermutlich deshalb bis heute persönlichkeitsgestörte Führer wählen, die Kriege anzetteln; so stirbt die Sehnsucht nach Frieden auch im 21. Jahrhundert nicht aus. In der Zeitung stand: Symbolträchtige Übung: deutsche und israelische Kampfjets fliegen gemeinsam über das ehemalige KZ Dachau. Mir fiel die halbe Blechscheibe meines Onkels (Nr. 628) wieder ein und ich dachte, es gibt keine blödsinnigere Symbolik als Kampfjets, also Geräte, die Menschen verwunden, verstümmeln, ermorden, Familien zerstören und ausschließlich zum Blutvergießen gebaut wurden. Der Mensch, Krönung einer völlig missratenen Schöpfung!

 

13/8/20 … QUAL DER WAHL … Es sind bald wieder Wahlen! Woher ich das weiß? Ich sag nur: Plakate! Ganze Wälder voller Plakate, so dass man vor lauter Wald … gut, das Phänomen muss man nicht wieder aufwärmen. Manche Plakate sind auch so groß, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt. In einer Münsteraner Uni gab es Toiletten, da stand das H oder D so groß auf der Tür, dass die Buchstaben grundsätzlich übersehen wurden. Ob die Parteien von ihren entsprechenden Plakatdesignern gut beraten wurden, lässt sich bei der Gestaltung so mancher Parteipappe bezweifelt. Parteien – so meine Lieblingsrechercheseite Stupidedia - sind ja Zusammenschlüsse Gleichgesinnter zur Pflege des Frohsinns. Allerdings muss ich gestehen, dass meine Form von Frohsinn sich in keiner Partei wiederfindet, womit ich wohl eine Art parteiloser Mensch bin. Aber das „Lose“ bin ich gewohnt, da ich auch keinen Fußballverein toll finde, also auch fußballvereinslos bin. Danke der Nachfrage, ich komme dennoch gut zurecht.

 

Als ich nun heute so durch die Orte meiner Heimat (das Wort gehört übrigens der AfD) fuhr und über Wahlplakate sinnierte, dachte ich bei mir: Was wäre, wenn du aus lauter Frohsinn, doch mal was wählen würdest, was wäre dann plakatmäßig ausschlaggebend? Ich bin ein visueller Typ, weswegen im Grunde schon die meisten Parteiplakate ob ihrer Optik ausscheiden. Aber fangen wir mal so an: Die Parteien, die ihre Plakate am höchsten hängen, bei denen stinkt womöglich die Politik zum Himmel. Also fällt die AfD schon mal völlig aus der engeren Wahl (woher haben die eigentlich immer diese langen Leitern?) Außerdem mag ich keine Namensabkürzungen, weswegen die meisten Parteien eh keine Schnitte haben. Aber gut, die können ja schlussendlich auch nix dafür, dass irgendwelche unkreativen Gründer aus lauter Einfallslosigkeit einfach die Anfangsbuchstaben zusammengestellt haben. Allerdings bleiben da für mich immer Unklarheiten: Bedeutet das S in der SPD jetzt sozial, sozialistisch oder So-als-ob? Bei dem C vor dem DU ist der Abkürzungsfimmel vermutlich auch wiederum gut, da das Christliche auf diese Weise kaschiert wird. Ist sowieso nix mehr von übrig.

Kommen wir zum nächsten Kriterium: Der überwiegende Teil der Plakate besteht aus schlecht recyclebarem Material. Ich wollte mal ein AfD-Plakat im Altpapier entsorgen und entdeckte unter dem Wortgemetzel auf blauem Grund so eine Schicht aus Alu; das Ding musste dann zum Sondermüll. So etwas lässt natürlich böse Rückschlüsse auf die Umweltpolitik der Parteien zu und im Grunde können nur noch die GRÜNEN punkten: Deren Plakate aus Papier sind sogar – jedenfalls bei uns in Telgte - auf Holzständer geklebt. Sehr sympathisch. Man soll ja nicht nach dem Äußeren gehen, aber Männer im Anzug mit Krawatte und Seitenscheitel sind für mich absolut unwählbar. Wenn die im Amt so walten, wie sie aussehen, dann ist hölzerne Politik noch eine geschmeichelte Umschreibung. Adieu, bunte Welt! Würde ich mich nach den Wahlslogans richten, so wird es ganz bescheiden: Da ist jede Nudelwerbung einfallsreicher. Liebe Wähler, schaut doch mal: Warum muss eine Partei schreiben, dass sie für Zukunft, Umwelt, Familie, Kultur, Menschen oder weiß der Henker was ist? Sollte das – verdammt noch mal – nicht eine Selbstverständlichkeit sein? Ich fühle mich da immer ziemlich verarscht, wenn da nur ein Wort zu finden ist! Oder wenn Politiker dort verewigt haben, dass sie gut zuhören können - so etwas macht mich rasend! Auch diese Einteilungen in Seiten sind doch überflüssig: Wir sollten uns endlich von rechts und links als politische Richtungen verabschieden. Wichtig ist doch, ob sich politisches Denken an Kriterien wie Menschlichkeit, Vielfalt, Frieden, Transparenz und kreativen Lösungen orientiert. Wenn nicht, ist es unbrauchbar und kann weg - ganz einfach! Jetzt bitte keine Diskussion anzetteln, was Menschlichkeit ist! Es ist für mich auch bedenklich, dass es extra GRÜNE geben oder der Zusatz FREI vor DEMOKRATEN stehen muss! Als wenn wir hier in einer Diktatur leben würden. Obschon, ich es gut fände, wenn eine Partei der Liebe existierte; Liebe sollte zwar auch selbstverständlich sein, aber – hey – kann auch nicht schaden bei all der grassierenden zwischenmenschlichen Tristesse.

 

Zwischen all den Wahlwerbungen entdeckte ich heute einsam und verlassen ein Plakat mit der Aufschrift „Gartenträume“. Der Name hat mir ausgesprochen gut gefallen und ich überlege, die zu wählen.

 

 

6/8/20 … ALLES LÜGE … Leute, ich finde es ist an der Zeit, endlich mal sein Maul aufzumachen. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich jemand bin, der sein Wissen auf Fakten aufbaut. Ich bin also weit entfernt von Verschwörungsdenken und ungeprüftem Wissen. Gerade deswegen: Seid ihr alle bescheuert, dass ich euch von den mafiösen Machenschaften der Regierung gängeln lasst? Seid ihr wirklich zu blöd, um die Zeichen der Zeit zu erkennen? Man kann es überall lesen, wenn man hinschaut, wenn man seine vom System verklärten Augen aufmacht. Wollt ihr so lange warten, bis euch Gates, Zuckerberg, Merkel und die ganze Achse des Bösen zu Robotern gemacht haben? Habt ihr Trottelherde euch mal die Raute von der Merkel angeschaut, wenn sie irgendwo rumsteht und Freundlichkeit heuchelt? Da sieht doch ein Blinder, jedenfalls wenn er nicht schon von der linksversifften Presse, die von den Grünen und den türkischen Clans finanziert wird, infiltriert wurde, dass diese Raute ein Symbol darstellt! Jawohl ein Symbol und rein zufällig, ihr schwanzwedelnden Regierungsdackel, ist dies das Zeichen der Pyramide und damit einer neuen Weltordnung, in der satanistische Sekten, die aus dem Illuminatenorden hervorgegangen sind, eure Kinder foltern, um ihnen Adrenalin aus dem Blut zu ziehen. Ja, und warum tun sie das wohl, ihr Abnicker und TAZ-Leser? Um unsere Alterungsprozesse zu verlangsamen. Der Tiefe Staat wird durch Firmen wie Harribo und Nivea gesponsert, die natürlich ein Interesse an eurem ewigen Leben haben. Und noch was, ihr Selbstdenkerluschen: Was glaubt ihr wohl, warum es in Beirut eine dermaßen gewaltige Explosion gegeben hat? Das waren die Goldstücke von eurer Angela, die damit allen Flüchtlingen in Deutschland ein Zeichen geben wollten. Denn uns steht unmittelbar die Landung des Raumschiffs der Aldeberaner in Oer-Erkenschwick bevor, die ihren geistigen Führer und Menschenhasser Mohamed Mascal auf die Erde bringen wird, um in Deutschland und Europa alle Andersdenkenden mit Covid-19-Viren zu infiltrieren. Die gibt es nämlich noch gar nicht, sondern werden grade erst in einer gewaltigen Mission in den Rieselfeldern von Münster gezüchtet, um sie dann über Aerosole und nicht über Tröpfchen, wie euch dieser Keine-Ahnung-Drosten immer weismachen will, auf die Menschheit zu verteilen. Genau deswegen werden jetzt schon seit Jahrzehnten Chemtrail-Versuche mit all den Flugzeugen durchgeführt. Und nun ratet mal, wer als einziger nicht infiziert werden wird? Richtig: Angela Merkel, ihr Refugees-Are-Welcome-Gurkennasen. Und warum? Damit sie mit diesem Mohamed Mascal die Alleinherrschaft übernehmen kann. Und noch etwas, ihr linksradikalen Vollpfosten mit eurer Lügenpresse: Das Kapital wurde nie von Karl Marx geschrieben. Das ist Fake! Es war Karl May! Und nun ratet mal, was er mit der Pyramide des Sonnengottes gemeint hat! Na, schließt sich der Kreis? Da könnt ihr ferngesteuerten Merkelchen jetzt mal selbst drüber nachdenken.

 

27/7/20 … SPIEGELBLICKE … Eine Wanderung durch den Bamberger Bruderwald vor einigen Monaten. Eigentlich sollte es ein kürzerer Spaziergang werden, aber wir laufen stundenlang über menschenleere Wanderwege, die uns die Zivilisation nicht vermissen lassen. Warum also zurückkehren? Passend zum inzwischen großen Kaffeedurst und Kuchenhunger spuckt uns die Natur an einem kleinen Ort aus. Direkt vor unserer Nase ein Lokal mit Hirschgeweihen an den Wänden und einer asiatischen Betreiberin. Während wir die Torte in uns hineingabeln und über unser Naturerlebnis philosophieren, schaue ich immer wieder in einen mir gegenüberliegenden, leicht schräg angebrachten Spiegel mit Goldrandrahmen. Die Person, die ich darin sehe, bin nicht ich, sondern ein wesentlich älterer, ca. 80jähriger Mann, der ein paar Tische weiter sitzt. Auch er scheint mich im Spiegel zu betrachten. Ich kann meinen Blick kaum abwenden, denn irgendetwas an meinem Spiegelbild irritiert mich. Meine Frau löst das Rätsel: Tatsächlich hat der Mann deutliche Ähnlichkeit mit mir, nur eben um etliche Falten und Runzeln reicher. Er wirkt eher unkonventionell, strahlt eine gewisse Gelassenheit aus, die mir leider häufig fehlt. Habe ja noch ein paar Jahre! Wir bleiben die ganze Zeit über lediglich per Spiegel im Blickkontakt. Es ist für mich, als könnte ich ein paar Jahrzehnte in die Zukunft schauen. Einerseits unheimlich, andererseits aufgrund seines sympathischen Äußeren beruhigend. Doch was denkt er beim Anblick meiner Person? Fühlt er sich um 20 Jahre zurückversetzt? Dass ich mich mit meinen Eindrücken nicht ganz getäuscht habe, zeigt sich, als er mit seiner Begleitung das Lokal verlässt: Er dreht sich noch einmal um und lächelt mir zu.

 

16/7/20 … ZITTY … Wenn ich damals per Anhalter, Zug oder später mit dem eigenen Käfer nach Berlin gejuckelt bin und die Grenze mit ihren bescheuerten Grenzern (die Freuden der Pflicht) passieren durfte (was regelmäßig zu Problemen führte), war das erste, was ich mir am Kiosk kaufte: die Zitty. Ein anfangs vierzehntägig erscheinendes, dickes Magazin mit allen Infos, die man für ein verlängertes Wochenende in der Metropole brauchte. Zwar lag die Zeitschrift grundsätzlich auch auf dem Klo (wo sonst) meiner Freunde, aber ich besaß gerne ein eigenes Exemplar, das ich wie eine Trophäe mit zurück ins öde Münster nahm. Schaut mal Leute, was in Berlin alles läuft! Eines Tages fand ich in der Zitty den Hinweis auf ein Konzert in einem besetzten Berliner Haus. Eine unbekannte Band mit komischem Namen. Dummerweise ging ich nicht hin. Erst später erfuhr ich, dass es sich um die Band Rage Against The Machine handelte, die unter einem Pseudonym aufgetreten war.

Heute las ich, dass die Zeitung eingestellt wurde. Verdammte Hacke. Es trifft immer die Falschen und es stirbt ein Stück Geschichte.

 

27/6/21 … FUCK OFF … (Achtung: FSK 18) Damals, also ganz damals, noch bevor L. Aelius Tubero Stadthalter von Rom war, wurde der Mensch geschaffen. Wie wir heute wissen, war er eine Montagsfabrikation und stellt im Tierreich noch immer ein einziges Desaster dar. Er hat kein richtiges Fell, rottet sich selbst aus und arbeitet freiwillig wie ein Blöder, weil er sich sonst langweilt und 267 Fernsehsender braucht, um in arbeitsfreien Zeiten nicht in seiner Polstergarnitur zu verenden. Als der Schöpfer oder die Schöpferin die Fehlpressung realisierte, war es für Updates schon zu spät. Als Entschuldigung bekam der Mensch die Sexualitat mit 156 Spielarten geschenkt, damit er neben der Arbeit wenigstens "eine kleine bisschen petit plaisir" habe. Dummerweise wurde vergessen, eine Gebrauchsanweisung mitzuliefern, was aber auch keinen Sinn gemacht hätte, da Mannmenschen grundsätzlich keine Gebrauchsanweisungen lesen. Während sich die Fraumenschen an der Schule der Aspasia orientieren, zogen sich die Mannmenschen ihre Blaupause bei Grzimeks Tierdokus und rammelten deshalb wie wilde Keiler durchs Leben. Ihre Klaviatur der Liebespraktiken ähnelte eher Makrameeknüpftechniken als fantasievollen Spielen der Lust. Später erfanden die Mannmenschen Pornos, um sich wenigstens hier etwas Anleitung für die intimen Stunden nach der Sportschau abzugucken. Wunderschöne und hocherotische Sexspiele hießen plötzlich ficken oder bumsen, was meiner Meinung nach genauso sinnlich klingt wie kacken oder fressen. Aber gut, nichtsdestotrotz ist mit ficken eines der schönsten Zwischenmenschlichkeiten gemeint, nur eben in sprachlich ruinierter Weise.

So und nun kommt mein Problem. Ich lese in letzter Zeit häufig von Aussprüchen wie Fuck AfD, Fuck Trump oder Fuck Tönnies, was ja zum Ausdruck bringen soll, jene Jammerkastraden ficken zu sollen. Aber will man tatsächlich Sex mit diesem homoiden Schabrackentum haben? Gott oder Göttin bewahre, man will sich ja keine Trumporrhoe oder einen Tönniestripper einfangen. Deshalb sollte die Devise lieber heißen: kein Sex mit Nazis, Trump oder Tönnies. Und wo wir grade dabei sind, mit Erdogan und Dieter Bohlen natürlich auch nicht.

 

23/6/20 …KULTUR … In einer dieser unsäglichen Diskussionen in Corona-Zeiten, wer oder was systemrelevant sei, wurde neulich in den quasisozialen Medien wie immer hart, aber unreflektiert diskutiert, dass Kunst und Kultur ja nicht sooo systemrelevant seien und dass sich die werten Künstler doch bitte nicht so anstellen und bei jeder Krise nach finanzieller Unterstützung durch den Staat betteln sollten. Also Unsinn produzierende Firmen mit Managern, die im Jahr so viel verdienen, dass man davon die Hälfe unserer Mitarbeiter der Klinik bezahlen könnte, dürfen betteln und das mit Erfolg, Künstler, die nun mal in einem anderen Setting arbeiten und auf Bühnen, Veranstaltungs- oder andere Wirkräume angewiesen sind, um so Menschen = Zuschauer oder –hörer erreichen zu können, müssen in die Röhre schauen.

 

Zunächst einmal: Kultur definiert all das, was wir Menschen geschaffen haben, um unser Leben mit Lebendigkeit füllen zu können. Und deshalb gibt es eine Buchkultur, eine Gartenkultur, eine Theaterkultur, eine Karnevalskultur, eine Dorfkultur oder eine Punkkultur. Jede Kultur hat ihre Berechtigung und ist wichtig, damit wir nicht wie ein von der Sonne verdörrter Borkenkäfer vor uns hin vegetieren, also nonstop TV glotzen. Das Ziel sollte natürlich ein gelebtes Leben sein und keine stumpfsinnige Sofamanie mit medialem Verblödungs- und Zeittotschlagprogramm. Da ich aus Klimagründen nur alle fünf Jahre (wenn überhaupt) mit einem Flugzeug fliege, wäre für mich eine Subventionierung der Lufthansa also nicht sooo systemrelevant; für die dortigen Angestellten, nicht für die Manager, schon. Kultur und Kunst sind für mich persönlich dagegen mehr als systemrelevant. Ich brauche die schrillen Kunstausstellungen, die Auseinandersetzung mit künstlerischer Provokation, ich brauche meine Schwermetalkonzerte und –festivals, ich brauche mein jährliches Hippiefestival, ich brauche die kleinen Nischenkinos mit sinnbereichernden Filmen und ich brauche hin und wieder ein gutes Theaterstück oder eine Kleinkunstveranstaltung in einem Schrebergarten in Münster. Ich brauche diese Dinge, um Energie aufzuladen, um mich inspirieren zu lassen, um Vielfältigkeit zu atmen, um mich nicht leer und tot zu fühlen, um mich in dem jeweiligen Setting unter Meinesgleichen zu befinden und für die Zeit der Kultivierung mal all diese entsetzlichen Dumpfbacken vergessen zu können, die meine Welt und das Leben auf ihr ruinieren, veröden oder gar zerstören. Ich brauch all das aber auch, um von meinem systemrelevanten Alltag Abstand nehmen zu können. Ich selbst wirke als Allroundguerilla eher im Abseits, sehe mich mehr als Unterwanderer und gelegentlicher Störer, bin daher nicht auf Galerien oder Bühnen angewiesen. Aber würden um mich herum, was zur Zeit passiert, Kunst und Kultur zusammenbrechen, weil sie irgendwelchen prämortalen Lebensschabracken nicht wichtig erscheinen, würde man mir einen lebendigen Teil meiner Selbst aus der Seele schneiden. Ich wäre dann nicht mehr Ich, sondern eine kulturlose Kreatur und mit der Zange nicht mehr anzufassen. Wagt es also bloß nicht!

 

 

22/6/20 … BEHÖRDEN … Wenn von undurchschaubaren Behördenprozessen die Rede ist, fällt der Name Franz Kafka und sein unvollendeter Roman „Das Schloss“. Das Schloss steht in Kafka´s Werk für einen Apparat, der gewaltig, undurchschaubar und bürokratisch ist. Zudem haben die Dorfbewohner, die durch dieses System kontrolliert und durch eine nicht greifbare Hierarchie reglementiert werden, großen Respekt, ja sogar Angst vor „dem Schloss“. Ich mag Behörden nicht sonderlich, weil mir dieses Autoritätsgebolze und diese Sachlichkeit, hinter der sich so mancher Beamter bzw. so manche Beamtin versteckt, gehörig auf den Geist und bestimmte Körperteile geht. Es ist nicht unbedingt ein Ort, der von Emotionen geflutet ist. Ich wäre da für Nachbesserungen. Allerdings muss ich gestehen, dass meine letzten beiden Behördengänge ok waren. Beim neuen Personalausweis wirkte die Bearbeiterin neutral (kein Lächeln, vielleicht waren aber auch meine Scherze schlecht) und beim Amt für Rentenantragsangelegenheiten empfand ich die zuständige Dame als überaus nett und zuvorkommend. Sie konnte mir zwar nicht helfen, hat mir aber immerhin ein paar Tipps gegeben.

 

Nun gab es kürzlich in Telgte den auch in Zeitungen und Fernsehen viel dokumentierten Vorfall, dass die mir gut bekannten Mieter einer Wohnung in der Innenstadt nach der Inspektion durch das Warendorfer Bauamt von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt wurden, weil sich die von ihnen bewohnte Wohnung sicherheitstechnisch als absolutes Desaster erwies. Bei Nichtbeachtung drohte das Schloss, ich meine natürlich das Warendorfer Bauamt mit einer empfindlichen Geldstrafe. Dass ein Bauamt, das sei vorweggesagt, eine von der Vermieterin wissentlich als menschliche Lebendfalle vermietete Immobilie stilllegt, ist nachvollziehbar und korrekt, aber die Art und Weise des Vorgehens brachte mich ins Grübeln. An anderer Stelle beschrieb ich bereits, wie es sich anfühlen mag, seine anvertrauten vier Wände stante pede verlassen und nachts im Auto schlafen zu müssen. Und genau an dieser Stelle prasseln Fragen auf mich ein: Hätte das Bauamt die Mieter statt zu bedrohen, nicht unterstützen müssen? Wäre es zuviel verlangt, den „Opfern“ eine Bleibe und sei es im Keller des Rathauses anzubieten? Sicherlich besitzt eine Behörde Fahrzeuge und Abstellräume, die man beim Umzug, der ebenfalls hopplahopp durchzuführen war, zur Verfügung hätte stellen können? Wäre es nicht auch selbstverständlich bis logisch, dass diese Institution juristische Folgen durch die Bereitstellung eines guten Rechtsanwalts ausbügelt oder den Opfern sonstwie Rechtsbeistand anbietet? Und die Fragen aller Fragen: Was wäre, wenn mir das morgen passieren würde? Müsste ich dann ebenfalls die dysfunktionale Zwischenmenschlichkeit, die Nach-uns-die-Sintflut-und-ab-16Uhr-ist-Feierabend-Haltung einer Behörde schlucken und mich Tiefschwarz ärgern? Oder würde ich mich publikumswirksam im Eingangsbereich der Warendorfer Behörde mit Schlafsack und Picknickkorb positionieren, nachdem ich ein Transparent vom Dach entrollt hätte? Mir fallen übrigens noch tiefgreifendere Methoden ein.

 

Bei meinen Nachforschungen hörte ich, mit dem Bauamt Warendorf wäre nicht gut Kirschen essen: knallharte Behörde, knallharter Leiter. Und genau hier setzt bei mir noch eine ganz andere Überlegung ein: Wurden Behörden nicht mal irgendwann in grauen Vorzeiten geschaffen, um Bürgern im Umgang mit der zunehmenden Komplexität des Alltags behilflich zu sein? (Aus dem Off höre ich, ich sei ein Träumer!) Muss man es hinnehmen, wenn sich Behördenleiter zu knallharten Typen entwickeln, sich mit einer beängstigenden, autoritativen Art aus dem Fenster lehnen und ihre Tätigkeit zu einem gefühllosen, entmenschlichten Schalten und Walten mutiert? Und sind sich die Verantwortlichen eigentlich dieser Unterstützungsaufgabe noch bewusst oder ist Behörde zu einer Abstraktion geworden: Es gibt sie, aber keiner weiß wofür und am besten, man hat gar nicht erst Kontakt mit ihnen. Ich habe noch einmal auf den Kalender geschaut: Das preußisch-soldatische Beamtentum liegt schon ne Weile zurück. Wie wäre es Zwanzigzwanzig mal mit etwas Aufklärungszeitalter? Ich sehe schon den Aufmacher: "Umsturz fegt Schimmel aus deutschen Amtsstuben." Da gibt´s doch noch gute Parolen aus der APO-Zeit.

 

12/6/20 … WUTTKE UND DIE ZIELANALYSE … Wuttke war seit 25 Jahren Chefbademeister des Freibads Müntekotten Süd. Er war von stattlicher Statur und auch wenn sich seine frühere Salinofigur in ein Feinkostgewölbe mit angeschlossenem Bierkeller verwandelt hatte, so machte er in seiner prickweißen Kleidung nebst unvermeidlichem Stirnband tüchtig was her. Und - toi toi toi - bisher war immer alles bestens verlaufen, mal abgesehen von der alten Frau Brüningheide, die auf Dauer atmungstechnisch mit dem zu langen Unterwasserbleiben nicht zurechtgekommen war (sie konnte aber auch, wie sich später herausstellte, gar nicht schwimmen), war alles immer glimpflich verlaufen und alle zurückliegenden Rettungsversuche konnten als erfolgreich verbucht werden. Hin und wieder pfiff Wuttke in seine Trillerpfeife, um Rangeleien am Beckenrand, Döppversuche oder ausuferndes Petting bei Pärchen zu stoppen, aber ansonsten führte er ein glückliches Chefbademeisterleben. Manchmal stand er am Becken, schaute durch seine pornoreske Sonnenbrille auf das wilde Treiben und sagte dann zufrieden: „läuft“, obschon es ja eigentlich „schwimmt“ heißen müsste.

 

Seit ein paar Tagen hatte man Wuttke einen Hilfsbademeister namens Hannemann an die Seite gestellt. Ein junger, dynamischer und drahtiger Baywatchtyp mit 1a-Ausbildung in einer Elitebademeisterschule, der auf- und abwippend neben ihm stand und allein durch seinen Habitus etwas zum Ausdruck brachte, das Wuttke – um es mal harmlos auszudrücken – unangenehm wie billiger Eiersalat aufstieß. Und als er mal wieder sein zufriedenes und eigentlich nur für ihn selbst gedachtes „Läuft“ grummelte, vernahm er, wie dieser Hannemann zum Besten gab: „Nun ja, mir fehlt bei der ganzen Angelegenheit hier doch so eine Art Zielanalyse!“ Wuttke drehte sich zur Seite, starrte den Mister Malibu für Arme an und fragte nach: „Zielanalyse? Was für ein Ziel soll analysiert werden?!“ Darauf Hannemann: „Mir wäre z.B. wichtig zu definieren, wie der Nivellierungsgrad des Hauptschwimmbeckens bezüglich des H20-Gehalts aussehen soll! Man muss immer ein Ziel definieren, um den Ist-Zustand angleichen zu können!“ Wuttke kniff seine Augen noch mehr zusammen als sonst: „Du meinst, ob das Becken voll, weniger voll oder leer ist?“ „Genau“, antwortete der Hilfsbademeister, „solche Fragen müssen klar definiert sein!“ Es entstand eine kleine Pause, in der eine schneidende Schärfe lag, und dann antwortete Wuttke mit aller ihm eigenen und auf jahrzehntelanger Erfahrung fußender Fachlichkeit: „Das Becken ist immer so gefüllt, dass die Badegäste darin schwimmen können. Es ist also: VOLL!“ Hannemann schien sichtlich zufrieden, aber Wuttke verließ das Szenario und ging vor sich hin fluchend in Richtung Bude, um bei Kiosk-Gitti ein Cornetto-Walnusseis-Ultra zu bestellen. Und unterwegs dachte er, es sei an der Zeit, über den Ruhestand nachzudenken.

 

7/6/20 … KRIEG IST DUMM … Vor einiger Zeit sprach ich mit einem 12 jährigen Mädchen über das Denken. Ihr Problem sei, dass sie sich zu viele Gedanken mache. Ich stellte ihr mein Ampel-Denk-System vor. Danach gibt es grüne Gedanken wie Alltagsüberlegungen, Planungen oder philosophische Gedanken. Gelbe Gedanken seien solche, bei denen sich immer wieder alles und oft um bestimmte Dinge drehe, man diese aber selbst stoppen könne. Und es gäbe rote Gedanken, die wie Dauerschleifen ablaufen: man geht mit ihnen ins Bett, steht mit ihnen auf und braucht zumeist Hilfe, um sie zu stoppen. Das Mädchen dachte einen Moment über meine Erklärung nach und fragte dann, was philosophische Gedanken sind. Ich sagte ihr, das seien z.B. Gedanken über den Sinn des Lebens, über das Zusammensein der Menschen oder ob z.B. Kriege sinnvoll sind oder nicht. Nein, über Kriege mache sie sich keine Gedanken, meinte sie dann. Kriege seien einfach nur dumm. Das fände ich auch, sagte ich, aber warum sie das denke? Das Mädchen: Bei einem Krieg würden Menschen getötet, die doch gar nichts mit der Sache zu tun hätten. Es mache doch überhaupt keinen Sinn, dass deswegen Bomben auf Schulen oder Kindergärten geworfen würden. Schau mal, führte sie aus, wenn z.B. zwei Staaten einen Streit wegen etwas haben, dann sollen sie doch Schach spielen und der Sieger könne dann seinen Anspruch geltend machen. Schach sei intelligent, Krieg sei einfach dumm.

An dieses Gespräch musste ich heute denken, als ich las, dass sich die Staaten der Erde ihr Militär aktuell fast zwei Billionen Dollar im Jahr kosten lassen. Dumme Menschen! Der Gedanke, Mensch zu sein, quält mich sehr oft. Gelbrot bis rot!

 

12/2/19 … Wenn das Hirn beige wird … Als kleiner Junge hatte ich in mein Abendgebet den Passus „lieber Gott, lass mich lange leben“ eingebaut. Offenbar war damals schon meine Lebenslust sehr ausgeprägt. An dieses Stoßgebet musste ich zurückdenken, als ich nun in einer dieser Illustrierten mit hohem „Treppenlifter-Reklame-Anteil“ die 33 besten Tipps für ein langes Leben entdeckte. Nicht rauchen, viel bewegen, gesund ernähren, Alkohol meiden und Spaß haben sind schon mal 5 von diesen Grundregeln für den Methusalemfaktor. Man wäre selbst kaum drauf gekommen!

 

Spaß haben? Im Alter? Während meiner früheren Tätigkeit als Krankenpfleger machte ich die ersten umfassenden Erfahrungen mit den menschlichen Grauköpfen. Von den vielen hundert Versuchspersonen meiner unfreiwilligen Altersforschung fielen nur ein paar Handvoll aus dem Rahmen einer riesigen Kohorte  verbiesterter und verholzter Zeitgenossen. Das macht man nicht, das tut man nicht, das gehört sich nicht und das gibt’s doch nicht sind bis heute bei vielen die mantraartig runtergebeteten und selbst auferlegten Verhaltensregeln. Man hat das Gefühl, die alten Herr- und Damenschaften sind in einem undurchdringbaren Kokon des So-und-nicht-anders-Sein gefangen. Und weil sie sich ständig einem Verfall der Werte und einem Wegbrechen von Traditionen hilflos ausgesetzt sehen, weil früher alles besser war und überhaupt die zunehmende Verlangsamung der inneren und äußeren Beweglichkeit Verhaltens- und Denkveränderungen erheblich erschweren, ziehen sich die Mundwinkel immer weiter nach unten, wird die Kleidung auf ein geschlechtsneutrales Beige runtergetrimmt und die innewohnende Grimmigkeit verbal bis zum Abwinken ausgelebt. Man mokiert sich über schlecht geputzte Fenster der jungen Familie gegenüber, regt sich über Parksünder auf als seien es Schwerstverbrecher und denunziert Nachbarn beim Ordnungsamt. Überhaupt ist das Ordnungsamt eine Art jüngstes Gericht vieler Beige-Bürger, denn über all den Falten und Runzeln schwebt die in Stein gemeißelte Obermaxime: Ordnung muss sein! Wie sagte Dieter Hildebrandt, angesichts einer solchen entklugten Schunkelbürgergruppe: „Und die dürfen auch noch wählen!“ 

Nun bin ich in meinen Überlegungen und wüsten Aussagen zwei Denkfehlern aufgesessen. Erstens dachte ich, die beschriebene Engstirnigkeit verbunden mit Traditionsfetischismus und Ordnungsvernarrtheit sei ein Phänomen der Kriegs- und frühen Nachkriegsgeneration und das Übel hätte spätestens dann ein Ende, wenn die Woodstock-Veteranen nebst Alt-68ern die Rente einreichen würden. Denkste Puppe, selbst viele von denjenigen, die damals lauthals mit oder ohne „Mao Tse-tung“ nach Revolution gerufen haben, dümpeln heute im Brackwasser konservativer Spießbürgerlichkeit und latschen als Teil einer gigantischen beigen Wanderdüne durch Stadt und Land. Und der zweite Fehler: Die verknorrzte Lebenshaltung und starre Denkweise ist kein alleiniges Ü60-Problem und funktioniert auch ohne graue Haare. Viele Jungspunte haben sich schon jetzt in eine Art mentalen Altersvorruhestand mit fortschreitender Denkinsuffizienz  begeben. Nur kurz, so mit 17, begehrten sie auf, mimten den ungehorsamen Rebell, um dann sukzessive mit ergrautem Hirn in einen prämortalen Dämmerzustand zu verfallen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, die Hirnergrauung setzt immer früher ein. Erschreckend, oder?

 

Neulich erwischte ich mich dabei, über einen Falschparker zu mäkeln, der auf meinem Gehweg stand. Ist das ein erstes Menetekel an der Friedhofsmauer?

 

 

Aus dem Archiv

7/10/17…TOTE UND HALBTOTE … Ich finde: Es sterben viel zu viele Rockmusiker. Jaki Liebezeit von Can, Chris Cornell von Soundgarden, Walter Becker von Steely Dan und - nicht zu vergessen - Daliah Lavi, um nur einige zu nennen. Daliah war zwar keine Rockerin, aber die erste erwachsene Frau, in die ich mich als kleiner Junge unsterblich verliebt habe. Damals, als sie in ihrer Rolle als Halbindianderin Paloma Nakama im Im Karl-May-Film Old Shatterhand mitspielte. Es kann aber auch sein, dass ich mich mit Marie Versini vertue. Als nun neulich Tom Petty endgültig den Stecker aus seiner Gitarre zog, dachte ich ganz still in mir drin: Warum können nicht mal Politiker sterben? So ein Trump, Erdogan oder al-Assad? Die Buddhisten sagen ja, man solle den Toten fröhliche, wertvolle Gedanken mitgeben. Vielleicht würde ich Trump den Witz von dem blödesten amerikanischen Präsidenten erzählen, da kurz vor dem fiktiven Flugzeugabsturz statt mit einem Fallschirm, mit dem Tornister eines kleinen Jungen abspringt. Dann hätte er auf dem Weg in die hoffentlich ewigen Jagdgründe noch was zu lachen.

 

20/3/14 … ÜBER DAS WICHTIGE … Abends, wenn ich müde vom Geschäft in die Sofapolster sinke, werfe ich als notorischer Nichtfernsehgucker einen Blick in die Tageszeitung meines Vertrauens, um mich über den Zustand der Welt im Allgemeinen und meinen Wohnort im Speziellen zu informieren. Dabei stolpere ich immer wieder über die Rubrik „Menschen“ auf der letzten Seite, die in etwa so spannend daherkommt, wie ein Tatort mit - sagen wir - Reiner Calmund in der Hauptrolle. Und jedes Mal stelle ich mir die Frage: Wer zum Teufel – außer mir natürlich – liest diesen gequirlten Blödsinn? Ich gebe da mal ein aktuelles Beispiel. Katrin Sass, die ich zwar nicht kenne, aber offenbar eine bekannte Schauspielerin ist, möchte gerne ein Bett erfunden wissen, das blubbert. Wahnsinn, oder? Claudia Schiffer offenbart, wenn sie einen Wunsch offen hätte, würde sie gerne kochen können und Madeleine, von Beruf schwedische Prinzessin, schwärmt von Leonore, was offensichtlich ihre Tochter ist. Es gibt aber durchaus noch tiefer gelegtere Meldungen. Ich meine gelesen zu haben, dass Brad Pitt schon mal gerne Döner isst und Heidi Klumm keine buntgemalten Ostereier in welchen Strauch auch immer hängt. Hier kann ich mich aber auch irren, es mag sich bei dieser sensationellen Auskunft auch um Harald Glööckler, also den mit dem aufgeklebten Bart handeln. Lebt der eigentlich noch? Die Welt ist ja so schnelllebig. Während ich dies schreibe, kann es durchaus sein, dass Jennifer Lopez soeben zum Besten gab, dass sie schon wieder zugenommen hat und das Ehepaar Geissen Ärger mit einem Häusermakler hatte. Um es zusammenfassen: Es sind alles ungemein wichtige und überlebenswichtige Informationen. Was kümmert mich die Krim oder der nächste Nahrungsmittelskandal: viel interessanter ist doch, dass David Beckham demnächst ins Dschungelcamp zieht. Es mag sich aber auch nur um ein Gerücht handeln.

 

 

 

 

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