FARASAN TELGTE - Gemeinschaft für hedonische Lebensweise
FARASAN TELGTE - Gemeinschaft für hedonische Lebensweise

DREIKLANG DIMENSIONEN

Musik und Talk an ungewöhnlichen Orten in Telgte

Seit April 2017 besteht die Veranstaltung Dreiklang Dimensionen, mit der das kulturelle Angebot in Telgte und Umgebung vor allem im Bereich der Kleinkunst und Nischenkultur bereichert wird. DD wird in Eigeninitiative - und somit frei von Vereinsinteressen und -auflagen - von Farasan Telgte = Marion & Arnold Illhardt organisiert und durchgeführt.

 

Drei Dimensionen bilden dabei das Gerüst dieser  Veranstaltung:

  • Ein musikalischer Part, der sich durch den kompletten Abend zieht,
  • ein Interview mit einer Person aus einem außergewöhnlichen Bereich, sowie
  • mit einer herausragenden oder in besonderer Weise bekannten Person aus Telgte.

Durch die Veranstaltung führe ich - Arnold Illhardt. Die Moderationen erfolgen eher in lockerer und humorvoller Weise, ohne dabei den Ernst eines Themas aus dem Auge zu verlieren. Es geht mir dabei um die Erweiterung unseres Denkhorizonts und die Auseinandersetzung mit Themen, die wir in unserem Alltag wenig im Blick haben. Wird der Abend zudem als unterhaltsam erlebt, ist das Ziel erreicht.

 

Zuständig für die Organisation rund um die Veranstaltung ist Marion Illhardt.

 

Mit dem Eintrittsgeld werden anfallende Honorare und Kosten beglichen. Die Finanzierung ist somit ein Nullsummenspiel. Persönliche Interessen an einer finanziellen Bereicherung bestehen in keinster Weise. Uns liegt ausschließlich die Kulturarbeit in unserer Stadt am Herzen. Kulturelles Ein- und Mitmischen ist wiederum Teil unseres "Zusammenliebens".

1. Veranstaltung 8.April 2017

Autowerkstatt Rüter im Orkotten, Telgte

Eine Autowerkstatt assoziiert man mit schweißtreibender Arbeit, Öl, Motoren, aufgebockten Autos und schwarzen Mechanikerhänden. Der erste Abend der Dreiklang-Reihe in der KFZ-Werkstatt Rüter im Gewerbegebiet Orkotten in Telgte zeigte aber, dass ein solcher Ort auch eine hervorragende Kulisse für ein kulturelles Event sein kann. Menschen, die vor Ersatzteilregalen und Hebebühnen sitzen, wirken zunächst deplatziert, aber genau das führt dazu, sich auf sich selbst zu konzentrieren, sich von Maschinen loszusagen und zu kommunizieren. Eine philosophische Herangehensweise, doch das konzentrierte Zuhören, das Einmischen an der einen oder anderen Stelle und die angeregten Unterhaltungen im Anschluss zeigten, dass das Konzept aufgegangen war. Von meinem alten Freund Stephan Rüter wurde aus derben Bauholz auf einer der Hebebühnen, die sonst Autos nach oben hieven, eine Tribüne nebst Geländer gebaut, die jedem Sicherheitsbeauftragen die Tränen der fachlichen Rührung in die Augen getrieben hätten. Wild zusammengeliehene und damit -gewürfelte Stühle für die über 80 Zuhörer verliehen der Veranstaltung etwas Spontanes, vielleicht auch Wildes, weit entfernt von sterilen Kulturetablissements für das Bildungsbürgertum. Eher Kultur von unten – so ein Zitat von einem Gast des Abends.

Lisa Tuyala  (Stuttgart)

 

Es gibt Sängerinnen, die singen, weil es ihr Job ist. Lisa Tuyala singt, weil es ihre Profession ist. Das ist ein Unterschied! Die vielseitige Musikerin aus Stuttgart mit Münsteraner Wurzeln brillierte gleich in doppelter Funktion bei Dreiklang Dimensionen. Die deutsch-kongolesische Sängerin bot an diesem Abend Ausschnitte aus ihrem Soloprogramm bestehend aus eigenen Texten, sowie Gedichten  deutsch-afrikanischer Poetinnen. Lisa Tuyalas Gesang ist mehr als nur Singen im klassischen Sinne: Sie inszeniert die Texte, indem sie die komplette Klaviatur stimmlicher Möglichkeiten bedient – eine Melange aus Sprache und Gesang mit einer faszinierenden Emotionalität und Sinnlichkeit. Da ihre eigene Band verhindert war, sprangen zwei großartige Musiker ein: Dieter Kuhlmann (Kontrabass) und Tomi Basso (Percussion). Das spontane Zusammenspiel, eine Art Weltpremiere (die drei Musiker hatten nie vorher zusammen gespielt), entwickelte sich zu einer Demonstration musikalischer Interaktion auf hohem Niveau. Und die Zuschauer und –hörer hatten sichtlich Spaß, diesem Trio bei Songs von Lewis Allen, Nina Simone oder Abbey Lincoln zu lauschen.

Faszinierend fanden die Zuhörer aber auch Lisas Antworten auf meine Fragen im ersten Interviewblock. Wenn die sympathische Frau erzählte, sprudelte sie vor Lebendigkeit. Man bekam einen Eindruck von ihrer enormen Vielseitigkeit auch außerhalb der Musik. So ist die Stuttgarterin seit November 2015 am Theaterhaus Stuttgart in dem Stück „Dirty Dishes“, einer rabenschwarzen social comedy zu sehen oder initiiert Projekte und Installationen.

 

Zwischendurch gab es aber auch nachdenkliche Gesprächspassagen, z.B. bei ihren Ausflügen in die Lyrik deutsch-afrikanischer Poetinnen, mit denen Lisa sehr viel verbindet. Zu nennen sind da May Ayim oder Lebogang Mashile. Und immer wieder ging es dabei um das Fremdsein in einem Land und Verlorengehen - „the poetry of getting lost“. Was für eine beeindruckende Frau, war der Kommentar einer Zuhörerin nach der Veranstaltung. Lisa Tuyala hat offenbar deutliche Spuren in Telgte hinterlassen. Musikalisch und als Mensch.

Dr. Bernd Drücke (Münster)

Anarchisten sind gewalttätig und chaotisch. Mit dieser Attitüde, die selbst von vermeintlich anspruchsvollen Medien gerne aus dem Ärmel gezaubert wird, konnte Bernd Drücke, promovierter Soziologe aus Münster und mein zweiter Interviewgast, an diesem Dreiklang-Abend auf – wie ich fand – überzeugende, unterhaltsame und sehr humorvolle Weise aufräumen. Anarchie ist zuvorderst Ordnung ohne Macht und damit der Weg zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Die Inhalte dieser libertären Denk- und Lebensrichtung stehen damit in enger Verbindung zu den Losungen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und – ergänzend - Schwesterlichkeit. Das Bedürfnis, frei von Reglementierung und Macht zu sein, scheint in den meisten Menschen zu schlummern, doch die "Furcht vor der Freiheit" (Erich Fromm) hält sie davon ab, sich auf ein selbstbestimmtes Leben, ein "gelebtes Leben" (Emma Goldman) einzulassen.

 

Dass der Gedanke einer egalitären Gesellschaft nicht nur eine fixe Idee von Spinnern ist, zeigt Bernd Drücke in seinen Büchern an zahlreiche Beispiele aus der Gegenwart auf. Es geht beim Anarchismus weniger um die Umsetzung im Ganzen - das bleibt eher eine Vision -, sondern was zählt sind die kleinen Schritte dorthin. Ein Beispiel ist die seit 1972 existierende anarchopazifistischen Zeitschrift Graswurzelrevolution, die Bernd Drücke als Koordinationsredakteur mitbetreibt; auch hier gibt es keinen Chefredakteur, sondern ein gleichberechtigtes Team. Die Idee des libertären Gedankens lebt der Münsteraner aber auch durch antimilitaristische und pazifistische Aktionen oder durch seinen Einsatz im Verein zur Erhaltung von preiswertem Wohnraum. Bernd Drücke ist kein Schönredner, sondern ein Handler, der sich dort, wo politisches Unrecht oder gesellschaftliche Missstände herrschen, mit gewaltfreien Aktionen einmischt. Von solchen Menschen kann es gar nicht genug geben in einer Gesellschaft, die auf dem Weg ist, sich selbst abzuschaffen.

Michael B. Ludwig (Telgte)

Den dritten Talkgast des Abends musste man in Telgte selbst nicht mehr großartig vorstellen. Michael B. Ludwig ist den meisten Menschen in der Emsstadt bestens bekannt und zwar als Politiker, engagierter Bürger, Zuhörer, „bunter Hund“ und eben Künstler. Die Arbeits- und Aktionsbereiche von Michael B. Ludwig exakt beschreiben zu wollen, wäre ein hoffnungsloses Unterfangen. Wo sollte man anfangen? Er ist Meister der Hauswirtschaft, Künstler, Sozialarbeiter, Maler, Aktions- und Kochkünstler, Objektemacher und Sexualtherapeut, um nur einige Professionen zu nennen. In seinen wie immer sehr humorvollen Ausführungen konnte man an diesem Abend einen kleinen Einblick gewinnen, der Fokus lag allerdings auf seinen künstlerischen Aktivitäten. MBL über sein Wirken: 1/3 Kunst passiert im Atelier, 1/3 ist Aktionskunst und 1/3 bin ich selbst.

Ludwig hat in zahlreichen Museen und Galerien ausgestellt und viele spektakuläre Kunstaktionen arrangiert. Im Interview sprach ich mit ihm vor allem über Aktionskunst, bei der der Künstler häufig selber Bestandteil des Werkes und der Körper, wenn nicht gar das gesamte Leben ein künstlerischer Vorgang ist. Dabei ist dem Telgter ein weiteres Element wichtig: der Humor, den er im künstlerischen Schaffen allgemein häufig vermisst. MBL erzählte von zwei besonderen Aktionen, die mit projizierten Bildern für die Zuschauer untermalt wurden: Eine Straßenkunstaktion (1983) zwischen Telgte und Westbevern (das längste Bild der Welt) und sein Auftritt 1987 mit Publikumsbeschimpfung, Lyrazz und Bodypainting in der Music Hall im Jovel/Münster (u.a. mit Scott McKenzie und The Mamas & The Papas), mit der damals auf illustre, aber wirkungsvolle Weise auf das Thema Aids und Verhütung hingewiesen wurde. Provokation ist somit ein wichtiger Baustein von Ludwigs Vorgehen. Abschließend kritisierte der Künstler noch die Kulturpolitik der Stadt Telgte. Seiner Meinung nach wird für die freie Kunstszene zu wenig getan. Da kann ich als Kulturarbeiter, als der ich mich verstehe, ein langes Lied von singen!

Fotos: Marion Besse-Sandmann

Plakat/Flyer: Kordula Rüter

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