FARASAN TELGTE - Gemeinschaft für hedonische Lebensweise
FARASAN TELGTE - Gemeinschaft für hedonische Lebensweise

WIR

Lebensphilosophie

 

Man könnte den Eindruck gewinnen, WIR – Marion und ich – verfügten über eine gehörige Portion Größenwahn, wenn wir auf unserer Internetseite unsere lebensphilosophischen Ergüsse kundtun und diese obendrein als etwas Besonderes und damit Hervorhebenswertes deklarieren. Genau das ist richtig; Größenwahn, allerdings in unpathologischen Einheiten gehört sicherlich zu unserem mentalen Handwerkszeug, allerdings käme man ohne solchen über alltagsübliche Minimalismen nicht hinaus.

 

Wir kommen aus sehr unterschiedlichen Sozialisationen, aber die zunächst getrennt voneinander verlaufenden Wege haben sich zu einer weitab vom Mainstream verlaufenden Spur zusammengefunden. So wichtig auch unsere Ursprünge waren, so essentiell wurde mit der Zeit das Befassen mit neuen oder wiederaufgefrischten philosophischen, politischen oder künstlerischen Strukturen. Neben den Notwendigkeiten des Alltags ist das Beschäftigen mit solchen Inhalten für uns die übergeordnete Instanz. So schön es ist, wenn der Abwasch gemacht und der Teppich gesaugt wird, so erscheint es uns genauso erstrebenswert, einen vibrierenden Draht zwischen uns und der Welt herzustellen. Wer schon mal an einem Fluss sitzend bei Rotwein oder von mir aus auch Kamillentee über die Zeit nachgedacht, am Feuer über den Anarchismus oder Simone de Beauvoir philosophiert oder im Cafe seines Vertrauens das nächste Störprojekt geplant hat, weiß wovon ich spreche. Gibt es etwas Erfüllenderes, als wenn bei der täglichen Zeitungslektüre oder auch beim Essenkochen die Frage in den Raum gestellt wird, ob man genau wüsste, was Postmaterialismus ist oder ob man schon mal etwas von Ivan Illich gelesen habe? Ohne dabei zu intellektuell verhuschten Langeweilern zu werden, führten diese Gespräche, Diskussion und Verschriftlichungen mit den Jahren immer mehr zu einer Art konvivialistischen Liebebeziehung. Was so kompliziert klingt, ist im Grunde ganz einfach: Wir versuchen unser gemeinsames Sein immer mehr von reglementierten, gesellschaftlich erwünschten oder machtgetrübten Aspekten und Prozessen zu befreien. Das bezieht sich auf unser allgemeines, liebevolles und erotisches Miteinander als Mann und Frau genauso wie auch auf unsere gesellschaftliche Wirksamkeit, unser politisches Handeln oder berufliche Tätigkeiten. Wir sehen unser Zusammenleben nicht als notwendiges Übel gegen das Alleinsein, sondern als immer wieder neu zu gestaltendes Kunst- und Lebensprojekt. Es bedarf unserer Meinung nach einer radikalen Umgestaltung der gesellschaftlichen Institutionen und wir glauben/meinen/sind überzeugt, als kreative Keimzelle diesen Gedanken durch unsere gelebte Philosophie mit voranzutreiben.

 

Visionen

 

Unsere Seitentür an der Herrenstraße zu Telgte zierte lange Zeit (inzwischen steht es im Fenster) ein Schild mit der Aufschrift: Heute schon Visionen gehabt? Eine Idee, die nach einem langen Rotweinabend und der dazugehörenden Diskussion über eben dieses Thema entstand. Manche, die diesen Satz lasen, rümpften die Nase und wieder anderen konnte man an selbiger ablesen, dass sie den Sinn nicht verstanden. Für einen echten Realitätsorgasmatiker ist ein solches Schild die reinste Provokation, denn er setzt Vision gerne mit Fantasterei oder Traumtänzerei gleich und das ist in seinen Augen vergeudete Zeit und dummes Zeug. Wo kommen wir hin, wenn alle nur Visionen hätten?

Bald sind wieder Wahlen und eigentlich sind ja immer irgendwie und irgendwo Wahlen (vor allem in den Köpfen der Politiker). Allerorts prangen Plakate von den Lichtmasten und manche gigantischen Plakatflächen erschlagen einen förmlich mit ihrer Art, Raum einzunehmen. Und mich schauerts und gruselt es, wenn ich zwangsläufig an diesen visuellen Kakophonien aus Einfallslosigkeit, Inhaltsleere und Angepasstheit vorbeifahren muss. Irgendwie möchte man zum Verrecken nicht, dass diese Grinsemänner und Lächelfrauen mich regieren, zumal ich es überhaupt nicht mag, dass mich jemand regiert. Sicherlich, sie wollen mich nur vertreten und ihr Ansinnen, für die Gesellschaft aktiv zu werden (allerdings aus zum Teil zweifelhaften Beweggründen) ist durchaus löblich. Doch  entdecke ich nicht ein Fünkchen an lebendiger Utopie, an humanistischer Vielfältigkeit, an sprudelndem Anything goes in ihren Köpfen. Stattdessen und hier meine ich nicht nur die Politik, sorgen “bürokratische Komplexe mit eigenen Informationsrezeptoren, Datenverarbeitungszentren, Entscheidungsregeln, Kommunikationsnetzen, Speicher- und Auswertungssystemen” (John Raser) dafür, dass menschliche Leidenschaft irrelevant wird. Im Vordergrund steht allerorts ein angepasstes Betonspurdenken, ein Regelwerk, das Möglichkeiten zu Unmöglichkeiten degradiert, dass visionäres Denken im Keim erstickt und Bürokratie zum Lebensleitsystem erklärt.  Die meisten Parteien in den örtlichen Parlamenten besitzen das visionelle Vermögen einer Nacktschnecke in der Dezembersonne. Ich vermute, sie sind dabei ziemlich stolz auf sich, weil sie der unausrottbaren Meinung sind, Gralshüter der Vernünftigkeit und einer wie auch immer gearteten Leitkultur (oder war es die Gleitkultur?) zu sein. Leute, die selbst in sich erstarrt, sinnentleert und enterotisiert wie Figuren einer Geisterbahn sind. Und apropos Erotik: Herbert Marcuse (ich weiß, der war böse!) vertrat die Meinung, der Keim zur – wie ich finde – schon lange notwendigen Revolution liege in der Emanzipation der Sinne. Er spricht von einer Gesellschaft, in der die Erotik sein ganzes Dasein durchdringt und seine Beziehung zur Natur und zu seinen Mitmenschen erfüllt. Erotik sei der Schlüssel zum Denken. Ein Großteil unserer Vordenker, Bestimmer und Verwalter handelt so, als sei ihr Leben eine einziger Prozess der Verdrängung und Unterdrückung von erotischer Energie. Nur zur Erklärung: Mit Erotik ist nicht das gemeint, was Papa hinter der Brockhaussammlung versteckt, sondern das Gesamt der sinnlich-geistigen Ergüsse. Wie sollen da Visionen entstehen?

 

Zurück zum Schild. Natürlich ist es zunächst als eine fröhlich-freie Aufforderung zum Philosophieren gedacht, aber wer so etwas veröffentlicht, muss sich natürlich selbst fragen lassen, wie es denn so im eigenen Alltag mit den Visionen aussieht. Große Klappe und nix dahinter? Unser Haus ist bis unters Dach mit Visionen vollgepackt. Auf Spickzetteln oder Abrissen stehen Notizen, Gedanken oder Träume, die bei passender Gelegenheit in die Umlaufbahn gebracht werden. Viele Ideen wurden bereits auf unterschiedliche Weise wie z.B. in Events, Bildern oder Literatur umgesetzt. Unsere Farasan-Seite ist Teil unserer Vision eines gesellschaftskritischen Diskurses. Aber unsere Hauptvision, ein Leben nach unseren hedonischen Vorstellungen zu führen (Kurzversion: Liebe, Lust und Leidenschaft), ist längst Teil einer spannenden Realität geworden. Darf man es dann noch Vision nennen? Darf man, denn mehrfach die Woche verlassen wir die Realität mit unserem Visionomobil und begeben uns auf Traumpfade, echte wie imaginierte.

 

Neulich nannte uns jemand Spinner! Es erfüllte uns mit Stolz und wir dachten: Wir sind auf dem richtigen Weg!

 

 

Projekt HEDONIA

 

Projekt HEDONIA ist eine Vision, die mir schon in jungen Jahren vorschwebte, Jahrzehnte reifen musste und nun danach drängt, aus dem Verlies der ungelebten Gedanken befreit zu werden. HEDONIA ist die Idee von einer anderen Gesellschaftsform und einem anderen politischen Denken und Handeln. Es gibt nur weit umschriebene Regeln, deren Vorhandensein und Einhaltung keiner komplizierten Statuten bedarf. Diese Regeln beziehen sich auf banale Aspekte menschlichen Zusammenlebens: Freiheit, Toleranz, Gewaltlosigkeit, Gleichheit und Abwesenheit von Obrigkeit und Hierarchie.

Projekt HEDONIA ist nicht neu; es basiert auf den historisch gewachsenen Erfahrungen einer libertären Gesellschaft und einer außerparlamentarischen Opposition, nutzt dabei allerdings die Möglichkeiten und Erfahrungen der Jetztzeit und versucht aus den negativen Verläufen der Vergangenheit zu lernen. Projekt HEDONIA hat nicht den Anspruch, der Wahrheit letzter Schluss zu sein, es ist eher der ernsthafte Versuch, sich frei von Institutionen, ideologischen Überbauten oder hierarchischen Strukturen zu machen. Den Eintritt nach HEDONIA erwirbt man auch nicht per Mitgliedschaft, sondern per Überzeugung, Wille zur Veränderung und im klassischen Sinn humanistischer Denkweise. Natürlich existieren bereits ähnliche Strömungen und sogar Lebensweisen. Die Enttäuschung über die schleichende Wandlung von einem demokratischen Urgedanken in eine parteipolitische Oligarchie, sowie die Sehnsucht vieler Menschen nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit hat gerade in letzter Zeit viele dazu veranlasst, sich von bisherigen autoritären Strukturen zu lösen und sich als vom Staat losgelöstes Individuum zu sehen.

Projekt HEDONIA möchte ein Bindeglied sein, um eine Verknüpfung ähnlich denkender Menschen voranzutreiben. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieses Konzept vollends durchsetzen lässt; dazu ist der überwiegende! Teil der Menschen – noch – nicht in der Lage: Die Angst vor der Freiheit und das heißt auch die Angst vor eigenständigem Denken ist zu ausgeprägt. Diese Angst ist von der bisherigen politischen Struktur gewünscht und wird entsprechend gepflegt. Daher sind Zirkel und Gruppen gefragt, dieses Prinzip in einer bürgernahen und somit zugänglichen Art zu leben bzw. vorzuleben. Man kann es somit als eine außerparlamentarische Parallelgesellschaft bezeichnen.

 Projekt HEDONIA zeichnet sich durch folgende Gedanken aus:

  • es besitzt keinen Allgemeingültigkeitsanspruch, sondern setzt auf Kooperation mit ähnlich denkenden\fühlenden Strömungen
  • es ist nicht ideologisch oder philosophisch verkopft. Es existiert kein Dogma, sondern verschiedene Richtungen, die dieses libertäre Prinzip unterstützen, existieren nebeneinander.
  • Es besitzt eine möglichst hohe Verständlichkeit und Alltagstauglichkeit; es handelt sich um einfache und eingängige Überlegungen.
  • der Mensch wird als Individuum verstanden, das selbständig denken kann und somit keinerlei Führung bedarf. Dies erfordert einen bestimmten Grad an Reife und Reflexionsvermögen.
  • es besteht absolute Gleichberechtigung, d.h. es gibt keine Unterscheidungen nach Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Ausrichtung, Schulbildung, Einkommen etc.
  • Grenzen werden aufgebrochen: Ein Mensch, der sich HEDONIA zugehörig fühlt,  versteht sich als Weltenbürger.
  • Parteien sind überflüssig. Räte und Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit der Sache, nicht mit sich selbst. Es geht um das Erreichen von optimalen Lösungen, daher sollten sich diese Gruppierungen aus Personen zusammensetzen, die mit der zu bearbeitenden Aufgabe vertraut sind. Geht es z.B. um schulische Themen, sollten Lehrer, Schüler, Eltern, Pädagogen, Schulmediziner und Psychologen einem solchen Rat angehören.
  • Eine Religionszugehörigkeit ist als spirituelle Praxis zu begrüßen, als Dogma oder Machtapparat abzulehnen.
  • Projekt HEDONIA ist gewaltfrei. Erwünscht ist dagegen gewaltloser Widerstand, Provokation und Protest.

Es gibt z.Z viele Bestrebungen, die diesen oder einen ähnlichen libertären Gedanken verfolgen. Das Prinzip wird sowohl in Kleinstgruppen (z.T. ohne sich dessen bewusst zu sein), als auch in eigens dazu gegründeten Organisationen oder losen Zirkeln gelebt.

Ziel der kleinen und großen Aktionen ist eine humanere Welt, unabhängig von jeglichen reglementierenden Strukturen. Diskussionen stellen eine Grundlage da, die sich aber möglichst bald in konkretes Handeln umkehren sollten. Solche Handlungen können z.B. sein

  • Eine bewusste Lebensführung; hier gibt es keine Vorgaben, sondern ein solches allgemeines Verhalten sollte sich an einfachsten ethischen Grundlagen ausrichten = gewaltfrei, hierarchiefrei, umweltbewusst
  • Kunst- und Kulturaktionen, vor allem an ungewöhnlichen Orten, um Kultur aus einem elitärem Überbau zu befreien
  • Happenings mit z.B. gesellschaftskritischem Inhalt
  • Bildung von hierarchiefreien Zirkeln, sowie Gründung von selbstbestimmten Produktionsstätten, Büros etc.
  • Veröffentlichungen in der Presse, sowie eigene Publikationen
  • Einmischen in öffentliche Belange z.B. Teilnahme an Ratssitzungen. Einmischen darf auch Stören bedeuten!
  • Aufdecken von Missständen in Politik, Wirtschaft und anderen öffentlichen Bereichen durch gezielte Aktionen
  • Offenlegen von komplizierten und verdeckten politischen Prozessen
  • Ausstellungen zum Thema libertäre Gesellschaft
  • Errichtung von Visionotheken = realer Raum, in dem Ideen/Visionen gesammelt und für jeden zugänglich einsehbar sind
  • Vernetzung über Internetforen/Nutzen der sozialen Netzwerke

Die Idee einer außerparlamentarischen Parallelgesellschaft sollte bedeuten, sich als einzelner von dem bestehenden politische System eines Tages freimachen zu können. Man kann die existierende Bürokratie nutzen, sollte sich aber selbst nicht ausnutzen lassen. Dies kann auch der Boykott von bestimmten behördlichen Aktionen sein (Volkszählung, GEZ). Je mehr Menschen Widerstand zeigen und nicht mehr bereit sind, die gängige, z.T. von jeglichem Humanismus befreite Politik mitzutragen, desto eher wird diese Stimmung gehört. Politik ist Freiheit, nicht Einengung.

Projekt Hedonia ist nur ein Arbeitsbegriff. Das Kunstwort „Hedonia“ spielt durchaus auf hedonistische Gedanken eines lustvollen, gelebten und lebendigen Lebens an (z.B. nach Epikur). Es geht dabei selbstverständlich nicht um eine Bereicherung des einzelnen auf Kosten anderer, sondern im Vordergrund steht immer das Wohl ALLER!

Vom Sosein & Anderssein

 

Was für eine Dramaturgie des Lebens: da finden sich zwei Menschen – Mann und Frau – und entdecken mehr und mehr, dass sie für einander bestimmt sind, dass die Welt für ihre Liebe langsam zu klein wird und dass dass das Wort Liebe nicht allein das zum Ausdruck bringt, was die beiden fühlen. Gut, werden die Lebenspragmatiker sagen, typischer Romantiksingsang von  Frischverliebten. Das gibt sich. Diese Frau und dieser Mann, das sind natürlich wir und: es gibt oder gab  sich glücklicherweise nicht. Das Verliebtsein und Für-einander-Bestimmtsein hat an Intensität und Leidenschaft keinen Deut nachgelassen, auch nicht nach über 10 Jahren. Das ist schon mal die erste Ungewöhnlichkeit unserer Vitae. Viele Paare, die ich erlebe, wirken eher wie Solidaritätsgemeinschaften oder GmbH’s. Unser Wir wurde mit den Jahren zu einem Mehr als nur Du und Ich. Manchmal haben wir das Gefühl, es ist für viele nicht nachvollziehbar, vielleicht sogar unerträglich, dass wir unsere Zweisamkeit so in den Mittelpunkt stellen. Sogar auf unserem Auto steht es Schwarz auf Rot: FARASAN – Liebe, Lust und Leidenschaft. Sind wir Exzentriker, Romantiker oder schlichtweg Verrückte?

 

Doch das Drehbuch zu unserem Liebeslebenfilm hat noch eine zweite storyline parat. Wir saßen in dem traumhaften Cafe Carpe Diem auf der kroatischen Insel Hvar: unser zweiter gemeinsamer Urlaub. Es war ein knisternder Moment bei Rotwein und lasziver Sommeratmosphäre, als wir den Grundriss einer Vision entwarfen. Wie wäre es möglich, unsere Lebensgrundpfeiler Liebe, Lust und Leidenschaft auf das komplette und somit auch gesellschaftliche Leben, sowie politische Prozesse zu übertragen. So entstand der Begriff des hedonischen Lebens, dem natürlich der Hedonismus im Sinne eines Epikurs zu Grunde liegt oder besser gesagt mithineingedacht wurde. Doch wie sieht tatsächlich eine Gesellschaftsform aus, die auf menschlichsten Bedürfnissen und Gefühlen basieren soll? Ein solches Zusammenleben ist auf jeden Fall individualanarchistisch, antikapitalistisch, sozial, empathisch, visionär und kreativ. Punktum: es wird sich in Deutschland und sonst wo kaum durchsetzen lassen. Und weil das die Leute spüren, belächeln sie uns, gehen auf Abstand und titulieren uns eben als Spinner. Eine solche Kategorisierung ist einfacher, als sich Gedanken über gesellschaftliche Veränderungen zu machen oder gar Veränderungen in Erwägung zu ziehen. Anderssein ist verdächtig, unerwünscht und anstrengend. Sosein ist unkompliziert, man muss sich nicht ständig erklären und irgendwer anders wird das Elend der Welt schon richten. Wer’s glaubt, möge selig werden. Allerdings meinen wir, dass man auch Verantwortung für das trägt, was man nicht tut und so pflegen wir lieber unser Image als Querdenker, ecken an, wo andere bemüht sind, abzurunden und schwimmen gegen den Strom, wo Verbotsschilder davor warnen. Ein Leben als Wildpferde, die nicht domestiziert werden wollen.

Jadonische Liebe

 

Ode an Jamia

 

Der Prophet Khalil Gibran schreibt:

“Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst. Liebe besitzet nicht, noch lässt sie sich besitzen; denn die Liebe genügt der Liebe.”

(Übrigens unser Hochzeitsspruch).

 

Oder wie wäre es mit Hafis:

In welcher Sprache ich auch schriebe,
Persisch und türkisch gilt mir gleich.
Ein Himmel wölbt sich über jedem Reich,
Und Liebe reimt sich überall auf Liebe.

 

Als bekennende Romantiker verehren wir diese blumenreiche Sprache, mit der die Liebe auf Händen getragen wird. Das Bild “Ode an Jamia” basiert auf eins dieser Hafis-Sprüche.

 

Das Philosophieren über die Liebe ist eine Faszination. Kaum ein Gefühl ist dermaßen fazettenreich, wie dieses kostbare Lebenselexier. Es schillert in allen Farben. Doch läuft man beim Philosophieren schnell Gefahr, die Liebe zu entmystifizieren. Füllt man sie in ein wissenschaftliches Reagenzglas, wird sie schnell zu einem Relativum. “Es geht hier um den Austausch von Körperflüssigkeiten” rappen die Fantastischen Vier und bringen dich auf den biochemischen Boden der Tatsachen zurück. Nietzsche dagegen stellt fest, dass Liebe und Habsucht erschreckend gleich sind, womit er immerhin in vielen Liebesbeziehungen den Kern trifft. Manche Menschen haben das Lieben verlernt; sie sind enttäuscht von der Liebe; sie sprechen von Liebe, wenn sie Sicherheit meinen; sie lieben sich oberflächlich; sie verwechseln Liebe mit Sex; sie lieben die Statussymbole, den Titel oder das Geld des anderen. Und immer wieder suchen Menschen Ausreden, ihre vermeintliche Liebe schön zu reden (z.B. “in jeder Ehe wird gestritten”) denn längst ist die Liebe zur Beziehung geworden. Doch die hat man auch zu seinem Bankberater.

 

Seit 2004 leben wir eine Liebe voller Leidenschaft. Wir lieben das Leben und leben die Liebe. Wir kennen weder Streit, noch Missgunst, weder Geschlechterkampf, noch Rechthaberei. Wir versuchen jeden Moment, uns liebevoll zu begegnen. Wir lenken nicht den Lauf der Liebe, sondern werden durch sie gelenkt. Am Anfang meinten die anderen, das sei halt so bei Frischverliebten. Später, als wir noch eine Fernbeziehung lebten, galt unsere Liebe als ein Gefühl des gegenseitigen Vermissens: das wird sich später legen! Bei unserer Hochzeit prophezeite man, eines Tages wird alles anders. Inzwischen hat man aufgegeben. Unsere Liebe trägt immer noch keinen ballonseidenen Trainingsanzug, sondern ist in einen Festanzug gehüllt.

 

Nach philosophischen Kamingesprächen an mehreren Abenden haben wir uns überlegt, was unserer Meinung und Erfahrung nach wichtige Elemente für eine bzw. unsere tiefe Liebe sind. Diese stellen die verschiedenen “Planeten” in der von uns gemeinsam gestalteten Skulptur “Liebesplaneten” dar:

Toleranz:
den anderen in seiner Persönlichkeit mit all seinen Stärken und Schwächen akzeptieren.

Vertrauen:
dem anderen bedingungslos und in jeder Lebenslage vertrauen.

Achtsamkeit:
den anderen und seine Bedürfnisse wahr- und ernst nehmen.

Achtung:
den anderen in seinem Geschlecht und Wesen, sowie in seinen Standpunkten achten.

Kritikfähigkeit:
mit dem anderen über Meinungsverschiedenheit auf einer wohlwollenden Basis diskutieren, ohne den anderen zu verletzen.

Leidenschaft:
die Lust des anderen wahrnehmen und die eigene Lust leidenschaftlich leben. Leidenschaft sollte keine Belohnung sein, sondern ein Geschenk.

Treue:
dem anderen in Gedanken und Worten treu sein, ohne sich unterdrückt zu fühlen.

Humor
mit dem anderen lachen können, auch über sich selbst.

Entfaltung:
dem anderen die Chance geben, sich weiterzuentwickeln, seine Persönlichkeit zu entfalten und dadurch entstehende Veränderungen annehmen.

Geborgenheit:
dem anderen ein ehrliches Gefühl von Wärme und Zuhause schenken.

 

Wir sind unsere eigenen Vorbilder, aber unsere große Verehrung gilt Andre und Dorine Gorz (“Brief an D. – Geschichte einer Liebe”).  Folgende Sätze sind uns in Erinnerung geblieben und bedeuten auch gleichsam eine Art Maxime für unsere Liebe: “Mit Dir habe ich begriffen, dass die Lust nicht etwas ist, was man nimmt oder gibt. Es ist eine Weise, sich hinzugeben und die Hingabe des anderen herbeizurufen. Wir haben uns ganz und gar einander hingeben.”

Und: “Wenn Du Dich mit jemandem fürs Leben verbindest, dann legt ihr eure Leben zusammen und unterlasst alles, was eure Verbindung entzweit oder ihr zuwiderläuft. Die Herstellung eurer Gemeinsamkeit ist euer gemeinsames Projekt, und ihr werdet es je nach den wechselnden Situationen immer wieder von neuem bestätigen, anpassen, neu ausrichten. Wir werden das sein, was wir zusammen tun werden.”

Die sinnliche Lust

 

Es ist ein merkwürdiger Begriff, die Lust! Ein zauseliges Konstrukt, einerseits verpönt, andererseits bereichern sich skrupellos zahlreiche Industriezweige an ihr. Die Lust, käufliche Dirne der menschlichen Leidenschaft. Lust is just a four letter word, doch es ist ein Wort, dass viele Bedeutungen hat. Wie schon oft von mir bemäkelt, gibt sich das prüde Deutsch eher einfallslos bei einer Differenzierung der Lustbarkeiten, existieren doch flüchtige, lodernde, brennende, flackernde, prasselnde und gar vernichtende Lüste. Wir missbrauchen die Lust, wenn wir davon sprechen, Lust auf Bratwurst zu haben, oder uns die Werbung „Lust auf mehr“ suggeriert. Wir missbrauchen diesen Begriff aber auch, wenn er nur noch auf Einblicke in Gebährmuttertiefe minimiert wird. Und ein letztes Aufbäumen in der Solokabine des Sexshops deiner Wahl und die Lust verspritzt all ihr Potential ins beiliegende Kosmetiktuch. Doch was hier einsam betrieben wurde, ist nicht Lust, sondern Begierde, wenn nicht gar Drangsal! Die Lust steht zwar der Begierde nicht viel nach, doch ehe man sich versieht, mutiert sie zur Not. Und verliert dabei ihr wunderschönes Gesicht. 

 

Doch verlassen wir die unlustvolle Grauzone und wenden uns der sinnlichen Lust zu. Die Lust ist eine wunderbare Lebenskunst. Sie zu beherrschen, anstatt von ihr beherrscht zu werden, beflügelt das Leben und verbindet man sie gar noch mit Liebe, wird sie zum Lebenselexier. Gut gebrüllt, Lustmensch, doch wie lebt man sinnliche Lust, wenn doch an jeder Ecke graue Lustverderber darauf warten, dir den Genuss gehörig zu versalzen? So die Kirchenfürsten und –vasallen, verhärmt vor Entsagung, die von Teufelswerk sabbeln und dir vorgaukeln, Lust sein viehisch und des Menschen nicht würdig. Doch kann es nicht sein, dass man was gottgegeben ist, gleichzeitig verbietet! Oder die von Liebe und Leben enttäuschten, die ihren Frust auf dich projizieren und dir deine Lust als flüchtiges Etwas madig machen wollen. Oder die Pflichtbewussten und Lebensernsten, die nicht müde werden, die Spaßgesellschaft anzuprangern und Lust als egoistische Lebenseinstellung kasteien. Eine düstere Meute, für die Lust eine krankhafte Seuche ist, die aber häufig selbst aufs grausamste von ihr gequält werden. Die Krankheit des Lustmolchs, der sich im Versteckten seiner Gier entledigt, aber in seiner frömmlerischen CDU-Vereinigung heftigst gegen die Eröffnung des Bordells im Gewerbegebiet plädiert. Dass er später dort Stammgast wird, steht auf einem anderen Blatt! 

 

Die allein gelebte Lust ist oft die Türöffnerin für triebgestaute Abhängigkeit: die Lust wird zur Knechtschaft. Doch lebt man sie in offener und ehrlicher Partnerschaft oder noch besser: in Liebe, und wiedersetzt man sich obendrein dem Geschwafel der oftmals deprivierten Lustverächter, so ist es, als würde dein Leben tagtäglich in rotes Geschenkpapier verpackt. Es gibt viele Wege, die Lustkultur zu pflegen. Man muss es hier nicht im Detail und nach Spielarten katalogisieren. Im Grunde weiß jeder, was dem lustvollen Spüren Nahrung gibt. Alles ist erlaubt, solange es beiden gefällt. Und das bedeutet: über die Lust zu reden und seine Wünsche zu offenbaren, anstatt sie schmachtend bei Lust.de zu kompensieren. Lust ist nicht die Vollendung durch Sex, Lust ist die genussvolle Hinführung. Dafür muss man sich nicht kamasutrisch verbiegen, sondern die Kunst liegt in der liebevollen, kreativen und leidenschaftlichen Gestaltung. Mal ist es – um es einmal mit den Worten der Kunst auszudrücken – ein klassisches Gemälde mit klaren Formen, mal Surrealismus oder experimenteller Dadaismus. Mal ist die Lust gesäuselt wie ein Windhauch, mal heftig und intensiv wie ein Orkan. Mache die Liebe, Lust und Leidenschaft zu deinem Kompass. Liebe das Leben und lebe die Liebe: genuss- und lustvoll. 

 

Wie wenig Lust genügt den meisten, um das Leben gut zu finden, wie bescheiden ist der Mensch!
(Friedrich Nietzsche)

fernsehfrei

 

Leben ohne Fernsehen – einen Moment denkt man vielleicht an den Film “Der einzige Zeuge” und das darin dargestellte, etwas verschrobene Leben der Amish-People. So richtig will diese mediale Verweigerung nicht in das 20. Jahrhundert passen, in dem das Fernsehen kaum mehr wegzudenken ist. Es bestimmt das Freizeitverhalten von Millionen von Menschen,  beherrscht Interaktion und Kommunikation, es beeinflusst unseren Informationsbedarf – positiv wie negativ- und bei vielen Menschen ist es inzwischen zu einem sozialen, moralischen und psychologischen Kodex geworden: Was man im Fernsehen gesehen hat, entspricht der Wahrheit und Realität.

Doch viele Menschen haben dem Fernsehen und ähnlichen Medien inzwischen den Rücken gekehrt. Die Gründe sind sehr individuell und doch sehr ähnlich, denn zumeist steckt hinter der Absage an TV & Co das Bedürfnis oder die Einsicht, seine freie Zeit sinnvoller zu gestalten, als lediglich zu konsumieren oder aber – wie es auch unserer Einstellung entspricht – selbst zu leben, als sich etwas vorleben zu lassen. Auf FARASAN möchten wir die vielen Aspekte des fernsehfreien Lebens zusammenführen. Dabei geht es nicht darum, das Fernsehen völlig abzulehnen, sondern vielmehr darum, einen bewussten Umgang zu fördern.

Das Fernsehen … konkurriert mit den billigsten Boulevardmedien um die niedrigsten Instinkte der dümmsten Bevölkerungsteile. (Zeit, Juli 2010)

 

Wir schreiben das Jahr 2004. Eine üble Bronchitis veranlasst meinen Hausarzt, mich für einige Zeit aus dem beruflichen Verkehr zu ziehen. Die Zeitungen sind gelesen, die interessanten Bücher auch, also mache ich etwas, was man meiner Meinung nach nur in der geistigen Umnebelung einer Erkrankung tuen kann: Ich schalte MITTAGS den Fernseher an. Es war ein einschneidendes Erlebnis! Beim Zappen bleibe ich an einer Sendung kleben, bei der sich lebendige Menschen angeifern. Sie sagt so etwas wie, dass er stinken würde, während er ihr vorwirft, eine Schlampe zu sein. So in etwa lässt sich die Wortgewaltigkeit dieser Mutanten zusammenfassen. Viel mehr Inhalt wird es auch in der nächsten halben Stunde nicht geben. Eine Moderatorin gebietet zwar Einhalt, aber das johlende Saalpublikum fordert mehr: Jede sprachliche Entgleisung beantwortet es mit Szenenapplaus oder aber mit Buh-Rufen. Ich bin nicht sonderlich erfahren in Fernsehgucken und bin daher irritiert, sogar schockiert: ist das Comedy oder echt? Später werden mir professionelle Vielseher erklären, dass die beteiligten Personen ja alle nur so tuen als ob, was sich “gecastet” nennt. Doch wie auch immer, ich frage mich nur eins: Wie brizzelig im Kopf muss man sein, um so etwas noch im Besitz seiner geistigen Kräfte anzuschauen? (Daran mitzuwirken ist noch eine andere Sache!) Wie niveaulos und kulturell verarmt muss ein Großteil des deutschen Volkes sein, um sich auf so etwas einzulassen? Wie sehr ist unsere Gesellschaft abgestumpft, dass sie, anstatt mit allen Sinnen zu leben, sich mit einem ekelhaften Lebenssurrogat abspeisen lässt. Ich finde das krank!

 

Später erfahre ich, dass meine Erlebnisse mit dem Trivialfernsehen nur harmloser Natur waren. Es geht noch schlimmer! Inzwischen gibt es bzw. gab es Trash-Offensiven wie z.B. von RTL2, bei dem sich übergewichtige Teenager durch den Dschungel beißen müssen. Und Tausende sitzen vor diesem Menschenzoo und amüsieren sich zu Tode. Millionen schauen DSDS, eine grottenschlecht gemachte Show, bei dem ein untalentierter, geschmackloser und unsympathischer Dieter Bohlen untalentierte Menschen zur Sau macht. Public Mobbing der übelsten Art und wieder freuen sich alle über dieses Zur-Schau-Stellen von Verlierern.  Aber es bringt Geld und da geht die Fernsehindustrie über Leichen. (Apropos Leichen: Es gibt die Überlegung, die Autopsie Michael Jackson´s nachzustellen. Das toppt sicherlich alle Einschaltquoten und natürlich finden es alle – anschließend – pervers!). Sogar Gottschalk, der nicht unbedingt für hohes Fernsehniveau steht, lässt in einer Illustrierten verkünden: “Ich klage natürlich als Vater inzwischen auch aus pädagogischen Gründen dagegen, wie man junge Leute mit Schrott einseift, denen man gefakten Unsinn als Reality verkauft.”

 

Fernsehen ist heute eine vom Volk bezahlte Verblödung der Menschen. Und als leider immer noch ehrlicher Gebührenzahler -muss ich zu meiner großen Schande gestehen – finanziere ich so die grassierende Entniveauisierung der Fernsehkultur mit. Warum gibt es eigentlich zur besten Sendezeit statt Jodelmusik mit Silbereisen und Hinterseer nicht Rockmusik mit Metallica oder Porcupine Tree? Warum werden statt amerikanischer Streifen für Frühdebile nicht anspruchsvolle Literaturverfilmungen gezeigt? Warum gibt es keine Literaturbesprechungen zur besten Sendezeit im ARD? Warum … ich weiß, ich weiß: weil es keiner sehen will! Weil das Leben so grausam und langweilig ist, dass man lieber Heimatmelodie oder Gute Zeiten, Schlechte Zeiten guckt. Man lässt sich soapmäßig einseifen und denktechnisch einlullen. Millionen von Menschen sitzen so – abend für abend – wie hypnotisierte Kaninchen vor der Glotze und merken nichts mehr!

 

Wir schreiben das Jahr 2006! Wir steigen aus! Wir – meine Frau und ich – haben das Gefühl, mit Fernsehen den Verstand und die schönen Sinne zu versaubeuteln und obendrein die wertvolle Zeit zu vergeuden. Außerdem sind wir nicht mehr bereit, das System Fernsehen mit seinem Werbungsbombardement und seinen Verdummungsstrategien zu unterstützen. Wir stoßen dabei nicht nur auf Sympathie. Die zahlreichen am Lebenvorbeischauer rechtfertigen ihren Fernsehkonsum mit Verweisen auf die verschwindend wenigen Spartensender (Arte wird dabei gerne zitiert), in denen doch hohe Kultur geboten würde. Doch was ist das für eine Fernsehkultur, bei der anspruchsvolle Sendungen entweder gleich abgesetzt oder zu Zeiten gezeigt werden, wo ich längst bettreif bin und am nächsten Morgen nicht mit TV-verstrahlten Augen meinen Patienten gegenübertreten möchte. Unsere Nachbarn verweisen auch gerne auf die tollen Wissensshows, bei denen man so viel lernen kann. Nein, hier wird nicht Wissen aufbereitet, sondern erraten. Und dabei gehts – wie immer – nur um eins: den Geldgewinn.

 

Seit 2006 wurde der Fernseher nicht mehr eingeschaltet. Statt Liebesfilme zu schauen, lieben wir uns lieber selbst, unser Leben ist spannender als jeder Krimi, Comedy und Lachnummern gibt es ständig – live!, Kultur schöpfen wir beidhändig aus Printmedien, Radio und Realwelt und die Nachrichten gibt es auch bei WDR2. Seitdem fühlt sich das Leben wieder echt an. Wir spielen nicht nur überall die Haupt- und Nebenrollen, sondern sind sogar die Showmaster unserer eigenen Lebens-Show. Nun bleibt nur noch ein Frage: Warum sollen wir eigentlich trotzdem GEZ bezahlen?

Das Farasan-Märchen

Die Sage von Jamia und Hedon

 

Erstes Kapitel

 

Vor vielen Hunderten von Jahren, niemand kennt genau die wahre Zeit, erzählten sich die Menschen an kalten Abenden und langen Nächten die Geschichte von Hedon und Jamia. Niemand weiß, ob diese Sage wahr ist oder der Fantasie der damaligen Zeitgenossen entsprungen ist. Gewiss ist, dass es die Zuhörer mit Trauer und Liebende mit Sehnsucht erfüllte.

Es war zu einer Zeit, als noch Könige das Land beherrschten und Thoros zu den reichsten gehörte. Er war mächtig und verfügte über riesige Länderein. Doch er war gefürchtet als ein unberechenbarer Herrscher, der die Untertanen rücksichtslos behandelte und sogar gegen seine eigene Verwandtschaft als skrupellos galt. Sein Reich reichte bis an die Grenzen des Königtums von Urdis. Da zu dieser Zeit die Angelsachsen kriegerisch ihr Unwesen trieben, beschlossen Thoros und Urdis ihre Ländereien gemeinsam zu verwalten, um sich vor Überfällen und Plünderungen besser schützen zu können.

Thoros, der schon reich an Jahren war, hatte einen Sohn namens Hedon. Dieser sollte eines Tages das Werk seines Vaters weiterführen. Doch durchkreuzte es die Pläne des gefühllosen Erzeugers, dass sein Sohn aus einem anderen Holze geschnitzt war. Man beschrieb ihn als feinsinnig und gescheit, als friedliebend und eher den schönen Dingen des Lebens zugetan. Thoros schickte daraufhin seinen Sohn zu seinem Freund, den Fürsten Danur. Dieser war bekannt als großer Kriegsführer. Unter seiner Anleitung wurden namhafte Krieger und Heerführer ausgebildet und diese Zukunft sollte auch Hedon angedeihen. Doch statt sich für die Kriegskünste zu interessieren, verliebte sich Hedon in Jamia, die Tochter des Fürsten. Im ganzen Land erzählte man sich von ihrem Liebreiz und ihrer Weisheit. Ihrem Anblick konnte niemand widerstehen, doch dutzende Bewerber waren schon durch sie abgewiesen worden. Doch Hedon und Jamia hatten  sich gefunden. Jede freie Minute widmete Hedon seiner Geliebten. Er liebte sie, wie nichts anderes auf dieser Welt. Und auch Jamia erwiderte diese Liebe. Doch all dies geschah mit großer Vorsicht, da ihr Zusammensein nicht erwünscht und daher im strengsten Sinne geheim war. Dennoch schworen sie sich das ewige Band der Liebe, das nicht einmal der Tod durchtrennen könne. Diesen Schwur besiegelten sie mit goldenen Ringen. Doch da es ihnen beiden nicht gestattet war, diese Ringe zu tragen, warfen sie die Kleinode in einen kleinen Teich, von dem es heißt, dass dort Nymphen wohnen.

Die Veränderungen, die in beiden vorgingen, konnten allerdings nicht verborgen bleiben. Und so erfuhr Thoros von der Liebschaft seines Sohnes. Zu Sicherung der Königreiche war eine Ehe mit Urdis Tochter vorgesehen, weshalb er den Umgang Hedons mit Jamia verbot. Nie wieder sollten sich die beiden sehen. Doch die Liebe der beiden war von solcher Kraft, dass sie sich den Ansinnen der Väter widersetzten. Jamia wurde in ein Kloster verbannt, deren Mauer sie nicht mehr verlassen sollte und von Hedon wusste man zu berichten, dass er an seinem Liebeskummer erkrankte und eines Tages nicht mehr sprach.

Doch hier endet die Sage nicht, denn die Erzähler berichten, dass der Tag kommen sollte, an dem Hedon und Jamia wiedergeboren werden. Niemand weiß wo und wann, doch jeder, der diese Geschichte hörte, wusste, dass sie sich eines Tages finden würden.

 

 

Zweites Kapitel

 

…wir begeben uns zurück in die Zeit von Jamia und Hedon. Nachdem ihre Liebe öffentlich geworden und eigennützigen Interessen der Väter zum Opfer gefallen war, wurde es für das Liebespaar immer schwieriger, sich unbehelligt an versteckten Orten zu treffen. An jenem Tag in ihrem letzten gemeinsamen Sommer fanden sie sich an ihrem Lieblingsplatz unter einer großen Weide an einen kleinen See. Hier lagen sie oft im Gras, eng aneinander geschmiegt, um jeden Moment ihrer kurzen Zeit auszukosten. Obschon ihre Gemüter schwer von der Last der drohenden Trennung geworden war, gab es immer auch Momente der Ausgelassenheit. sie neckten sich wie in den Anfängen ihrer Liebe. Jamia lehnte an Hedons Brust. Sie hatte die obersten Knöpfe seines Hemdes gelöst und hörte das Klopfen seines Herzens.

Hedon, sagte sie, wie groß ist Deine Liebe zu mir?

Hedon dachte einen Moment nach und antwortete: Von hier bis zur Sonne und zurück.

Jamia lächelte , fragte dann weiter: Und wie fest ist Deine Liebe?

Hedon, der seine Arme um seine Geliebte gelegt hatte, drückte sie fest an sich, wobei er die Kraft langsam steigerte. Jamia wimmerte etwas: Hey, ich krieg ja keine Luft mehr.

Siehst Du, sagte Hedon lachend, dies war nur ein Flügelschlag eines Schmetterlings gegen die Kraft meiner Liebe, die ich wirklich spüre.

Und nun du, sagte Hedon, wie tief ist Deine Liebe?

Jamia schaute auf den See und antwortete: Würde ich beginnen, hier ein Loch zu bohren, so reichte meine Liebe bis zum Mittelpunkt der Erde und zurück.

 Und wie zärtlich ist Deine Liebe, wollte Hedon wissen.

 Schließe einmal Deine Augen, erwiderte Jamia.

Hedon tat wie geheißen und Jamia küsste ihn mit der Süße von Honig und größter Sanftheit auf seinen Mund. Hedon legte seine Hand auf die Stirn und schauspielerte: Oh, mir wird so anders. Ich glaube, ich werde ohnmächtig. Und bei den Worten ließ er sich ins Gras fallen und Jamia warf sich lachend in seine Arme. Dann richtete sie sich etwas auf und wurde ernst. Mit ihrem Zeigefinger strich sie sanft über seine Stirn, seine Nase und endete auf seinem Mund.

Hedon, ich habe noch eine Frage. Was passiert mit unserer Liebe, wenn sie nicht mehr sein darf?

Hedon schaute sie eine Weile an, sah in ihre tiefen, fragenden Augen. Dann nahm er ein kleines Steinchen und warf es in den See. Es bildeten sich kleine Wellen, sie sich in immer größer werden Kreisen bis ans Ufer ausweiteten.

Siehst Du die Kreise? Genauso ist es mit unserer Liebe. Sie breitet sich aus, bis sie überall ist. Und dann wirst Du sie finden, wo Du möchtest. Am liebsten hält sie sich in der Natur auf, in Wäldern und an Gewässern, dort, wo wir sie sooft für uns gespürt haben. Doch sie kann auch durch die stärksten Mauern gehen und dich überall erreichen.

Und was, sollte es die Erde nicht mehr geben, fragte Jamia.

Dafür habe ich vorgesorgt. Hedon küsste ganz leicht ihre Nase. Dort oben gibt es einen Stern, den wird es immer geben. Ich werden ihn Dir zeigen, wenn wir uns nachts treffen. Es ist ein kleiner Stern in der Nähe des Polarsterns. Und weißt Du wie er heißt?

Jamia schüttelte ihren Kopf.

Ich habe ihn “Jadon” getauft.

Wie wunderschön, sagte Jamia und sie schlang ihre Arme erneut um Hedon. Und ein wenig weinte sie dabei, denn nun wusste sie, dass ihre Liebe nie enden würde und überall zu finden sein würde.

Was beide nicht wussten war, dass es ein kleines Segelboot in einem fernen Hafen gab. Auf seinem Bug stand ebenfalls der schon etwas verblasste Name “Jadon”. Vor gar nicht so langer Zeit wurde es von einem sonderbaren Paar gemietet, die damit zu den Farasan-Inseln segeln wollten. Doch das ist eine andere Geschichte!

Die Sage von Jamia und Hedon ist schon sehr alt. Und wenn man an den Feuern in den engen Stuben oder draußen auf dem Feld die Geschichte über die beiden Liebenden erzählte, so röteten sich die Wangen der Frauen und öffneten sich die Herzen der Männer, doch auf vielen Gesichtern sah man auch Unglaube und Skepsis, denn die Existenz einer solch gewaltigen Liebe mochte niemand für bare Münze nehmen. Die Liebe der beiden war so über die Maßen groß, dass ihr nicht Trennung und Tod etwas anhaben konnten. Sie musste weiterleben. Doch dies war in den Herzen der Menschen nicht möglich, also suchte sich die Liebe versteckte Orte voller Magie in der Natur. Sie fand in Sümpfen und Bächen ihr zu Hause, um hier eines Tages….

 

 Drittes Kapitel

 

…ja eines Tagen gefunden zu werden. Und so dauerte es Generationen bis zwei Kinder heranwuchsen, die nicht voneinander wussten, da sie in unterschiedlichen Städten lebten. Und dennoch gab es eine große Seelenverwandtschaft, denn all das was das Mädchen tat, wiederholte sich Kilometer weiter bei dem kleinen Jungen. Beide liebten sie die Natur und konnten es nicht abwarten, sich dort aufzuhalten. Vor allem der Reiz der Gewässer, ob kleiner Tümpel oder großes Meer, faszinierte sie von frühauf. Und so verwunderte es nicht, dass sich die versteckte Liebe von Hedon und Jamia  die beiden Ahnungslosen als neue Zuflucht auserwählte.

Doch bedurfte es wiederum viele Jahre bis die beiden sich auf eigenwillige Weise  trafen und ihre Liebe zueinander spürten.

 

Und wer diese Geschichte nicht glaubt: in einem kleinen Städtchen an der Ems gibt es ein hübsches kleines Haus mit dem Namen “Farasan”. Es wird bewohnt von einem sonderbaren Paar, das ein altes Geheimnis hütet. In so mancher sternenklarer Nacht schauen sie hoch zu ihrem Stern JADON und erinnern sich an das Märchen. Die Farasan-Inseln haben sie nie bereist, denn ihr Traum hat sich hier und jetzt in Wirklichkeit verwandelt. Hier in Farasan zu Telgte.

 

(Diese Geschiche entstand in der früheren Zeit unserer Liebesbeziehung. Wir wohnten noch nicht zusammen und waren daher auf Fantasien angewiesen. Der Text wurde abwechselnd von uns beiden weitergeführt. Die darin verwandten Namen haben bis heute eine wichtige Bedeutung.)

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