FAHRTENSCHREIBER

FAHRTENSCHREIBER ...Es gibt viele Möglichkeiten, die Eindrücke, die minütlich herniederprasseln, zu verarbeiten. Man kann sie fotografieren, malen oder einen Song drumherum komponieren. Oder man macht kleine Geschichten draus. Dann wird der Eindruck zum Ausdruck und man kann wieder an etwas anderes denken. Meist nicht lange!

 

19/4/21…MAL QUERGEDACHT…Manchmal überlege ich, warum ich eigentlich kein Querdenker bin. Jetzt mal in Ehrlich: Es wäre doch alles viel einfacher! Man müsste nicht mehr nächtelang anstrengende Literatur von allgemein anerkannten (was heißt das schon) Denkern oder Wissenschaftlern lesen, sondern einfach so tun, als wenn man es täte. Man sagt einfach in einer Diskussion, „wer liest, ist im Vorteil“ oder wirft mit Blendgranaten a la „du solltest dich mal mit der Wahrheit auseinandersetzen“ um sich und schon ist die eigene Meinung in Beton gemeißelt. Oder man sagt, dass man jemand kennt, der tief ins Licht der Wahrheit geschaut hat; das gilt auch. Meine Güte, um wieviel entspannter wäre das Leben. Man müsste sich nicht mehr um gesundheitlich Geschwächte, Alte oder sonst wie Gefährdete kümmern, sondern man sagt einfach (brüllen mit Stimmüberschlagung wirkt ebenfalls überzeugend) in jede laufende Kamera: Ich brauche keine Maske: Ich habe ein Immunsystem. Hey, das ist medizinisch unglaublich überzeugend und als Argument in dieser Pandemie, die natürlich gar keine ist, unschlagbar. Und dann immer diese Einkesselei, Tränengassprüherei und das Niedergeknüpple auf normalen Demos. Mit viel Glück bekommt man auf Querdenkeraufläufen sogar von der hübschen Polizistin seines Vertrauens ein mit den Händen formierten Herz zugehaucht. Mit den Freunden von der rechtsnationalen Front im Verbund fühlt man sich sicher wie nie, weil die alle Bodybuilding machen, vorbestraft sind oder Probleme mit der Impulskontrolle haben. Das hat man auf keiner Klimademo! Und wenn mir ein Vertreter der Presse blöde kommt, dann rufe ich einfach Lügenpresse, wofür vorher eigens kleine Zettel zur Textsicherheit verteilt werden oder ich haue dem blöden Reporter eins auf die Maske, was auch null Konsequenzen hat. Ach, so ein Leben als Querdenker wäre undenkbar stressfrei – ein Träumchen. Ich finde, man umgibt sich einfach mit viel zu viel Angestrengtheit. Im nächsten Schritt versuche ich bei Schlagern mitzusingen und Dieter Bohlen post mortem (ach, der lebt immer noch?) gut zu finden. Warum so schwer, wenn es auch mit Einfalt geht?
 

19/4/21...QUAL DER WAHL...Laschet oder Söder? Puh, ich glaube, ich würde Lassie wählen! Ach, Politik ist ne ernste Sache und kein Spaß? Na, dann eben Godot!

 

10/4/21...SPIEGELUNGEN Ich verließ das Haus in der Mittagszeit, hatte den Kragen hochgezogen und ließ mich über Kopfhörer mit monotonen Geräuschen eines Metronoms beschallen. Obschon ich wie immer einen großen Bogen um Gegenden machte, bei denen man Gefahr lief, auf Menschen zu treffen, stieß ich alsbald auf ganze Haufungen. Die Menschen starrten mich an - glotzten. Manche blieben stehen und zeigten mit dem Finger auf mich. Ein dicker Junge mit ausgefallenen Zähnen und Call-Of-Duty-T-Shirt hielt sich seinen Bauch vor Lachen. In dem verstaubten Schaufenster eines Geschäfts für verlorene Zeit betrachtete ich mein Spiegelbild und bemerkte erst jetzt, dass eine etwa zwei Zoll dicke Schraube aus meinem Kopf ragte. Ich drehte mich zu der glotzenden Masse um und rief: Ich bin nicht verrückt. Doch das verschlimmerte eher ihr schadenfreudiges Gemurre und Geplapper. Mich immer wieder umdrehend, um mich ihres Folgens zu vergewissern, führte ich die Menge zu einem Berg aufeinander gestapelter Gitarren. Zu oberst lag die Gitarre von dem Dire Straits Album "Brothers In Arms". Ich erklomm den Berg, nahm das Instrument und begann zu spielen. Sehr schön, wie ich fand. Dann machte ich eine Pause: Seht ihr, rief ich, ich bin nicht verrückt. Doch vor mir stand eine versteinerte, gesichtslose Masse ohne Augen. Hier brach der Traum ab…

 

 

2/4/21 … KAR(L)FREITAG … Aufgewachsen in einem schwarz-beige-bis oben zugeknöpften Katholizismus der besonders strengen Münsterländer Art (danach kommt nur noch Opus Dei), war für mich früher der Karfreitag der schrecklichste Tag des Jahres. Schon morgens wurde ich von meinen Eltern mit Sauerteigmine geweckt, da es an dem Tag immens wichtig war, möglichst traurig aus der Wäsche zu schauen. Christen gedenken an diesem Tag des Leidens und Sterbens „unseres Herrn Jesu Christi“ (Sprachweise zuhause) am Kreuz. Gut, beim Aufstehen ließ sich damals eh ein gewisses Leiden nie vermeiden. Beim Frühstück gab es für jeden nur eine Schnitte vom geschmacksneutralen Reineke-Brot und wenn ich mich richtig erinnere ausschließlich Käse. Marmelade war schon zu viel Lebensfreude und Fleisch sowieso. Vermutlich war dieser Veggie-Day eine Art Wiedergutmachung für das am Sonntag frisch von der Mutterbrust weggebratene Lammfleisch. Mittags ging das Theater weiter: Es gab Kartoffeln mit Heringsstipp (Fische sind ja – Logik, ik hör dir husten – keine Tiere!!!), aber so portioniert, dass man auf keinen Fall satt wurde. An dem Tag wurde nämlich gefastet – wofür auch immer. Der Sinn hat sich mir nie wirklich erschlossen, da bei den eher einfachen Lebensverhältnissen zuhause der große Prassnik sowieso keinerlei Rolle spielte. Am Nachmittag ging man - Pflichtveranstaltung!!! - dann in die Karfreitags-Liturgie, dessen Highlight das Vortragen von zehn Fürbitten darstellte. Nach jeder Fürbitte rief der Pastor „Beuget die Knie“, dann ächzte die ganze Gemeinde auf Kommando - auch die Gläubigen mit Gonarthrose oder Hüftschaden - in die Knie, verweilte dort auf den Brettern, die das Leid bedeuteten, und erhoben sich mit noch größerem Ächzen auf den Zuruf „Erhebet Euch“. Da ich bis heute Sportereignissen wenig abgewinnen kann, habe ich mich anschließend fix vom kirchlichen Acker und auf den Weg zu meinen larifari-katholischen Freunden gemacht. Dort gab es nämlich das Karfreitagsgericht: Ölgebackene Struwen, mit denen man endlich satt wurde und sich eine solide Grundlage für den später geleerten Kasten Billigbier der Marke Sterbehilfe schaffen konnte. Bei Rory Gallagher oder Black Sabbath klang dann der Karfreitag aus, aber immerhin war man am nächsten Morgen selbst das Leiden Christi in Person, was ja auch österlich ist. Heute werde ich der Zeit bei einem guten Gläschen Whisky mal gedenken.

 

25/3/21…STATTLICHE ZEITEN… In einem Zeitungsartikel über einen namhaften Menschen aus dem Kulturbereich - man nennt so jemanden auch Kulturschaffenden - hieß es, "der stattliche 100 Kilo-Mann" hätte Dies oder Jenes geäußert. Seitdem geistert diese Beschreibung in meinem Kopf herum, schließlich bin ja auch ich zu einem stattlichen 100 Kilo-Mann mutiert. Die Zeiten des drahtigen und durchaus muskulösen Mittdreißiger sind schon länger vorbei. Ich sag nur: Das gute Leben! Schuld ist natürlich vor allem meine Frau, die - vermutlich komplett unüberlegt - den Satz äußerte, sie liebte jedes Gramm an mir. Das motiviert selbstredend nur wenig zur Dezimierung von Jahresringen. Nun entdeckte ich im freien Bücherregal meines Vertrauens eine kleine Schatulle mit einer Abnehm-Challenge. Irgendwie ist heute alles Challenge; vermutlich gibt es auch eine Corona-Pandemie-Eindämmungs-Challenge. Um es kurz zu machen: Ich konnte meine Stattlichkeit um satte vier Kilo reduzieren. Es fehlen noch 400 magische Gramm und es wird zweistellig. Doch dann machte ich meinen donnerstäglichen Wocheneinkauf, da winkte mir beim Rausgehen schon von weitem die rustikal-freundliche Bäckereifachverkäuferin mit dem Kuchenpapptablett zu und rief: "Wie immer eine Lage Streuselkuchen?" Ich konnte nicht Nein sagen, werde aber künftig den Nebenausgang nutzen. Sonst war die ganze Challenge für'n Eimer.

13/3/21...Tellerwäscher...Unsere 2-Personen-Haushalts-Spülmaschine hat das Zeitige gesegnet. Diagnose: Wasserzuleitungsinsuffizienz. Der Techniker meinte schon vor einem Jahr mit bedeutungsschwangerem Blick: Die Monate seien gezählt. Und steckte sich die 96 Ocken für die Reparatur ein. Dann wurde das gute Teil, so eben über der werksverordneten Selbstzerstörung, vom städtischen Abdecker abgeholt. In einer nächtlichen Vollversammlung unserer Ehekommune beschlossen wir, künftig auf den elektronischen Tellerwäscher zu verzichten. Ich las, dass in Deutschland nur 7% das Spülen per Hand mögen. Wie viele davon Männer sind, gab die Statistik nicht her. Jedenfalls genieße ich meinen abendlichen Abwasch. Man kann so herrlich über den Dreck der Welt sinnieren, während man im trüben Wasser fischt. Zudem ist es ein reizvoller Anlass, in Ruhe - naja - Musik zu hören. Weswegen dann meine Frau auch dann und wann sachte die Türe schließt, mir einen Kuss zuhaucht und mich in meiner prilierten Schaumage in Thrash-Dur ahlen lässt. Muss ihr beizeiten nur noch das Unglück mit der entglittenen Kakaotasse beichten!

 

3/3/21…TUNING…Manchmal stehe ich beim Abendspaziergang auf der Günter-Grass-Brücke zu Telgte und schaue dem Treiben auf dem reich frequentierten Parkplatz zu. Eines der mich enorm in den Bann ziehenden sozialinteraktiven Phänomene der Neuzeit sind die Treffen der Tuningszene. Man steht dann dort mit seinem aufgemotzten PKW und unterhält sich durchs Seitenfenster mit dem Fahrer des benachbarten Wagens. Und immer wieder frage ich mich, worüber dort wohl gequatscht wird. Ich habe da keinerlei Erfahrungen, denn während damals die Kumpels schon mit Ford Taunus glänzten, juckelte ich mit einem 6 Volt Käfer durch die Gegend und mein erstes teures Auto war ein gebrauchter R4F6, in dem man immerhin hinten drin schlafen konnte. Da war nix mit Karre-aufm-Parkplatz-rumstehen. Meine Beobachtungen haben ergeben: Selbstredend läuft der Motor und wird durch eindrucksvolles Zwischengasgheben warm gehalten. Bevorzugt sitzt auf dem Beifahrersitz eine kesse Käthe mit Lederimitatleggins, die die ganze Zeit auf ihr mit Strass besetztes Handy glotzt, Pinterest-Fotos durchscrollt und vermutlich den PS-starken PKW mehr liebt als den Fahrer. Ist jetzt nur so ein Eindruck! Aus kühlschrankdicken Bassboxen, für die der Rücksitz weichen musste, donnert irgend so ein Rap-Gesabbel a la „Ich ficke deine Mutter, geh zur Seite, du Attrappe“.
 

Nun fahre ich ja inzwischen einen knallroten Mittelklassewagen mit satt´ PS (also für mich ausreichend), fetter Musikanlage und mit Oben-Ohne-Verdeck. Also, überlegte ich mir, dabei sein ist alles und stellte mich zur Abendstunde auf besagtem Parkplatz in Poolposition. Laufender Motor, Verdeck offen, Fenster runtergedreht und aufs Gaspedal hatte ich einen mitgebrachten Wackerstein gelegt. Das mit dem Mutter-Ficken habe ich mir geklemmt und stattdessen guten alten Punk von Buttocks „Ich will nicht mehr dein Sklave sein, weg mit dem Fick Fack Rotzverein“ in den Player geschoben. Ich dachte mir: Mal was Sozialkritisches kann nicht schaden. Tja, was soll ich sagen. Ne komplette Stunde stand ich auf dem Platz, lässig auf die Motorhaube gelehnt und rauchte eine Schokoladenzigarette nach der anderen. Zwischenzeitig lief ein verlauster Köter vorbei und pisste an eine meiner eigens vorher polierten Radkappen. Erst als der Abend dämmerte, fuhr langsam ein abgehalfterter VW-Golf mit Fünffachauspuff und hochgezogenem Fernlicht zum Platz hinunter und positionierte sich neben mir. Der übelst verpickelte Dicke mit Converse-T-Shirt schnippste seine Fluppe durchs Fenster und quatschte mich blöd an: „Was suchstn hier?“ Ich dachte erst mit einem netten Begrüßungsritual wie „Maul halten; fick deine Mutter!“ zu kontern, konnte mich aber im letzten Moment bremsen. „Gucken, was kommt! Kumpels treffen halt!“ Das Pickelface steckte sich am elektrischen Zigarettenanzünder die nächste Zichte an und zischelte: „Kannste lange warten! Die sind alle ausgestiegen! Ist nix mehr mit Tuningszene hier!“ Ich zerquetschte meine Schokoladenzigarette mit der bloßen Hand und fragte: „Was machen die jetzt?“ Der Dicke zog die Augenbrauen hoch und erwiderte, während er sein Fenster wieder hochfahren ließ: „E-Bike fahren!“ Als der Golf mit durchdrehenden Reifen weggeprescht war, sprang ich galant über die geschlossene Tür auf meinen Fahrersitz (hatte ich erwähnt, dass das Dach offen stand?) und heizte mit Turbokick davon. Alles Luschen, dachte ich unterwegs! Warum nicht gleich Mofa!

 

 

26/2/21 … PSYCHO… Musste heute an einen leicht abgewandelten Pandemie-Witz denken…Die Enkelin fragt: Opa, was ist eigentlich ein Festival?...Opa? Opa, warum weinst du??? … Letztes Wochenende wären wir auf einem Festival gewesen: Winter-Wacken! Verdammter Mist - alles coronafiziert. Immerhin bleiben einem die Erinnerungen, wovon eine bereits über 20 Jahre zurückliegt. Mit meiner damaligen Freundin und einem guten Bekannten waren wir zum Haldern Pop Festival gefahren. Nach der ersten Festivalnacht kletterte ich leicht verkatert aus unserem VW-Bus. Direkter Griff zur Sonnenbrille; die Sonne schien nicht, sie schrillte. Die anderen schliefen noch; Matthes schnarchte in seinem Zelt neben uns. Ich steckte mir eine Selbstgedrehte in den Mund und kickte mit dem Fuß ein paar Bierflaschen, die von der nächtlichen Nachbesprechung liegengeblieben waren, zur Seite. Ich trug eines meiner damals bevorzugten ausgeleierten – natürlich schwarzen - Unterhemden und vermutlich irgendeine verschlissene – natürlich - schwarze Jeans. Da hörte ich plötzlich ein zartes Stimmchen meinen Namen rufen. Ich schaute durch die Zelt- und Wohnmobilfluchten und entdeckte nicht weit von mir ein junges Mädel, das mir zuwinkte. Einen Moment erschrak ich: Eine Patientin von mir. Wir quatschten etwas und verabredeten uns auf ein Bier am Nachmittag. Dann hörte ich, wie ihre drei männlichen Begleiter nachfragten: Wäwandas? Mein Psycho, antwortete das Mädchen und winkte noch mal rüber. Mich glotzten sechs ungläubige Augenringe an. Ich hoffte mal, den schlechten Ruf der drögen Psychotherapeuten mit schwarzem Rollkragen und dunkler Hornbrille etwas auf Vordermann gebracht zu haben.

 

22/2/21 … BLUTHOCHDRUCK… Sicherlich … ich hatte die Zeichen längst bemerkt: Die entsetzten Blicke der Menschen neben mir an der Ampel (unser PKW verfügt über ein Stoffdach), der besorgte Gesichtsausdruck meiner Frau, wenn ich mit Kopfhörern neben ihr auf dem Sofa sitze oder die Frage meines besten Freundes: „Cheffe (so nennt er mich häufig), hast du Probleme mit deiner Aggression?“ Mit den Jahren hatte sich mein Musikgeschmack dramatisch radikalisiert: Nein, kein Oldschool-Schmuse-Metal a la Iron Maiden oder Metallica, sondern Sounds aus den düsteren Kellern des Todes, bei denen sich die Basslautsprecher (für die jüngeren Musik-über-Handylautsprecher-Hörer: Das sind serviertellergroße Membrane zur Schallwellenweitergabe) mit jedem Tritt auf die Bassdrum nach außen wölben, sich Gitarrenwände auftuen, gegen die die chinesische Mauer ein klappriger Gartenzaun ist und der Gesang klingt, als hätte man dem Gehörnten bei lebendigem Leibe kreuzweise die Hoden über die Ohren gezogen. Musikhören ist wie Duschen, antwortete ich oft: Da will man ja auch den satten Strahl!

Irgendwann dachte ich, es wäre der eigenen Psychohygiene vielleicht zuträglich, den Fuß etwas vom Blutrührpedal zu nehmen, wandte mich sukzessive den Klängen softerer Bands zu und lauschte vermehrt psychedelischen oder prog-rockigen Stücken,  die jenseits des Haudraufrocks mit Anleitungen zum Frauenflachlegen liegen und nicht selten über 12 Minuten dauern. In meinem Alter muss man immer auch etwas auf die Grenzen der Gesundheit achten. Doch jetzt las ich aktuell, dass dies ein eklatanter Fehler war. Wie eine anerkannte Studie zeigte, ließen sich bei 89% der Teilnehmer einer großen Testgruppe beim Hören von Heavy Metal hoher Blutdruck, aber auch die Herzfrequenz senken. Dr. Avlanmış, der Leiter der Studie, kommentierte: "Was Heavy Metal angeht, beobachtete ich, dass aggressive Musik den Hörern dabei helfen kann, ihre Gefühle zu verarbeiten, was zu einem besseren Befinden führt." Vielleicht wirkt es sich ja bei angealterten Männern wie mir auch auf die Prostata aus! Heute Morgen klickte ich auf dem Weg zur Arbeit auf „Kataklysm“ und hatte vermutlich das breiteste Grinsen zwischen Telgte und Sendenhorst auf dem Gesicht! Schon bei Alverskirchen sah ich im Rückspiegel, wie sich das ein oder andere „mmHg“ sowohl diastolisch, als auch systolisch im Straßengraben überschlug. Läuft - alles Riva Rocci!

 

21/2/21…HANAU… Nach den Feierlichkeiten zum Gedenken an die Ermordeten von Hanau und ihre Angehörigen durch einen bestialischen rassistischen Anschlag, fanden sich selbstredend auch rechtsgedrehte Kommentatoren im Netz, die verharmlosten, die Opfer als Feinde des deutschen Volkes betrachteten und mal wieder tief in der Schublade der Tatsachenverdrehungsschwurbelei gruben. Der Mörder sei gar nicht der Mörder gewesen, sondern es handele sich um eine große „antideutsche Verschwörung“. Was lernen wir? Der Trick bei rechter Hassrede: Man verdreht ein Ereignis dermaßen, dass es zum Schluss genau in entgegengesetzter Richtung zur eigenen Einstellung steht. Ach so, stecken dann vielleicht doch messdienerschändende Bischöfe hinter den Anschlägen der RAF? War jetzt nur mal so eine Hate-Übung. 

 

20/2/21 … MORGENBLUES… So manches Mal, wenn mich der Morgenblues ereilte und meine Lust aufs Arbeiten zäh wie angedickte Erbsensuppe war, dachte ich tief in mir drin: Ach komm, notfalls wirst du Präsident der Vereitelten Primaten von Amerika. Die wählen jeden Vollpfosten für so ein Amt. Jetzt ist es zu spät – der Job ist besetzt. Aber heute Morgen lief im Radio "La libertad" von Alvaro Soler, ein Song, bei dem sich bei mir unter normalen Umständen die Fußnägel aufrollen und den ich am ehesten mit leergedrückten Seifenspendern auf Autobahnraststätten assoziiere. Ich zitiere den Refrain: Ei ei ei ei ei. Kann sein, dass ich ein Ei vergessen habe. Und da machte es Ping bei mir: Warum werde ich nicht einfach Schlagerstar: Arnoldo Illato - der heimliche Liebling aller frühdebilen Schwiegermütter? Ich schau mal nach, ob meine Schlaghose aus den Endsiebzigern noch hinten im Schrank liegt! Vielleicht kann mir Schwiegermutter am Bauch einen Keil einnähen! 

 

17/2/21…DEMOKRATIE…Gestern - Politischer Aschermittwoch … parahumoristische Analogdemokratie. Partei A macht sich lustig über die Parteien B,C,D und E, während sich Partei B über A, C, D und E echauffiert. Dabei wird wahlweise Wasser oder Bier getrunken, Salzbrezelatmosphäre verbreitet und parteiparlamentarische Partylaune vorgetäuscht. Man sagt die Dinge ins Mikrofon, so ein Kommentator in der ZEIT, die die Wähler hören möchten, um sich dann vor den heimischen Bildschirmen köstlich unterhalten auf die lederbehosten oder stofflich sonst wie ausstaffierten Beine zu  schlagen. Allerdings frage ich mich, warum das eigens als politischer Aschermittwoch bezeichnet wird, da doch genau dieser Prozess tagein, tagaus Bestandteil der repräsentativen Demokratie im Land- und Bundestag ist? Ach, was wäre es wundervoll, wenn alle nur noch an der Sache und nicht mehr an sich selbst arbeiten würden.

 

15/2/21 … SEHNSUCHT… Gestern den Film "Salz auf unserer Haut" nach dem Roman von Benoîte Groult geschaut. Vor 25 Jahren las ich das Buch mit Schwermut, vor allem aber Sehnsucht nach dieser wilden Form der Liebe. Heute lebe ich sie seit langem selbst. Aber der Film erweckte wiederum Sehnsucht, doch dieses Mal war es eher die Sehnsucht nach dem Hinter-mir-lassen von Konventionen und lebensinkompatiblen Praktiken. Alle Jahre wieder… doch wann folgt die Realisation? Ich möchte nicht, dass man es auf meinen Grabstein meißelt: Ein Leben auf den Spuren der Sehnsucht.

 

13/2/21 …. ROSENMANN… Gestern war Freitag und Freitag ist Blumentag. Eigentlich! Zu Zeiten, als Corona lediglich als Bier bekannt war, brachte ich meiner Frau zum Einklang des Wochenendes jeden Freitag eine Blume mit. Der Statistik nach war es meist eine einzelne Rose. Bloß keine gewöhnliche rote, die mag sie nämlich nicht. Wir sind - muss man wissen - beide Anhänger des radikalen Romantizismus und Valentinstag ist bei uns überflüssig wie ne Salami im Kühlschrank. Im Blumenladen meines Vertrauens war ich bekannt, wurde fast schon familiär begrüßt und oftmals hatte man bereits ein besonders schönes Exemplar zurückgestellt. Die Blumenverkäuferinnen waren, wie mir schien, sehr von meinem Blumenkauf angetan und so wurde ich stets mit „Wie immer?“ begrüßt oder es wurde stets nach einem Urlaub angemerkt, ich sei ja ein paar Wochen nicht mehr da gewesen; offensichtlich besorgt, mit unserer Liebe stimme etwas nicht. Doch dann kam die coronifizierte Rache für das sündige Kadaveressertum über die Menschheit und in meinem Blumenladen wurden nur noch Sträuße verkauft. Warum auch immer! Da gebundene Sträuße immer nach Beerdigung oder einfallsloses Mitbringsel aussehen, verzichtete ich lange Zeit auf den freitäglichen Blumenkauf, was natürlich unserer gegenseitigen Geneigtheit keinen Abbruch tat. Doch gestern dachte ich: Ein Freitag ohne Blumen ist möglich, aber doof. Also parkte ich auf dem Rückweg wie eh und je vor dem Blumenladen und schlenderte lässig und casanovaresk in den Verkaufsraum. Ein Strahlen ging über das Gesicht der mir bekannten Blumenverkäuferinnen und ich wurde mit „Ah, da ist ja endlich wieder der Rosenmann“ begrüßt. Und dann setzt die jüngere nach: „Wir haben auch wieder Einzelblumen!“ Ich war gerührt, denn die Bezeichnung Rosenmann klang so verdammt oldschool-romantisch. Keine Ahnung, warum ich plötzlich an den Song von BAP denken musste: Oho, ich bin der Müsli-Män.

 

12/2/21...WIR HATTEN DAMALS NIX… Westberlin, achtziger Jahre: Punk und Straßenschlachten, Hausbesetzungen und ein Leben entgegen aller Bürgerlichkeit. Lese grade das Buch "Aufprall" von Bude, Munk und Wieland. Die deutsche Geschichte ist echt unausgewogen verteilt. Dort, wo ich zu der damaligen Zeit lebte: Geballte Langeweile. Wir hatten ja damals nichts… zu besetzen.

 

7/2/2021...NAZIS… Ich lese soeben: In Hannover wurden 2019 vermummte Nazis auf einer Demonstration von der Polizei geschützt. Das mit der Vermummung ging o.k., obschon man zur der Zeit Corona nur als Bier kannte. Ich dachte mir beim Lesen, vermutlich ist die Vermummung gar nicht so aufgefallen, da ja auch die Freunde & Helfer stets vermummt sind. Allerdings gibt's immer Ärger, wenn dies Linke tun. Aber das ist sicherlich mein eigener Wahrnehmungsfehler.  Oder, wie die Nazis selbst sagen: Meine Denkblase.
Auf die öffentliche Kritik bezüglich der Nazi-Polizei-Aktion reagierte die Führung, also natürlich die Polizeiführung, die Nazis seien ja vermummt gewesen, weil sie als solche nicht erkannt werden wollten. Ich ließ die Zeitung sinken und begann an mir zu zweifeln. Warum tue ich mich oft so schwer mit der Logik meines menschlichen Umfelds? 

 

5/2/21...MEIN BAUCH… Man findet sie überall und vor allem in freien Bücherregalen: Literatur, die kein Schwein braucht. So entdeckte ich neulich ein Buch, das in etwa den Titel "Sinnliches für Sternzeichen" trug. Mir scheint, ich bin empfänglich für derartigen galoppierenden Schwachsinn. Also blätterte ich mich zur Jungfrau durch und fand dort vermerkt, dass die sinnlichste Stelle der Jungfrau der Bauch sei und dass sie - und er wohl auch - es liebe, wenn dieser liebkost, gestreichelt oder sonst wie zärtlich berührt wird. Ich schaute an mir hinunter und verstand plötzlich die Welt und meine prominente Wölbung: Je mehr, desto sinnlicher. Wie fein: Endlich eine Erklärung.

 

3/2/21 ...ISCHIAS... Ich hatte Ischias - letzte Woche! Ist zwar mieses Deutsch, tat aber trotzdem weh. Sicher, es gibt weitaus Schlimmeres, aber es reichte, um mich gleich 10, ach, was sag ich - 25 Jahre älter zu fühlen. Da der Schmerz in die Pobacke ausstrahlte, bekam mein Gangstil (sagt man auch "gangstyle"?) etwas E.T.reskes. Wenig rund, sagen die Physios. Gut, das fiel jetzt nicht so auf, da viele Männer eh rumlaufen, als litten sie unter chronischer Hodentorsion, aber richtig fies wurde es beim Einsteigen ins Auto. Und da ich kein Fahrzeug besitze, mit dem man Ozeanriesen aufs Trockendock ziehen kann, war das gleichzeitige Kopfeinziehen, Rückenkrümmen und Beinnachheben ein nicht sonderlich galant wirkender Vorgang. Aber nun verstehe ich erstmals, warum es so viele Panzer-SUVs gibt: Alles Ischialgiker. Muss man sich Sorgen um den Gesundheitszustand der Mitmenschen machen?

 

31/1/21 ...VERZWEIFLUNG… Manche sagen, ich könne überall Politisches hineininterpretieren. Kann ich auch. Problemlos. Heute ist unser uralter schwarzer Kater von uns gegangen. Vermutlich ist er in der durch die Regenfälle reißend gewordene Ems ertrunken. Er wird nicht wiederkommen und ein anderer Kater auch nicht. Und was ist daran politisch? Würden Personen wie Trump, Bolsonaro, Erdogan oder Putin ertrinken, würden schon morgen die nächsten Menschenverachter aus den Wasserfluten steigen. Das sind Dinge, die mich verzweifeln lassen.

 

29/1/21 ...BEZIEHUNG… Ich erzählte heute einer Jugendlichen, dass ich früher zur Abklärung des aktuellen Beziehungsstatus (aaarg) die „Dame meines Herzens“ (so was von retro!) gefragt hätte, ob sie mit mir gehen wolle. Das machte man früher so, setzte ich nach, um klarzustellen, dass diese etwas duselige Frage nicht auf meinem Mist gewachsen sei. Das Mädel lachte sich über das „mit mir gehen“ scheckig. Wie man - frau auch - das denn heute machen würde, wollte ich wissen, leicht pikiert, ob des etwas herablassenden Belächelns. Man weiß das einfach, sagte die Jugendliche und zog dabei - Ahnungslosigkeit vortäuschend - die Schultern hoch. Ich war irritiert. Also entweder waren wir angesichts solcher Absicherungsfragen zu damaligen Zeiten entsetzlich durchbürokratisiert oder es läuft heute eine ganze Generation in einer - da ungeklärt - Beziehungslosigkeit durch die Gegend. Tempora mutantur – Die Zeiten sind eine Mutation!

 

28/1/21 ...SEKT MIT OUZO… Donnerstag ist mein Einkaufstag. Ich komme am Schnapsregal vorbei, da fällt mein Blick auf Blue Curaçao. Den gibt’s immer noch, denke ich und muss an eine lang zurückliegende Geschichte denken. So Anfang der Achtziger. Mein immer noch bester Freund Josi und ich waren damals in unserem Kreis der Erleuchteten bekannt als Partyveranstaltungsfachleute. Es gab mehrere unvergessliche Events u.a. in Amelsbüren, einem Vorort von Münster, der ja schon vom Namen her nach Partymeile klingt. Erste Regel: Stühle aus dem Raum entfernen; sitzen konnte man noch genug im Rentenalter. Wir dachten, wir bringen mal ein bisschen Kultur in die verstaubte Kommune und planten zur abendlichen Bewusstseinserweiterung neben den obligatorischen Bierkästentürmen eine Cocktailbar einzurichten. Als anerkannte Trendsetter mit allsamstaglicher Kneipenerfahrung hatten wir das irgendwo in Münster City aufgeschnappt. Einziger Haken: Keiner von uns hatte auch nur einen blassen Schimmer, wie und vor allem womit man Cocktails mixt. Gab ja noch keine Apps - DAMALS. Also kauften wir im nahen Supermarkt alles, was irgendwie unnatürlich, also nicht wie Bier aussah. Selbstredend war auch Blue Curaçao dabei – der Farbe wegen. In der Nachbar-WG-Küche stellte sich „Kleine Ingrid“ zur Verfügung, den großen Mischungs-Check vorzunehmen. Es ging morgens los, gegen Nachmittag hatte sie schlussendlich ein paar genießbare Mixturen ausgetüftelt, erlebte aber den Beginn der Party nicht mehr im vollen Bewusstsein. Den nächsten Tag sah man sie auch nicht. Übrigens gab es im früheren „Neuen Krug“ an der Weseler Straße für kurze Zeit als Bückware „Sekt mit Ouzo“. Das geht auf unser Konto! 

 

27/1/21 ...ALEXA... Musste neulich an die vielen Tausend bemitleidenswerten Frauen denken, die den gleichen Namen tragen wie die privat finanzierten Abhöranlagen des Ausbeutungsimperiums Amazon. Das ist doch namenstechnisch verbrannte Erde, oder was denkst du, Alexa? Heute stieß ich bei der Freizeitbeschäftigung für Narzissten "ich-google-meinen-eigenen-Namen" auf ARNOLD, wobei es sich um einen Drehverschlussöffner handelt. Ich meine: Hätten die mich nicht vorher wenigstens mal fragen müssen?

 

26/1/21 ...APFELSHAMPOO… Heute auf dem Heimweg plötzlich wilde Geruchserinnerungen: Eine Mischung aus Van Nelle Half Zware, Jasmintee, Whiskey (Billigsorte) Cola und M's Grünes Apfelshampoo. Ich schaute aufs Display meiner Musikanlage im Auto: "Talk To The Wind" von King Crimson - die Platte mit dem schrecklichen Gesicht auf dem Cover. Circa 1976. Frühes Telgte. Gibt's eigentlich noch Apfelshampoo?

 

22/1/21 ...ZEITUNG...In einer alten Korbtasche, die ich mal auf dem Flohmarkt erstanden habe, fand ich den Politikteil einer alten Zeitung von 1989. Das Papier ist schon ziemlich vergilbt und riecht etwas modrig. Ich überfliege die Überschriften und denke bei mir: Es hat sich in den letzten 30 Jahren kaum etwas geändert: Kriege, Umweltkatastrophen, Demonstration mit und ohne Gewalt, Polizeieinsätze mit und ohne Gewalt, Mord und Todschlag, Korruption und Politiker, die regieren, anstatt das Volk zu vertreten. Eigentlich  merkt man nur an dem eigenartigen Schriftbild, dass es sich um eine andere Zeit handelt; ähnlich wie auf früheren Fotos von mir mit Schlaghose.

Wir schreiben das Jahr 2049. Mein Körper hat so ein bisschen was von einer „Schleich“figur bekommen, aber der Geist ist noch wach. Meine Pflegerin, eine sehr nette junge Frau, zudem Klimaaktivistin, was sie mir hochgradig sympathisch macht, erinnert mich stets ein wenig an Sinéad O'Connor in jungen Jahren (was ihr aber nichts sagt). Sie hat mir eine Tageszeitung mitgebracht. Ich solle mehr Interesse am gesellschaftlichen und auch politischen Leben zeigen, meint sie und setzt mich in meinem schon verschlissenen Sessel in Position. Ich schiebe die Zeitung zur Seite und bitte sie, die untere Schublade an dem einzigen Schrank zu öffnen, den ich mit ins Pflegeheim nehmen durfte. Daraus zieht sie eine alte, vergilbte und etwas modrig riechende Tageszeitung heraus. „Die ist ja von 2019“, bemerkt sie erstaunt und schaut mich ratlos an. „Da war ich noch gar nicht auf der Welt!“ „Das war die letzte Zeitung, die ich gelesen habe“, erkläre ich ihr. Sie blättert langsam von hinten nach vorne (genauso, wie ich es früher immer gemacht habe). Ich höre sie murmeln: „Kriege, Umweltkatastrophen, Demonstrationen mit und ohne Gewalt, Polizeieinsätze mit und ohne Gewalt, Mord und Todschlag, Korruption und Politiker, die regieren, anstatt das Volk zu vertreten…Das ist ja alles wie heute!“ Sie schaut mich halb erstaunt, halb belustigt an. „Und wer ist dieser Trump?“, fragt sie mich und zeigt auf das Foto auf der ersten Seite. „Ein Idiot, der von Idioten gewählt wurde“, erwidere ich. Und dann nach einer Pause: „Sehen sie, und deswegen lese ich keine Zeitungen mehr. Es sind in den 90 Jahren meines Lebens ja alles nur Wiederholungen, nur die Trumps heißen heute anders. Das Schlimmste dabei ist, dass die Menschen daraus nichts lernen. Sonst müssten sie in ihrem Feierabend nicht noch Klimaaktivisten sein. … Und legen sie jetzt doch bitte wieder eine CD ein. Aber schön laut. Ich höre ja etwas schlecht.“ Sie schiebt eine CD in die Lade des Players, was sie immer „total oldschool“ nennt und dann höre ich sie beim Lesen des Covers noch vor sich hin sagen: „Death Metal! Was für eine Ironie des Schicksals!“

 

20/1/21 ... TEMPOLIMIT... Kürzlich ging es in der Tageszeitung meines Vertrauens wieder um Tempolimit. Ich bin völlig gegen Tempolimit! Bloß nicht! Wo sollen die ganzen chronisch untervögelten und triebgesteuerten Menschen nur hin mit ihrem Hormonstau? Bei jedem, der mich auf aggressive Weise überholt, denke ich immer: Verdammt, musst du ein beschissenes Liebesleben haben! Und dann ist da immer auch etwas Mitleid!

 

16/1/21...BRUSTWARZEN...Ich gestehe: Ich bin ein leidenschaftlicher Auf-dem-Klo-Leser.Bei meiner morgendlichen Nachrichtenrecherche stieß ich gestern auf die digitale Nachricht irgendeiner digitalen Gurkenzeitung, dass die Moderatorin eines Null- und Nietenfernsehsenders auf Twitter blankgezogen und sich nur im Badehöschen mit verschränkten Händen über den Brüsten gezeigt hätte. Vermutlich wäre ich über diese Info hinweggeflogen, was interessiert mich der Badeslip einer Drittklassemoderatorin, wäre da nicht der Zusatz: „Und dann entdeckte ein Fan etwas Verstecktes“. Blöd, wie man morgens manchmal ist, fiel ich auf diesen journalistischen Lockvogeltrick rein, und las nach unendlichem Klicken durch sinnentleerte Werbung die Auflösung des Rätsels: In einem fast schon präorgasmatischen Zustand hatte der Fan, natürlich männlichen Geschlechts, den Ansatz einer Brustwarze entdeckt, die natürlich eigentlich verborgen bleiben sollte. Seine mit Schnappatmung vorgebrachte Entdeckung wurde alsbald aber relativiert, da es sich bei dem Brustwarzenhofbraun auch um den Schatten eines Fingers handeln könne. Ich ließ mein Handy sinken und starrte eine Weile auf die vor mir liegende Hautcreme meiner Frau. Könnte es nicht vielleicht sein, dass solche Meldungen von der USA gesteuert sind, so wie früher von den Russen? Zur Ablenkung vom Weltgeschehen?

 

12/1/21 ... Intelligenz ... Bei meinen Spaziergängen in der Peripherie meines Wohnortes mache ich immer mal wieder Bekanntschaft mit zunächst eher unscheinbaren Phänomenen, die mich allerdings mehr als unscheinbar ins Grübeln bringen: Fein eingepackt in schwarzer Plastikfolie baumeln wahlweise in Sträuchern oder geschickt drapiert in Buchenhecken die Hinterlassenschaften des vierbeinigen Menschenfreundes, auch bekannt als Hund oder für den Hobbylateiner Canis lupus familiaris. Doch, doch: Ich bin ein großer Hundefreund und hatte selbst fast zwei Jahrzehnte einen stets schwanzwedelnden Mischling an meiner Seite. Aber wenn ich richtig informiert bin – man mag mich gerne korrigieren – gehören die plastinierten Stinkbeutel eigentlich in den Mülleiner und nicht in die Botanik! Richtig? Nun ja, und das sind die Momente, wo ich nachvollziehen kann, warum man ständig im Weltall oder aber in den Tiefen des digitalen Kosmos nach künstlicher Intelligenz sucht. Oder wie ich neulich einmal las: Würde Hirnlosigkeit vor Kopfschmerzen schützen, könnten die Aspirin-Produzenten ihre Läden schließen. 

 

Aus dem Archiv

7/10/17…TOTE UND HALBTOTE … Ich finde: Es sterben viel zu viele Rockmusiker. Jaki Liebezeit von Can, Chris Cornell von Soundgarden, Walter Becker von Steely Dan und - nicht zu vergessen - Daliah Lavi, um nur einige zu nennen. Daliah war zwar keine Rockerin, aber die erste erwachsene Frau, in die ich mich als kleiner Junge unsterblich verliebt habe. Damals, als sie in ihrer Rolle als Halbindianderin Paloma Nakama im Im Karl-May-Film Old Shatterhand mitspielte. Es kann aber auch sein, dass ich mich mit Marie Versini vertue. Als nun neulich Tom Petty endgültig den Stecker aus seiner Gitarre zog, dachte ich ganz still in mir drin: Warum können nicht mal Politiker sterben? So ein Trump, Erdogan oder al-Assad? Die Buddhisten sagen ja, man solle den Toten fröhliche, wertvolle Gedanken mitgeben. Vielleicht würde ich Trump den Witz von dem blödesten amerikanischen Präsidenten erzählen, da kurz vor dem fiktiven Flugzeugabsturz statt mit einem Fallschirm, mit dem Tornister eines kleinen Jungen abspringt. Dann hätte er auf dem Weg in die hoffentlich ewigen Jagdgründe noch was zu lachen.

 

20/3/14 … Über DAS Wichtige … Abends, wenn ich müde vom Geschäft in die Sofapolster sinke, werfe ich als notorischer Nichtfernsehgucker einen Blick in die Tageszeitung meines Vertrauens, um mich über den Zustand der Welt im Allgemeinen und meinen Wohnort im Speziellen zu informieren. Dabei stolpere ich immer wieder über die Rubrik „Menschen“ auf der letzten Seite, die in etwa so spannend daherkommt, wie ein Tatort mit - sagen wir - Reiner Calmund in der Hauptrolle. Und jedes Mal stelle ich mir die Frage: Wer zum Teufel – außer mir natürlich – liest diesen gequirlten Blödsinn? Ich gebe da mal ein aktuelles Beispiel. Katrin Sass, die ich zwar nicht kenne, aber offenbar eine bekannte Schauspielerin ist, möchte gerne ein Bett erfunden wissen, das blubbert. Wahnsinn, oder? Claudia Schiffer offenbart, wenn sie einen Wunsch offen hätte, würde sie gerne kochen können und Madeleine, von Beruf schwedische Prinzessin, schwärmt von Leonore, was offensichtlich ihre Tochter ist. Es gibt aber durchaus noch tiefer gelegtere Meldungen. Ich meine gelesen zu haben, dass Brad Pitt schon mal gerne Döner isst und Heidi Klumm keine buntgemalten Ostereier in welchen Strauch auch immer hängt. Hier kann ich mich aber auch irren, es mag sich bei dieser sensationellen Auskunft auch um Harald Glööckler, also den mit dem aufgeklebten Bart handeln. Lebt der eigentlich noch? Die Welt ist ja so schnelllebig. Während ich dies schreibe, kann es durchaus sein, dass Jennifer Lopez soeben zum Besten gab, dass sie schon wieder zugenommen hat und das Ehepaar Geissen Ärger mit einem Häusermakler hatte. Um es zusammenfassen: Es sind alles ungemein wichtige und überlebenswichtige Informationen. Was kümmert mich die Krim oder der nächste Nahrungsmittelskandal: viel interessanter ist doch, dass David Beckham demnächst ins Dschungelcamp zieht. Es mag sich aber auch nur um ein Gerücht handeln.

 

 

 

 

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