Telgte

 

Stadtszenen

 

Das schöne Städtchen Telgte im Münsterland gehört zum Kreis Warendorf und hatte daher immer schon mit gleich zwei bitteren Einflüssen zu kämpfen: Mit dem trübsinnigen Konservativismus von Warendorf und dem hölzernen Beamtentum von Münster. In einer Art hundertjährigem Befreiungskampf haben umtriebige Telgter versucht, sich von dieser Bürde zu befreien, was zwar nur suboptimal gelungen ist, aber immerhin Raum für Hoffnung lässt. Zum einen konnte in der Altstadt das gemütliche Flair weitgehend erhalten bleiben, zum anderen gibt es zahlreiche Geschäfte und Lokale mit zeitgemäßen und überaus kreativen Ausrichtungen. Vor allem in den warmen Jahreszeiten erhält der Marktplatz eine mediterrane Atmosphäre und das Bummeln in den kleinen Geschäftsstraßen wird zu einem sinnlichen Erlebnis.

 

Stadt am Fluss

 

Das Telgte an der Ems liegt, klingt zwar wie eine geographische Unumstößlichkeit, macht aber letztendlich den ganz besonderen Reiz der Stadt aus. Ohne die Ems wäre die Stadt vermutlich längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Für die meisten Besucher (die Bewohner selbst sind oftmals schon betriebsblind) ist diese Symbiose von Stadt und Fluss überaus faszinierend, was in einem Gespräch mit einem nach Telgte Gereisten auf den Punkt gebracht wurde: Wissen sie eigentlich, an was für einem landschaftlichen Kleinod sie wohnen? Wir wissen das und daher sind wir auch gleich direkt an die Ems gezogen!

Land schafft Natur

 

Beim Verlassen so mancher Stadt stößt man entweder auf unattraktive Industrielandschaft oder aber auf unwegsames Gelände mit Ackerbau und Viehzucht. Das findet man natürlich auch in Telgte (manche Rindviecher laufen sogar innerstädtisch unumzäunt herum), doch das Emsstädtchen punktet vielmehr damit, dass das Grün bereits um die Ecke beginnt. Der Dümmert, ein mehr als reizvoller Inselpark von der Ems umflossen, sowie der Pappelwald, ein Baum- und Wiesenareal unmittelbar neben der Stadt strotzen nur so vor Nahrerholungswert. Weiter geht’s mit den Klatenbergen, einem riesigen Wald- und Heidegebiet, bei dem man nicht zu hohe Erhebungen erwarten sollte, sowie den Emsauen, die sich in beide Richtungen des Flusslaufes ziehen. Kein Wunder, dass Telgte an sonnigen Tagen gerne von unzähligen Radlern, aber auch Wanderern und Bootfahrern besucht wird.

 

Temporäres Mittelalter

 

Seit vielen Jahren taucht Telgte im Spätsommer in mittelalterliche Traumwelten ein! Ganz Telgte? Nein! Viele Telgter sträuben sich mit Händen und Füßen gegen die Verrückten, Langhaarigen und Gammler, die im August in Scharen nach Telgte pilgern. Gemeint ist aber nicht die Wallfahrt, sondern das Mittelalterliche Phantasie Spectaculum. Das so viele Telgter dagegen sind, ist ein klarer Vorteil, denn dann sieht man sie wenigstens dort nicht. Und für uns Verrückte, Langhaarige und Gammler ist es eine Wohltat, mal temporär auf wattierte Steppjacken, schlecht sitzende Radlerhosen und Multifunktionswesten verzichten zu können. Im Gegenzug müssen wir die Kirmes mit ihrer grottenschlechten Musik für Frühdebile ertragen, womit unseres Erachtens die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist. Worin der Reiz dieser mittelalterlichen Großveranstaltung liegt? Für zwei Tage sind alle Menschen gleich, egal ob sie reich oder arm, dick oder dünn, erfolgreich oder erfolglos sind. Auch wenn es sich dabei um eine gespielte Illusion handelt, goutieren wir dieses Gefühl mit Haut und Haar. Das es diese Festivitäten bald nicht mehr gibt ist eine der traurigen Telgter Geschichten.

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